Adaptive Lebensformen

Hauptsächlich als Ergebnis meiner Unausgeglichenheit im familiären Umfeld an diesem Morgen schicke ich mich selbst allein in die Retrospektive des Photographen Christer Strömholm, eine der letzten Ausstellungen im C|O Berlin im Postfuhramt vor dem Umzug ins Amerika-Haus am Zoo am 8. März. Ab den Fünzigerjahren knipste Strömholm in Frankreich (Paris) und Marokko Randgestalten der Gesellschaft. Paris war nach dem Krieg auch nicht so glamourös wie davor und die Gesetze gegen Trans-, Homo- und sonst wie –sexuelle streng wie sonst auch. Wie später Nan Goldin und Larry Clark (jüngst ebenfalls hier gesehen), deren Photographengeneration er prägte, bewegte er sich sehr privat unter diesen Nonkonformen, die sich natürlich nach einem akzeptierenden Kontext sehnten.

Was aber zeigt mir diese Ausstellung: dass auch Identitätssuchende Liebe brauchen und leben? Dass sie keine wären, wenn die Gesellschaft keinen Mainstream hätte und die Familie nicht heilig halten würde? Dazu passt ein Artikel von Abby Ellin in der NY Times (sie hat mehrere zu dem Thema geschrieben) über das neue uralte Modell der Elterngemeinschaft ohne Liebe. Die Liebesheirat als Rousseausche Idee ist bekanntermaßen sowieso noch recht jung, und die Versorgerehe wurde erst von der Frauenbewegung vor hundert Jahren wirklich moralisch kritisiert. Dennoch ist dieses ältere Modell der Lebensgemeinschaft aus Pflicht oder Notwendigkeit (Machterhalt, vor allem aber wirtschaftliche Argumente des billigeren gemeinsamen Lebens) ein Wiedergänger insbesondere in Zeiten der klammen Kasse. Besagter Artikel benannte die Entscheidung für ein Leben in einer familiären Situation ohne Liebe als neue Form des Zusammenlebens (und macht lachen, wenn man an die vermutlich ratlose Position der Kirche dem gegenüber denkt). Während die wirtschaftlichen Argumente weitergelten, ist neu hieran, dass die beiden Partner sich in dieser Form der Gemeinschaft auch mit dem Argument zusammenschließen, den Kinderwunsch mit den Vorteilen eines klassischen Familienmodells zu verbinden, das man dem Kind dann auch bieten kann. Angesichts der hohen Zahl von Trennung bei Paaren auch mit Kindern ist es ja auch eigentlich einerlei, ob sich die Eltern von Anfang an nicht lieben oder erst später damit anfangen.

Die Ausstellung betrifft das insofern, als dass gilt: Allein machen sie dich ein, oder: Man muss mindestens zu zweit sein. Alleinerziehend war als Emanzipationsthema politisch einmal wichtig, aber nach wie vor eine Strafe. Zentral für die Strömholm-Ausstellung ist der kleine Raum im Obergeschoss: Les amis de la Place Blanche: Freunde waren wichtig fürs Überleben in einer unterdrückerischen, nach dem Krieg und vor 68 immer noch sehr konservativen Gesellschaft, die Transsexuelle – oder LGBTs, wie man aktuell sagt – ausgrenzt und verfolgt. Und das nimmt man auch mit: Ohne Familie bleiben am Schluss die Freunde.

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