Der Blick in den Kühlschrank

Die Geste begegnet uns jeden Tag, im eigenen Erleben wie auch in Film und Fernsehen. Wir denken nicht über den Vorgang nach, wir verlangen vom Möbel lediglich die Information. Die Geste wird aber unterschätzt. Sie kann weit über sich hinauswachsen. Sie kann sehr eindimensional und funktional sein, getrieben von schlichtem Hunger, sie kann von da aus aufweichen zu einem immer vageren Gefühl von Appetit, sogar zu Appetitlosigkeit. Sie kann sich vollkommen verabschieden von allem, was mit Nahrungsaufnahme zu tun hat, und sich nur noch mit jedem beliebigen unbefriedigten Bedürfnis verbinden. Über Sokrates ist nahezu nichts bekannt, aber es gibt diese schöne Anekdote, er habe seinen privaten, körperlichen Bedürfnissen öffentlich Abhilfe geschaffen, so auch in der Öffentlichkeit masturbiert. Sein Kommentar: ließe sich der Hunger doch auch nur so einfach befriedigen, indem man sich ein wenig den Bauch reibt. Der Blick in den Kühlschrank ist nichts anderes als die Sehnsucht nach einfacher Erfüllung der Bedürfnisse. So ist die Geste besonders bestechend, wenn Figuren einsam und unglücklich in ihrer dunklen Wohnung herumgeistern und schließlich die Kühlschranktür aufreißen: Licht glimmt ihnen entgegen, ein Trost in der Finsternis, ein Versprechen steckt im Kühlschrank auf Erlösung vom Leib. Zu oft hat der hungrige Mensch sein körperliches Verlangen hier stillen können, als dass er jetzt, in größter Not, im schwierigsten, komplexesten Bedürfnis nicht an den bewährten Ort der Erleichterung zurückfinden würde. Jedoch: der Blick in den Kühlschrank ist eine Enttäuschung, muss enttäuschen. Denn wie viel Geliebte, wie viele Ersehnte, wie viele Freunde kann ein Kühlschrank fassen?

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