Erinnern/Vergessen

Der größte Teil des Erlebten verschwindet sofort im Mülleimer des Vergessens. Das Gedächtnis sucht sich die eindrucksvolleren Ereignisse heraus und klebt sie ins Album der Erinnerung. Egal, ob angenehm, unangenehm. Wobei die harmloseren gegenüber den unangenehmen deutlich hervorgehoben werden. Ereignisse, die einen schlecht dastehen lassen, die einem schon unangenehm waren, während sie sich ereigneten, werden tendenziell weniger häufig erinnert. Gern verdrängt. Ganz schlecht aber stehen unbedeutende Abläufe vor dem Kriegsgericht der Erinnerung. Die werden schon im Sichereignen standrechtlich erschossen. Oder aus ökonomischen Gründen, wenn man so will. Wenn man drüber nachdenkt, scheint die Erinnerungskapazität wesentlich begrenzter zu sein, als ihre nicht stoffliche Wesensart es vermuten lässt. Oder andersherum: Wer zuviele eindrückliche Dinge erlebt, kommt vielleicht mit dem Vergessen nicht hinterher. Vielleicht kann man auch sagen, dass das Vergessen irgendwann überfordert sein kann. All die kleinen Fahrkartenkäufe, die vielen Stühle, auf die man sich gesetzt oder von denen man aufgestanden ist, selbst auch intensiver geküsste Lippen werden sozusagen mit links wegarchiviert. Alle die alltäglichen Vorgänge, die technisch gesehen ebenso Erlebnisse sind wie intensivere und diese mengenmäßig weit übertreffen, können vor dem spektakularistischen Interesse des bildzeitungsmäßig an fetten Überschriften interessierten Vergessens nicht bestehen. Es gibt ja viel mehr Momente in einem Leben, wo sozusagen nichts passiert, das einen irgendwie aufregt, und das ist ja weiß Gott auch gut so. Aber die sind alle weg.

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