Banco Sabadell

Ein glänzendes Werbevideo für die katalonische Stadt Sabadell aus dem Jahr 2012 ist gleichzeitig ein ergreifendes Werbevideo für Europa. Wir hier in Sabadell, Teil von Europa. Jawoll. Eine verhältnismäßige spanische Bevölkerung spielt fröhlich das bekannte Beethovenstück oder hört dem zu und singt, ganz schillersches Pathos, diese vermutlich niemandem im Wortlaut bekannte Hymne am Ende gehörig freudig mit. (Im Internet wird das Video mit den Stichworten „Flash mob“ verbreitet, also als spontane Menschenansammlung.) Das Video ist hervorragend gemacht, ergreifend, leidenschaftlich, mir kommen die Tränen, da gehöre ich dazu, das ist alles sehr schön. In der nicht eben kleinen Menge oder auch im Orchester liegt die Betonung auf einer Vielfalt der Generationen. Kinder Kinder Kinder. Die ethnische Repräsentation ist eher schmalspurig; weder ein dunkelhäutiges noch asiatisch anmutendes Gesicht darf die Freudenhymne mitsingen oder –spielen. Bedauerlich. Wie weit kann es da mit dem „alle“ her sein in „Alle Menschen werden Brüder/Wo dein sanfter Flügel weilt“ (also der der besungenen Freude).

Die Macher des Clips werden anführen, dass sie ja Sabadell und nicht Europa portraitieren wollten, dass die etwas über 200.000 Einwohner der nordspanischen Stadt eben wenige asiatische oder schwarze Gesichter aufzuweisen hätten. In einer Region, die vor 73 Jahren Schauplatz eines weltbewegenden Bürgerkriegs gegen eine nationalistische Diktatur (die immerhin bis 1975 bestand, als Francisco P. H. T. Franco y Bahamonde Salgado Pardo endlich starb) und für internationale Solidarität war, ist in der frontexbewehrten Festung Europa von solidarischen Gedanken nicht mehr viel übrig. Bei jeder Banane, die ich in Deutschland aus Kolumbien oder Ecuador, bei jeder Orange oder Clementine, die ich in Deutschland aus Spanien beziehe, sehe ich die Arbeiter vor mir, die illegal im Land sind, in den Plantagen hausen, die den chemischen Schutzstoffen ausgesetzt sind, die in keiner Gewerkschaft sind oder sein dürfen, während sie den großen Konzernen höhere Profite ermöglichen. Ich sehe die Flüchtlinge auf dem Oranienplatz oder den Winterhäusern, die Berlin-Kreuzberg bereitgestellt hat. Und es fällt schwer, die konstruierte Schönheit dieses Clips und die eigene Ergriffenheit davon in einer globalisierten Welt auszuhalten, in der viele Studenten gerade aus Asien in Europa Musik studieren und die Orchester bestücken, um Beethoven zu spielen.

Europa. Der Begriff unterliegt heute unterschiedlichen, sich ausschließenden Kriterien. Dass die EU die Deutungshoheit über den Begriff Europa übernimmt und dabei die definierenden Parameter verschiebt, bewirkt eine tragische Polarisierung und öffnet Diskussionen, die besser nie geführt werden müssten. Diese Parameter orientieren sich an wirtschaftlichen Maßgaben anstatt an kulturellen. Damit ist es aber noch nicht zu Ende. Beim Begriff Europa ging es immer weniger um die Grenzen, immer mehr um etwas Gemeinsames als um das Trennende. Bestenfalls wurde der periphere Ausdehnungsbereich mit „am Rande Europas“ beschrieben. Aber ein Europa der Nationen zu zementieren und festlegen zu wollen, wo genau es endet und wo etwas Neues anfängt, das widerspricht gerade einem Kulturraum. Grenzen werden in Fragen der Kultur nicht gezogen, sondern verwischt. Der Begriff der Grenze selbst sowie das Ausklammern ist hier absurd. Kulturen entstehen durch Kommunikation, durch Austausch, Vermischen, Insemination, nicht durch Isolation. Isolation legt jede Kultur trocken, sie verendet. Die wettbewerblichen Maßstäbe der Wirtschaft führen zu einer defizitären Wahrnehmung. Wir zuwenig, die zuviel. Ein Europa der Sprachen wäre wesentlich inspirierender. Sprachen hassen Grenzen, sie weichen sie auf, bilden Übergänge, Dialekte, wollen Verständnis schaffen.

Die Macher des Clips sind aber nicht Sabadeller Bürger oder die Stadt selbst. Vielmehr wurde das Video anlässlich des 130-jährigen Bestehens der Banco Sabadell erstellt, die das „Vallès Symphony Orchestra“, den „Chamber Song Choir“, die „Friends of The Opera“ und den „Choral Belles Arts“ zur Produktion geladen hatte. Daher darf nicht weiter verwundern, dass der für die Botschaft des Videos entscheidende Moment eigentlich der ist, über den man zu Anfang stolpert, ihn aber über seiner Ergriffenheit später wieder vergisst: ein regungsloser Bassist steht hinter einem Zylinder auf einem Platz in Sabadell vor der Banco Sabadell. Ein Mädchen wirft eine Münze in den Hut. Der Mann beginnt zu spielen. Aus der Bank kommen immer mehr Musiker und stimmen ein. Die Bank möchte uns mitteilen, dass ohne das Geld, das sie und andere Banken bewegen, die Kultur stillsteht. Ohne uns gäbe es die Kultur nicht, zeigen sie, und ein Schiller, ein Beethoven, eine europäische Kulturregion wäre nicht möglich. Die Bank gebiert die Kunst. Dieses Bild von Europa schenkt die Bank uns gern, solange die Europäer die Banken über Wasser halten. Im echten Leben ist es eher umgekehrt. Ehe der Musiker nicht angefangen hat, wirft niemand eine Münze in den Hut. Was das Video aber zeigt, ist, dass es Institutionen wie einer Bank leichter fällt, ihre Interessen werbewirksam und attraktiv in Szene zu setzen als beispielsweise an kultureller Vielfalt, Chancengleichheit, gewerkschaftlichem Einfluss interessierten Organisationen.

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