Intimität

Einen Moment zögerte Rathenow, ob er ihr nicht nachgehen sollte. Nicht ihretwegen, also schon ihretwegen, aber nicht seinetwegen: nicht um ihrer beider willen. Immerhin kannte er sich nicht. Ein paar Worte gewechselt am Mittagstisch, sie beide allein über ihrem jeweiligen, aber gleichen Asiaessen, er mit Stäbchen, sie ohne. Stammgast, soviel hatte er erfahren aus dem Wie immer? der Bedienung. Sie war aufgestanden, plötzlich hastig nach einem gemächlichen Essen, während er geschlungen hatte und dann sitzend am Tisch verweilte, tatenlos. Im Spiegel der Wahrnehmung der anderen hatte Rathenow sich betrachtet und sein Tun rechtfertigen müssen, sein Nichttun vielmehr: er plante. Was als nächstes zu tun sei, was danach zu tun sei, was heute noch zu erledigen sei. Sie dann, anstatt vielleicht ein Gespräch zu entwickeln, das schon als Möglichkeit in der Luft lag nach zwei, drei gewechselten Worten und Lächeln, zahlte und stand auf und rasch zur Tür hinaus und weg. Er gemächlich ebenfalls in Jacke hinaus auf den Gehweg und schaute in die sie aufgenommen habende Richtung und sah sie noch: die Jacke mit entschiedenem Schritt zwischen Menschen weggehen. Etwas wollte ihn schon hinterherziehen, den Fuß schon heben, das Gewicht schon verlagern, aber wozu? Wieso ihr folgen? Das war ein schwaches Etwas, das keine Argumente hatte. Nehmen wir an – dachte er, sich aber schon abwendend in die Gegenrichtung: seine – nehmen wir an, wir folgten ihr, um was zu sehen? Wohin sie geht? Wohin soll sie schon gehen? An einen Arbeitsplatz. Aber welcher? Wohin genau? In ein Vorder- oder ein Hinterhaus? Im zweiten oder vierten Stock? Um was zu tun? Allein oder mit anderen? Welcher Art würde die Innenausstattung sein? Wie hätte sie die Dinge um sich arrangiert? Was würde all das über sie sagen? Was würde sie selbst über sich sagen? Über anderes? Über die Welt? Die Menschen?

Aber all das war es nicht, nicht nur. Es ging um das Geheimnis. Das Geheimnis zeichnete sie nicht aus vor anderen um ihn herum, sondern es zeichnete jeden aus, der nicht er selbst war. Jede und jeder hatte das Geheimnis, und das war nicht nur das, was Rathenow nicht von ihr oder ihm wusste. Vielmehr war es das, was all diese Sies und Ers auch von einander nicht wussten. Auch von sich selbst nicht wussten. Was herauszufinden war. Ein Geheimnis, das entdeckt werden wollte. Etwas Intimes, das niemand wusste. Ein Wissen, das eine solche Nähe mit sich brächte, dass dieser Mensch, jeder Mensch, etwas Besonderes würde, sobald er, Rathenow, es von ihr oder ihm erführe. Gab es so etwas auch für ihn selbst? Hatte er selbst Seiten, Eigenschaften, Merkmale, die vielleicht nicht für sich, aber doch insgesamt, in ihrer Kombination, unverwechselbar waren und ihn damit also doch, alle Banalität beiseite, zu einem ganz besonderen Menschen machten? Züge, die im Dunkeln lagen und unscheinbar daherkamen, aber nur darauf warteten, entdeckt zu werden, nur auf die oder den oder vielleicht auch das warteten, das das richtige, das geeignete Licht auf sie warf und so zum Strahlen brachte, nein, nicht zum Strahlen, einfach nur sichtbar machte, SAH, wahrnahm. Ja, rief es mit verzweifelter Sehnsucht in ihm, JA, wir sind hier, wir wollen entdeckt werden, wir wollen diese Nähe, dieses Verständnis, diese Wahrnehmung erleben. Er zog die Luft zwischen den Zähnen durch, dass ein Geräusch entstand, drehte sich im Gehen noch einmal um: die Jacke, der Rücken waren verschwunden, untergegangen zwischen anderen Fronten, Rücken, Seiten von unverwechselbaren Persönlichkeiten, die sich alle unscheinbar ähnlich sahen.

Dieser Beitrag wurde in Literatur veröffentlicht und getaggt , , . Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen. Trackbacks are closed, but you can post a comment.

Kommentar verfassen

  • Blog via E-Mail abonnieren

    Gib deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

    Schließe dich 142 anderen Abonnenten an

  • Newsletter