Armut IV: Wohnen

Wochen-, wenn nicht monatelang wohnten gegenüber neben der Grundwasserdialyseanlage am alten Bahndamm in einem unscheinbaren Wohnwagen Leute. Abends lief ein Generator, daran habe ich es überhaupt erst gemerkt, denn durch die Einfriedung der Anlage waren sie vor den Augen der Passanten geschützt. Von der Jordanstraße her fuhr ich eines Tages per Fahrrad, als mir der graue Wohnwagen entgegen- und bekannt vorkam. Um die Ecke herum stand er dann auch nicht mehr, sondern da saßen und standen jetzt Menschen mit dunklen, faltigen Gesichtern, ein Mann auf einem Campingstuhl, zwei Frauen mit langen Röcken. Ich hatte immer schon aus dem Augenwinkel geschaut und mich gewundert, wohnen die da? Das ist doch bestimmt nicht in Ordnung oder gestattet. Da mir aber nichts weiter Störendes auffiel, wandte ich meine Empörung wieder empörenderen Dingen zu. Und dann waren sie weg, die paar Menschen. Ich bin zu spät, um sie nach ihrer Geschichte zu fragen, woher sie kommen, was sie tun oder vorhaben. Aber was werden sie schon tun? Wer immer sie sind, sie werden ein paar Hundert Meter weiter einen anderen Stellplatz gefunden haben. Und dann wieder einen anderen. Vielleicht unter der S-Bahnbrücke an der Straße Am Treptower Park. Dort stehen schon lange mindestens zwischen fünf und fünfzehn Wohnmobile, Wohnwagen und Lieferwagen, aus denen morgens Menschen herauskommen, sich davon fertig anziehen. Auch ein Stück weiter auf dem Parkstreifen entlang dem Park steigen morgens aus PKWs immer wieder junge Frauen und Männer aus, öffnen den Kofferraum und waschen sich mit Wasser aus Kanistern. Ihre Kleidung sieht nicht aus, als hätten sie die gerade erst an- oder am Abend ausgezogen. Wie sieht ihr Tag aus, frage ich mich? Zu welchen Tätigkeiten schlagen sie die Augen auf? Essen beschaffen? Arbeit suchen? Die meisten haben Berliner Kennzeichen, zwei kommen aus Süddeutschland, München und Friedrichshafen, einer aus Spanien. In der Beermannstraße steigen aus einem VW-Bully zwei etwas verpennt aussehende Anfangdreißigjährige in Trainingsklamotten, aus der offenen Schiebetür ist eine Mädchenstimme zu hören, vielleicht fünf bis acht Jahre. Sie zünden sich beide etwas an, was nach erster Fluppe am Morgen aussieht.

 

–> Armut

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