Neue Vorstellungen: ANIMA-Vom Beseelen der Dinge

Foto: Krahl

Ein Jahr nach der Premiere zeigt das Künstlerkollektiv Schuberty Krahl Bauer erneut seine Produktion ANIMA-Vom Beseelen der Dinge.

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Logbuch 3.2: AUS HARTEM HOLZ

Die Kinder von René Sel und seiner Frau ringen bereits mit dem Problem der Identität, umso mehr, als sie sich unter dem Druck der Kämpfe zwischen Siedlern und indigener Bevölkerung sowie der Kriege zwischen England und Frankreich zusätzlich gezwungen sehen, sich auf diese oder jene politische Seite zu schlagen.

Die Betonung im zweiten Buch liegt komplett auf Duquets Entwicklung zum raffinierten (im Sinne von verfeinert in den Methoden) Kapitalisten, dem ultimativen, machiavellistischen Egoisten, dem noch die letzte Gefühlsregung, so vorhanden, zunächst zum Reichtum, dann zum Machtgewinn gereichen soll. Empathie ist ihm fremd, Kinder sind ihm ausschließlich Verlängerung seiner Macht über die eigene Lebenszeit hinaus, Vervielfältigung der eigenen Großartigkeit (kleine Abbilder ihrer Väter, die er in anderen Kindern sieht). Es verlangt ihn nach der hochherrschaftlichen, Macht ausdrückenden Allongeperücke anstatt der praktischeren, kleinen, die derzeit mehr in Mode ist. Nach Welterkundung, Markterschließung in China und Neuengland, nach strategischer Heirat und Kinderzeugung (sie bleiben in Holland) schürt seine Rückkehr nach Neufrankreich in ihm Verachtung gegenüber denen, die er in Hinsicht auf Bildung und Erfahrung hinter sich gelassen hat. Dass er seine alten Genossen, denen er das Leben und seine ersten Kenntnisse im Fellhandel verdankt, nun um genau diese Felle bestiehlt, ist ein weiterer genialer, konzeptioneller Zug der Autorin, mit dem sie seine Skrupellosigkeit beweist. Er hat den besten Geschäftssinn, jedoch täuscht er sich in der Einschätzung der Beständigkeit und Unverwüstbarkeit der kanadischen Wälder, die innerhalb der fünf Jahre seiner Abwesenheit bereits beträchtlich geschrumpft sind. Mit dem Umzug seiner Holzfirma ins englische Boston erfindet sich Duquet abermals neu und nennt sich Charles Duke. Der existenzielle Kampf um das Holz als Ware im Gegensatz zum Wald als Lebensraum der Mi’kmak hat begonnen, und Duquet fällt ihm und seiner Gier zum Opfer.

Im dritten Buch sind wir wieder eine Generation weiter, und allmählich wird deutlich, dass die 10 Kapitel auf 300 zu erzählende Jahre leicht jeweils eine Generation von 30 Jahren repräsentieren können. Angesichts der Informationsfülle stellt sich auch nicht so sehr die Frage, wie Proulx das immense Material strukturieren konnte, denn das klebt sie eng an die Figuren, anders als ein Pynchon oder ein Wallace, die uns in ihren Opus magni einer nahezu fassungslosen Masse an Figuren und Material aussetzen, das diese Frage vordringlich ins Licht unserer atemberaubten Aufmerksamkeit stellt; bei Proulx stellt sich eher die Frage nach der Geduld. Es bedarf schon der Erfahrung eines Lebens, um die schriftstellerischen Entscheidungen zu fällen, die zu einem derart wohlgefassten Werk führen, das den Anspruch an historische Information ebenso erfüllt wie den an eine starke Erzählung und Figuren mit Biss. Und an dem fehlt es wahrhaftig nicht. Im dritten Buch folgen wir wieder Rene Sels indianischen Nachkommen. Sie werden um ihren Besitz an seinem großen Haus betrogen, aber uach das hätte sie wahrscheinlich nicht dazu bewogen, dort zu bleiben, wo sich die Siedler offensiv ausbreiten. Sie reagieren unterschiedlich auf das, was in Zeiten der Gentrifizierung heute Verdrängung genannt wird: die einen passen sich an, die anderen ziehen sich in Gebiete im Landesinneren zurück, dem Land Mi’kma‘ki, wo noch größere Gruppen von ihnen die alte Lebensweise pflegen sollen.

