Logbuch 1.10: INFINITE JEST

Ein Abschluss zur Lektüre von INFINITE JEST stand noch aus, das Logbuch über die letzten 200 Seiten oder so. Darin ging es hauptsächlich um Gatelys delirierenden Aufenthalt im Krankenhaus, immer noch genesend von den Schusswunden. Dauerthema: die Ärzte wollen ihm Schmerzmittel Demerol geben, während er als hartnäckig abstinenter Süchtiger sich sprachlos dagegen wehrt, immer mit Schlauch im Mund. Derweil erfährt er Halluzinationen von JO Incandenzas Geist, der ihn besucht, sowie von seiner geliebten Joelle. Der Natur seines Zustands entsprechend ist ihm jeweils unklar, ob diese Besuche real oder imaginiert sind, und auch der Leser kann das nur schätzen. Ebenfalls unklar ist dramaturgische Grundsituation: sowohl eine US-amerikanische Geheimdienstabteilung wie auch die Quebecer Untergrundorganisationen suchen nach dem Mastertape von INFINITE JEST (der Film), das aber nicht aufgefunden wird. Im Nebensatz erfahren wir von dem Geist, der es ja wissen müsste, auch nur so etwas wie „es ist in seinem Kopf und wurde mit ihm beerdigt“. Was bedeutet das? Und hat er (JO Inc.) seinen Kopf deswegen explodieren lassen? Schade, das bleibt schwammig. Dafür gibt es am Ende des Buches nochmal eine heftige Splatter-Geschichte aus Gatelys Verbrechervergangenheit, als er sich in einer mehrtägigen Session mit einem Kumpel gestohlene Pillen zu Gemüte führte und der die Pillen gestohlen habende Kumpel dann durch den Bestohlenen einer widerwärtigen Tortur unterzogen wurde.

Das in aller Kürze. Nachdem ich 2013 neun Artikel über meine Leseerfahrung mit INFINITE JEST geschrieben habe, wollte ich den Dekalogs noch vor Jahresende abschließen. Ist nicht gelungen. Etwa in diese Zeit fiel meine Erkenntnis, dass seit dem Erscheinen des Romans vor immerhin bereits 18 Jahren von Einzelpersonen wie auch von Lesergruppen unzählige Blogs mit Leseerfahrungen geschrieben wurden, so dass mein bescheidener Beitrag nachgerade überflüssig erschien.

Ebenfalls unter die Räder der Lektüre gekommen sind die unzähligen Stellen, an denen ich mich gefragt habe, wie Ulrich Blumenbach das wohl in der Übersetzung gelöst hat. Hier aber bin ich mir sicher: die beiden Bücher lege ich noch nebeneinander und lasse mich erleuchten.

Was aber keineswegs überflüssig ist, ist die Wirkung des Buchs auf meine Ansprüche als Leser und natürlich auch als Autor: so musste ich beispielsweise in den Häusern der Barbaren schon nach ca. 70 Seiten weglegen. Diese Art von gut gemachter Literatur, so musste ich zu meiner Überraschung feststellen, halte ich – zumindest derzeit – nicht mehr aus. Das geht einfach nicht mehr. Zu alt für uninspirierende Schreibe, zu ungeduldig für zu schlichte Sätze und Perspektiven. Was natürlich ganz individuell ist, schätze ich.

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