Rauschwolken

THE RUM DIARY. Gnadenloser Bericht eines Unsympaths unter anderen Arschlöchern. Ende der Fünfziger auf Puerto Rico, einem seit dem spanisch-amerikanischen Krieg von den USA besetzten Inselstaat mit in der Folge dauerhaft ungeklärtem politischen Status, einem politischen Limbo, was noch schlimmer ist als das moralische postmortale. Ständig betrunkene, selten arbeitende Journalisten bei einem amerikanischen Lokalblatt, über dessen schlechte Qualität sie sich fortwährend beschweren. Das Land wird von Investoren der Tourismusbranche ausgeweidet, während sie es zivilisatorisch für indiskutabel halten.

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Die knappe Prosa führt einerseits die moralische Verkommenheit der Akteure in jeder ihrer beruflichen und privaten Entscheidung vor Augen, indem sie sich nichts und niemandem als ihrem privaten Fortkommen verpflichtet sehen, welches allerdings dank Lethargie und Trunksucht bloß für ein Davonkommen hinreicht. Andererseits zeigt sie den Blick der moderneren Kolonisatoren auf die Einheimischen, der wie bei Conrad in Afrika (HEART OF DARKNESS findet entsprechend auch Erwähnung) sowohl von Abscheu als auch von Horror der Amerikaner vor den Puertoricanern geprägt ist. Die einzigen beiden Begegnungen mit den „Wilden“ werden als ausgesprochen bedrohlich empfunden und führen die Gruppe der handelnden Personen in rechtliche Bedrängnis durch die örtlichen Behörden: sie werden verhaftet und nur durch Glück auf freien Fuß gesetzt; beim zweiten Mal, einer Party, wird die "weiße Frau" "geraubt".

Thompson nimmt sich selbst in diesem hervorragend komponierten Portrait seiner arroganten, „westlichen“, "weißen" Kultur nicht aus. Den vermeintlich wilden und gefährlichen Situationen liegt stets eigene Fahrlässigkeit der Kolonisatoren zu Grunde, immer entgehen die Beteiligten der Gefahr knapp oder auf ungeklärte Weise. Alle sexuelle Gier und menschliche Rücksichtslosigkeit, die die Amerikaner den Einheimischen implizit unterstellen, zeigt sich allein bei ihnen selbst. Der einzige Mord geschieht unter den Amerikanern selbst. Und alles erstickt in einer rauschhaften Gosse von Rum, der auf den Inseln hergestellt und billig immer und überall zu haben ist und so unglaublich viel und dauerhaft konsumiert wird, dass einem schon beim Lesen schlecht wird.

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