Stummer Terror

Und wieder wundere ich mich über die Porträts von Böhnhardt und Mundlos, auf denen sie jung aussehen und freundlich, nette Jungs. Aber die Bildqualität, schwarzweiß, graugrau, körnig, wie die anderen Terroristenfotos vor Jahrzehnten. Damals hat mich auch immer gewundert, wie man anhand dieser Bilder jemanden erkennen könnte. Mundlos und Böhnhardt sind tot, Zschäpe gefasst, Wohlleben gefasst. Ihre Fotos dienen also nicht zum Erkennen und Auffinden. Vielmehr sollen sie die Täter zeigen. Zur Abschreckung wie die schon abgeschlagenen Köpfe auf der Stadtmauer taugen die NSU-Fotos nicht. Sie vermitteln im Zeitalter der Bildmedien einen auffällig prähistorischen, letztjahrhundertigen Eindruck, während Neonazis doch heute so modern sind, neues Outfit, Rückkehr in die Mitte der Gesellschaft etc. Völlig falsches Bild. Im November 2011, gleich nach Auffliegen des NSU, sah die kurzzeitig erstaunte Republik noch jetztzeitlichere Farbfotos von den Mördern in der Presse. Und nett sind sie auch nicht. Es ist praktisch falsch herum: die Gesichter verschleiert die Natur der Taten und Gesinnung, die Bildqualität verschleiert die Aktualität.

Terrorismus in Deutschland hat die Ausrichtungen radikal links, radikal rechts, radikal islamistisch. Gemeinsam ist das Ergebnis: Es wird zum Teil erfolgreich versucht, Menschen zu töten.

Dabei gibt es Unterschiede in den vermeintlichen Motiven, die die Täter gesellschaftlich/demografisch äußerst weit auseinanderrücken.

Der linke Terrorismus war vor allem raf. Es gab noch einige andere „Kommandos“ und „Bewegungen“, aber im Zentrum stand immer die raf. Die hat sich nach eigenen Angaben in der dritten Generation 1998 aufgelöst. Sie wollte die soziale Ungleichheit und Unterdrückung in der Gesellschaft bekämpfen, indem vermeintlich Schuldige in den Machtetagen zur vermeintlichen Rechenschaft gezogen werden. Hier liegt also die moralisch-politische Motivation zugrunde, an gesellschaftlichen Misständen Schuldige zu bestrafen.

Der islamistische Terrorismus agiert in kleinen Zellen oder Einzeltätern und verbreitet allgemein Schrecken. Ein Motiv ist dabei schwer zu erkennen. Möglicherweise stellt sich jeder Anschlag in den Krieg von fundamentalistischen Islamisten gegen die westliche Welt im Allgemeinen, sehr schwammig. Sprachrohr, wenn überhaupt, sind hier hauptsächlich Videos auch von Selbstmordattentätern, die sich so bildlich verewigen. Auch hier ein zugrundeliegendes Motiv von moralisch-religiöser Bestrafung (von vermeintlichen oder echten Sündern).

Der rechtsradikale Terrorismus der vergangenen Jahre, dessen Ausmaß nun zunehmend aufgedeckt wird, agiert vollkommen anders. Er mordet einzelne Personen ohne besonderen gesellschaftlichen Einfluss, im Gegenteil eher aus den einkommensschwachen Schichten. Bei Wikipedia heißt es: „Die Opfer waren meist Kleinunternehmer mit Migrationshintergrund, darunter sechs türkische Staatsangehörige, zwei türkischstämmige Deutsche sowie ein Grieche.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Neonazi-Mordserie). Das Ziel ist wohl, Angst bei der Zielgruppe der Opfer zu verbreiten.

Der linke Terror scheint mit dem Inaktivwerden der letzten „Generation“ der raf aktuell nicht mehr relevant.

Der islamistische Terror wird vom BKA scheinbar sehr genau beobachtet und z. T. unterbunden, wie an gelegentlichen Pressemeldungen über Verhaftungen von Tätern oder Vereitlungen von Anschlägen zu ersehen ist.

Der rechtsextreme Terror wird aktuell von den Behörden in vielfach als unbefriedigt empfundenen Maße aufgeklärt bzw. ermittelt. Aktuell hat der 2. Untersuchungsausschuss im 2. Jahr seine 57. Sitzung vor sich.

Der linke Terrorismus hat sich immer in die Pflicht genommen, sich theoretisch zu äußern, ein Grundkonzept zu haben. Zu denken. Nicht zuletzt durch die extrem intellektualisierte Auseinandersetzung der raf und ähnlicher Zellen ist eine starke Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit angeregt worden, ja geradezu eine eigene Sprache geschaffen worden.

Der rechte Terrorismus hat dieses Bedürfnis offenbar nicht. Während von der raf (u. a.) vier Grundsatzpapiere erschienen sind, agiert/e der NSU (der in Aktion trat, als die raf sich aufgelöst hat) quasi stumm. Die später gefundenen Bekennervideos mit dem Slogan „Taten statt Worte“ und schon vorbereitete Umschläge sind nicht versendet worden. Vielleicht auch dadurch wurde lange der bei der raf verhältnismäßig erfolgreiche „Fahndungsdruck“ vollkommen vermieden. Der Generalbundesanwalt erklärte das Ziel des NSU so: „aus einer fremden- und staatsfeindlichen Gesinnung heraus vor allem Mitbürger ausländischer Herkunft zu töten“ *. „Angesprochen“ wurde nicht die gesamte Bevölkerung, es gibt keinen Aufklärungsgedanken wie bei der raf, angesprochen wird lediglich die direkte Zielgruppe jener, bei denen Angst geschürt werden soll. Du kannst der Nächste sein, das ist die Botschaft der Kugeln. Wie die zweite Generation der raf ist der NSU international vernetzt und national sehr gut organisiert und erhält Unterstützung aus z. T. auch in der Politik aktiven Kreisen bzw. Personen.

Abgesehen von der derzeit vorherrschenden und brennenden Frage nach der Rolle der Geheimdienste und Behörden bleibt in diesem Zusammenhang auch diese: Wieso fühlt sich die deutsche Bevölkerung von den Angriffen auf vermeintlich Andere nicht angesprochen, nicht im Visier? Die Propaganda der raf zeigte in der Gesamtbevölkerung eine Wirkung der Angst, die von den Medien verstärkt oder geschürt wurde. Die Medienberichte über den NSU führen zu keinem vergleichbaren emotionalen Effekt in der Bevölkerung. Der Terror des NSU hat(te) keine Stimme. Vielmehr verbreitet(e) er zielgerichtet Angst in einer ausgesuchten Bevölkerungsgruppe und trägt so dazu bei, die Bevölkerung in potenziell Betroffene und Nichtbetroffende zu spalten. Das war sicher eine Zielsetzung. In dem Moment, wo sich nicht die gesamte Bevölkerung von den NSU-Morden angesprochen fühlt, ist das ein Erfolg für den NSU.

 

*Haftbefehl gegen die Brandstifterin von Zwickau wegen mutmaßlicher Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)“. 37/2011. Der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof, 13. November 2011, abgerufen am 15. November 2011).

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