Von Missionaren und Besitzdenken, von Gier nach dem Zuviel ist die Rede, von der Notwendigkeit, Franzosen zu heiraten, um die eigenen Nachkommenschaft zu sichern, nachdem so viele der Männer bei schweren Arbeiten der Holzfällerei verschlissen, beim britisch-französischen Krieg getötet oder an Krankheiten gestorben sind. „Wir sind so wenige, und wir sind so oft krank.“ Renes Sohn Achille versucht, fast erfolgreich, mit seinen beiden schon wenig motivierten Kindern die ursprüngliche Lebensweise des Jagens in unwirtlichem Gebiet wiederzufinden. Der Versuch endet jäh mit einen Massaker an seiner Familie durch englische Soldaten. Schließlich arbeitet er in Holzfällertrupps, die in Charles Duquets aka Dukes Beständen auf der britischen Seite der Grenze wildern, und wird am Ende der Saison noch um seinen Lohn geprellt. Auf der Suche nach seinem Vater gerät Achilles Sohn Kuntaw an Béatrice Duquet, Charles’ Tochter, die er heiraten wird. Gierig rauscht der Leser weiter durch Histoire und Story und kann das kommende Geschehen kaum erwarten.

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Leseliste 2017


1. Ursula Krechel/Landgericht
2. Stefan Hertmans/Der Himmel meines Großvaters (Oorlog en terpentijn; Ü: Ira Wilhelm)
3. Rüdiger Safranski/E. T. A. Hoffmann, eine Biographie
4. Thomas von Steinaecker/Wallner beginnt zu fliegen
5. David Foster Wallace/Der große rote Sohn (The Big Red Son; Ü: Ulrich Blumenbach)
6. David Vann/Aquarium (Aquarium; Ü: Miriam Mandelkow)
7. David Foster Wallace/Der Besen im System (The Broom of the System; Ü: Marcus Ingenday)
8. Roger Willemsen/Wer wir waren
9. Martin Walser/Ein sterbender Mann (abgebrochen)
10. Rüdiger Safranski/Nietzsche-Biografie seines Denkens
11. Uwe Johnson/Begleitumstände, Frankfurter Vorlesungen
12. Kirsten Fuchs/Die Titanic und Herr Berg
13. Isaac B. Singer/Collected Short Stories
14. Marcel Beyer/Flughunde
15. Friedrich Christian Delius/Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus
16. Uljana Wolf/Wandernde Errands
17. Gerald Lind/Lumbers Reise (abgebrochen)
18. Didier Eribon/Rückkehr nach Reims
19. Paul Auster/4321 (4321; Ü: Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann, Nikolaus Stingl)
20. Max Frisch/Aus dem Berliner Journal
21. Annie Proulx/Aus hartem Holz (Barkskins; Ü: Melanie Walz, Andrea Stumpf)
22. Maylis de Kerangal/Die Lebenden reparieren (Réparer les vivants; Ü: Andrea Spingler)
23. Franzobel/Das Floß der Medusa (abgebrochen)

Unter den literarischen Schlaglichtern des Jahres in dieser Liste waren sicher Proulxs Meisterwerk, Kerangals überraschendes, ausgesprochen dichtes Werk und das schmale, informative „Journal“ von Frisch. Ein Drittel der gelesenen Bücher lassen sich der neueren deutschsprachigen Prosa zuordnen, fast die Hälfte der internationalen Belletristik, der Rest sind Sachbücher oder deutschsprachige Klassiker.

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EURODRAM: Aufruf zur Einsendung von deutschsprachigen Theatertexten

EURODRAM ist ein europaweit agierendes Netzwerk, das den Austausch zwischen Übersetzer*innen, Autor*innen und der europäischen Theaterszene fördert. Die unterschiedlichen Sprachkomitees stellen jeweils im Frühjahr eine Auswahl aus drei Texten zusammen – jahrweise alternierend geht es hierbei um Originaltexte und um Übersetzungen. Für die Auswahl 2018 ist das deutschsprachige EURODRAM-Komitee auf der Suche nach im Original auf Deutsch verfassten Texten. Lesen Sie mehr »
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100 Jahre, die die Welt erschütterten

