Nature Theater of Oklahoma – No Dice

Gastspiel von No Dice am 25. November 2009 im HAU3 in Berlin

Weg mit dem Naturalismus, scheint es im zeitgenössischen US-amerikanischen Theater derzeit zu heißen. Young Jean Lees gefeiertes Shipment benutzt eine ausgefeilte Komposition aus vier Teilen, um die Abwehrmechanismen des Publikums auszutricksen und den Zuschauer mit der Nase auf die eigenen Denkmuster zu stoßen.
Schon vor der Vorstellung geht es billig und ohne Pomp zu: die Macher des Nature Theater of Oklahoma Liška und Copper verteilen Billig-Limo und schmieren fettige Erdnussbutter auf ungetoastete Weißbrotscheiben. Das hat sicher auch pragmatische Gründe, weil vier Stunden eben lang sind im Theater. Die Theaterbar des HAU bleibt allerdings (leider) geschlossen, es ist also ein konsequentes Konzept im Spiel.
Die Dramaturgie des Nature Theater bei No Dice ist spielerisches Regelwerk. Ein Sinn ergibt sich vorderhand nicht. Ebenso wird auf eine Geschichte, die sich entwickelt, verzichtet, auch auf Charaktere, die sich verändern. Mehr noch: einige Passagen hören wir mehrmals, indem die Dialogteile unter den Darstellern weitergegeben werden.

Ich frage Kelly Copper und Pavol Liška: Wieso der Titel?
Pavol: Bei der vorhergehenden Produktion Poetics haben wir mit Alltagsgesten gearbeitet, die wir dann per Zufallsprinzip mittels Würfeln ausgewählt und choreographiert haben. Bei No Dice haben wir Gesten aus dem Repertoire des Melodramas verwendet, diesmal allerdings mithilfe von Spielkarten, ohne Würfel. Daher der Titel.
Es gibt in No Dice einige Stellen, die buchstäblich getanzt werden, zu Musik, die einmal einer der Darsteller (bei diesem Gastspiel: Jaryd Rychtarik) mit Mund, Mikro und Mehrspurgerät produziert. Über die längste Zeit der fast vier Stunden gibt es bei dieser Arbeit aber keine Choreographie.
Es ist ein Gestenrepertoire von drei mal dreizehn Gesten entstanden, von denen einige Bewegung im Raum, andere buchstäblich Gesten bezeichnen. Die Schauspieler wählen auf der Szene spontan aus, welches Element sie verwenden.
Woher stammen die Texte? Was sprechen die Darsteller?
Wir haben nach dem Undramatischsten gesucht, was uns einfiel. Wir sind auf Telefongespräche mit den Ensemblemitgliedern und deren Verwandten (Tante Teresa!) verfallen, habe diese aufgenommen, und die bilden nun die textliche Grundlage.
Die Darsteller tragen Ohrhörer. Werden die Texte über Funk zugespielt?
(Pavol lacht) Sowas können wir uns nicht leisten. Nein, wir verwenden iPods, so einen hatte jeder. Vor dem Auftritt machen wir 1-2-3 und starten die Wiedergabe gleichzeitig. Die Schauspieler hören die Originalaufnahme der Telefongespräche, hier, hör mal. (Er reicht mir den iPod rüber.)
Das hören die auf der Szene und sprechen es nach? Das ist sehr schlecht zu verstehen.
Es erfordert einige Übung.
Im Stück ist von der elfstündigen Originalversion in NYC die Rede. Wie hat das auf die Zuschauer gewirkt. Saßen da am Schluss nicht nur noch vier Leute im Saal?
(Pavol lacht wieder) Es gibt keine elfstündige Originalversion.
Ach, verdammt, dann ist das…
– ein Mythos.
Also, der ganze Abend ist ein Puzzlespiel?
Ich komme vom Hockey, ich liebe Mannschaftsarbeit nach einfachen Regeln.
Wie geht es weiter mit dieser Arbeit?
Wir bereiten eine Arbeit vor, die vierundzwanzig Stunden lang ist.
Es muss weiter gesteigert werden.
Das wird eine Oper. Wir werden uns ein Jahr lang darauf vorbereiten.
Wohin kann das noch führen?
Wir sind dann mit der Arbeit mit Telefonaufzeichnungen am Ende. Das wird unsere letzte Forschung in diese Richtung.
Was kommt dann?
Wer weiß. Etwas Neues.

Wiewohl in Alltagssprache, drehen sich die Telefongespräche thematisch um das Ganze, Große: wie lebe ich mein Leben, wie finde ich mich zurecht, wer bin ich? Daher sind die Gesten des Melodramas alles andere als beliebig. Große Themen mit großen Gesten, mit voller Emotion – das ist Melodrama. Dass die Texte dann nicht der pathetischen Sprache des Melodramas folgen, ist nur ein unterhaltsamer stilistischer Bruch.
Der vierstündige Abend endet mit einer langen Passage, die uns den Text hören lässt, der den Darstellern eingespielt wird, und zwar just an der Stelle, als Tante Teresa darüber spricht, dass das, was sie gerade sagt (und in einem früheren Gespräch gesagt hat), in der Produktion Verwendung findet. Dazu wird auch das Transkript der originalen Telefongespräche auf der Rückwand projiziert, Pfeile markieren die Stelle, die gerade zu hören ist, während der Text durchläuft wie ein Abspann. Wir sind authentisch, scheint diese Stelle der Produktion zu schreien, wir machen nichts vor, hier ist nichts hinter der Fassade. Weg mit der Illusion. You get what you see. Dann der so energetische wie frenetische Schlusstanz und abrupter Black.

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