Richard Foremans “Astronome”

Eine jüngere Arbeit von Richard Foreman, dem Altmeister der Theateravantgarde in New York, ist zusammen mit dem Musiker John Zorn entstanden. Das Publikum wird gewarnt, dass fünf Minuten nach Beginn des Stückes sehr laute Musik einsetzen würde. Anders als beim Flugzeugabsturz erweist sich die Verheißung schrecklicher als das Ereignis selbst. Es war eine erträgliche Lautstärke, wenn auch die Musik durchaus unverträgliche Töne hatte; der Rest ist Geschmacksfrage. Sie bewegte sich insbesondere in den lauteren Passagen in Richtung Death Metal. Für dieses Theaterstück verzichtet Foreman auf Texte. Die sieben Darsteller/innen agieren bis auf die wenigsten Ausnahmen stumm. Seltene Texte kommen fast ausschließlich von einer aufgenommenen Männerstimme.

Dadurch tritt etwas von Foremans Arbeitsweise deutlicher als je zutage: die Gesten, die Blicke, die Kostüme, die Bühnenausstattung – alles vermeint auf etwas zu zeigen, eine Bedeutung zu haben, auf etwas hinzuweisen. Die Figuren tragen uneinheitlich zusammengewürfelte Versatzstücke osteuropäisch anmutender Folklorebekleidung. Man denkt an das Osmanische Reich, an Sinti oder Roma, sogar an Ägyptisches. Ein „Mann mit grünem Gesicht“ bleibt durch Plexiglas von den übrigen getrennt, lediglich ein Loch (wie ein "glory hole") ermöglicht bis zum Schluss den Kontakt. Die Figuren holen immer wieder Tarotkarten aus den Taschen, zeigen das Bild, lassen die Karte fallen. Wiederholung ist wie stets auch hier ein Mittel, wenn z. B. der Mann hinter der Scheibe stets dieselbe grüne Zunge herausstreckt, den Finger auf eine von der Decke hängende Puppe gerichtet, die ebenfalls die Zunge zeigt. Überhaupt scheint die Geste des Zeigens hier so wichtig wie selten in Foremans Stücken.

Vor allem fehlte der Arbeit das, was sonst die geheimnisvolle Stärke in Foremans Arbeiten war: der Text. Auf einer Tafel wird nicht geschrieben, sie wird nur immerfort wieder blankgewischt. Foremans Arbeiten waren in der Lage, mit einem gekonnt und hintergründig gebauten Text, der rätselhaft, aber durchaus zu lösen war – beziehungsweise stets etwas auszulösen vermochte -, das Spannungsfeld zwischen dem Spiel und Wort aufbauen. Wie die Kostüme das Theater aus der Mottenkiste zitieren, so wirken nun auch die stummen Gebärden wie Zitate der theatralischen Geste, und alle Hinweise weisen auf nichts. Die Figuren weisen hin auf die Bedeutung, die ihre Attribute und Requisiten haben. MIt geheimnisvoller Gebärde und wissender Mimik werden Gegenstände behandelt, als hätten sie einen Wert, der in ihrer Bedeutung besteht. Nie jedoch entschlüsselt sich diese Bedeutung. In Paradise Hotel (Hotel Fuck) (1998) drehte sich eine Passage um die Gier einer Figur nach einer anderen Figur Schuh. Die Intensität dieses Gefühls verlieh dem Schuh eine Bedeutung als Objekt der Begierde, und die Begierde nach dem Besitz des Anderen bestimmte die Dynamik dieser Szene, dieses Motivs. Natürlich ging es nicht um den Schuh, aber der Schuh war notwendig, um das Gefühl daran zu hängen. Die fallengelassenen Karten, die seltsamen Hüte, die grüne Zunge sind Chiffren, die sich jedoch nie entschlüsselt. Hieroglyphen. Es scheint in allem Bedeutung zu liegen, aber sie scheint nichts wert zu sein, sie ist nicht mehr emotional gefüllt. Treffender hätte diese Arbeit "Astrologe" geheißen, behauptet der nicht Bedeutung, wo keine ist.

Der gesamte Abend ist durch die Musik des Komponisten und Musikers John Zorn sehr anstrengend, durch die leeren Gesten und das muffige Erscheinungsbild bleibt der Zuschauer allein, und durch alles hindurch spürbar ist eine Verlorenheit.

Seit längerem scheinen Foremans Theaterarbeiten zu etwas wie der Kommunion geworden zu sein: jedes Jahr kommt sie wieder, man geht hin, man empfängt sie, das Ritual verlangt nicht den Glauben. Im Gegenteil: das unverändert Rituelle wird letztlich nur noch hohl. Foreman scheint selbst nichts eingefallen zu sein als das bloße, durch keinen weiteren Inhalt gestützte Vorzeigen der eigenen Mittel, die einmal so erfolgreich waren. Ein trauriges Erlebnis. Bleibt die Hoffnung auf eine Selbst-Neu-Erfindung.

Dieser Beitrag wurde in Kommentar veröffentlicht und getaggt , , . Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen. Sowohl Kommentare als auch Trackbacks sind geschlossen.
  • Blog via E-Mail abonnieren

    Gib deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

    Schließe dich 142 anderen Abonnenten an

  • Newsletter