Lieber sterben

Jahre lang wartet der Leidende auf die Wendung zum Besseren. Kommt sie nicht, wartet er sein ganzes Leben lang. Alles wird gut werden, wiederholt unermüdlich eine Stimme, und der Glaube ist Trost. Der Mangel durchdringt ihn vollkommen, so dass die Hoffnung nirgends festen Boden findet, auf den sie sich gründen könnte; aber das ist das Wesen der Hoffnung, sie braucht nichts als den Glauben, sie besteht grundlos in der Leere, während wir im endlosen Morast weiterwaten bis zum Umfallen.


Die Wendung zum Guten, wenn sie kommt, ist vorrangig als Richtungsänderung spürbar, die Richtung selbst bleibt abstrakt. Das Bestehen im Elend ist immer ausschließlicher erträglich durch Verharren in derselben Haltung. Die peinlich gleiche Wiederholung desselben Ablaufs ist als bekanntes Übel der willkommenere Zustand. Und wäre auch nichts Schlimmeres denkbar. Wieso ändert der Leidende nichts an seinem Zustand? Vor allem ist das Verharren die einzige Garantie fürs Überleben, da es die Sinne taub genug macht gegen die Missstände.


Derjenige wehrt sich am meisten gegen die Wendung zum Besseren, der sie am längsten, am innigsten ersehnt hat. Er hält sein Leid überhaupt nur durch dessen immer gleiche Härte aus. Die Veränderung, die er am dringendsten ersehnt, fürchtet er wie den Tod, er fürchtet den Tod in den sich verändernden Umständen. Zu Recht, denn das Verlangen nach den besseren Umständen hat  diese zum unerreichbaren Paradies erhöht, das sein Elend am Ende erst ermöglicht und rechtfertigt. Wem die Jungfrau tatsächlich erscheint, der kann nicht an sie glauben oder stirbt daran.


Im Namen dieses Paradieses wird er willig sein Leid unendlich vergrößern lassen. Alle seine Kräfte sind längst aufgebraucht, er lebt vollkommen auf Kredit, außer Glaube Liebe Hoffnung hält ihn nichts mehr zusammen – Selbstbetrug, Selbsterniedrigung, Lüge. Kommt nun etwa die Veränderung, so verlangt sie einen neuen Rhythmus, eine unterschiedliche Haltung. Das mag dem Verstand noch so sehr einleuchten; dem Körper jedoch widerstrebt es zutiefst, denn jetzt werden gegen erste leichte Verbesserungen alle Übel erst (wieder) in vollem Umfang spürbar, und deutlich tritt zutage: es ist keine Substanz mehr vorhanden, dieses Leid zu tragen, wenn es nicht gleich ganz aufhört. Keine Linderung ist erträglich, nur die vollkommene Aufhebung allen Leids könnte an die Stelle der schlimmsten Lebensumstände treten. Das Ertragen von Leid übt nicht etwa, sondern braucht diese Fähigkeit vollkommen auf. Das neue Glück müsste also ein Leben voller Entbehrungen aufwiegen und einen unermesslich angehäuften Berg an Erwartungen erfüllen. Es muss dann schon das Paradies selber sein.

Dieser Beitrag wurde in Literatur veröffentlicht. Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen. Sowohl Kommentare als auch Trackbacks sind geschlossen.
  • Blog via E-Mail abonnieren

    Gib deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

    Schließe dich 147 anderen Abonnenten an

  • Newsletter