Reihe des Theaters der Generationen (Театр Поколений) zum 100-jährigen der Oktoberrevolution in St. Petersburg, 06.-16.11.2017

Eines der global maßgeblichsten Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts, die Oktoberrevolution 1917 in Russland, wird in der Russischen Föderation, dem Folgestaat der aus ihr hervorgegangenen Sowjetunion, nicht offiziell behandelt. Das hängt mit dem bewusst vage und distanziert gehaltenen Geschichtsverständnis Russlands zusammen, das sich so formulieren lässt: Russland hatte in seiner Geschichte glanzvolle und weniger ruhmreiche Perioden, jedoch war es immer ein mächtiger Staat, der das Weltgeschehen bestimmte. Die differenzierte Beschäftigung mit einem Ereignis wie der russischen Oktoberrevolution, die eine scharfe Schnittstelle zweier solcher unterschiedlicher Perioden darstellt, würde das Land zu einer kritischen Selbstbetrachtung nötigen, die notwendigerweise unerwünschte Folgen hätte für die aktuelle Politik. Daher meidet man von offizieller Seite das problematische Thema.

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Logbuch 3.1: AUS HARTEM HOLZ

Im ersten Buch (1693-1727) überwiegt noch der düstere Ton um eine kleine Gruppe von Menschen, die sich im Wesentlichen auf einer Lichtung in La Nouvelle France aufhalten, Bäume fällen und sich mit der indigenen Bevölkerung aus Miqmaq, Huronen und den kriegerisch-widerständlerischen Iroquis auseinandersetzen. Feudale Strukturen werden aus Frankreich in diese neue, unendliche, bedrohliche Waldwelt übertragen und reiben sich sofort daran wund. Lesen Sie mehr »
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Logbuch 3: AUS HARTEM HOLZ von Annie Proulx

Mit AUS HARTEM HOLZ (Original: Barkskins; Ü: Melanie Walz, Andrea Stumpf) nehme ich mir für diese Dokumentation meiner Leseerfahrung den jüngsten Roman meiner amerikanischen (und, der Vollständigkeit halber, frankokanadischen) Lieblingsautorin vor. Proulx, die zuvor schon erfolgreiche Werke wie SCHIFFSMELDUNGEN (The Shipping News, 1993; Ü: Michael Hofmann) und BROKEBACK MOUNTAIN (1997) hervorgebracht hat, Lesen Sie mehr »
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PS | Politisch Schreiben #3

Am Freitag, 20.10.2017, feiert die PS | Politisch Schreiben das Erscheinen ihrer dritten Ausgabe unter dem Titel „Imagination, Krise, Wirklichkeit“. Essays, Interviews, Drama, Lyrik, Prosa von 29 Autorinnen und Autoren füllen den voluminösen Band.
Als Dossier sind um die Mottobegriffe außerdem 30 schöne, poetische Texte entstanden, die für den Countdown während der vergangenen 30 Tage die Website zierten und dort immer noch zu lesen sind.

Ich freue mich sehr, dass das Magazin auch meinen Text DIE WEITEREN AUSSICHTEN abdruckt.

Das Buch ist erhältlich mit einer Nachricht an die Redaktion: PSredaktion@yahoo.com.

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Eurodram in Lissabon 2017

Foto: Marília Maia e Moura

Ganz im Westen Europas kamen sie zusammen: von Priština und Rom, von Paris und London, von Berlin und Tel Aviv und vielen anderen Orten. Zur 2018er Generalversammlung von Eurodram reisten 22 Teilnehmer, darunter die Koordinator*innen von 13 Sprachkomitees, nach Lissabon, wohin das portugiesischsprachige Komitee in Gestalt von Maria João Vicente und Carolina Mano großzügig eingeladen hatte. An vier Tagen stand unter dem Titel DEPOIS DE BABEL (NACH BABEL; einem Titel von George Steiner) ein gemischtes Programm aus Lesen Sie mehr »
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AM BODEN in Zittau

Die Premiere von AM BODEN am Gerhart-Hauptmann-Theater in Zittau am 29. September 2017 hielt eine Überraschung parat. In der konsequenten Strenge übertrifft die anspruchsvolle Inszenierung Lesen Sie mehr »
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