Knausgårds STERBEN und LEBEN

sterbenEs gibt, so scheint es, keine romanhaft gestaltete Geschichte. Das ist natürlich ein falscher Eindruck, denn immerhin hat er ja diesen speziellen Ausschnitt aus seinem Leben mit einem speziellen Schwerpunkt gewählt, mit Anfang und Ende, so als hätte er (in STERBEN) gesagt: jetzt beschreibe ich wie mein Vater gestorben ist und in Rückblicken, wie das Verhältnis zuvor war und wie ich das erlebt habe; und jetzt – in LEBEN – beschreibe ich diesen Teil meines Lebens, wo die Schule zu Ende ging und dieses Jahr als Aushilfslehrer in Nordnorwegen so unglaublich verrückt war. Daher ist die Gestaltung so unauffällig und gewaltig wie eine Landschaft, die man wenig bemerkt, während man sie durchmisst.

Er berichtet sein Leben wie ein Gespräch. Gnadenlos wie Christoph Schlingensief geht er mit den eigenen Fehlern und Schwächen um. Und auch wenn die Beschreibung durchgehend derart mutig intim ist, dass ich als Schreiber sogleich denke, so weit würde ich mich nicht aussetzen, denn wozu? Um was zu erreichen? Tut er das, um etwas über sich selbst zu erfahren? Über sein Leben? Um Dinge zu formulieren, die er so deutlich noch nie formuliert hat? Allzeit ist der Leser doch in der anekdotischen und schlichten und ernsten und aufrichtigen Erzählweise aufgehoben, die der Autor gewählt hat.

Sein Kampf worum, fragt man sich angesichts des Originaltitels MIN KAMP, der an Tabori erinnert, weil nach Hitler diesen Titel bisher sonst niemand gewagt hat. Oder wagen wollte. Angesichts des Lebens im kleinstädtischen Leben vor allem mit gewalttätigem Alkoholikervater und lieber, vielleicht zu schwacher Mutter und einem Kampf um die eigene Identität, für die er keine Vorbilder hatte, nicht einmal Anwälte, die ihn ermutigt hätten, ist die Stoßrichtung klar: nicht weniger als sein Kampf um Befreiung von Zweifeln, um Erfolg, um Verwirklichung seiner selbst. Ein autobiografischer Entwicklungsroman. Dessen Qualität vorderhand in der gnadenlosen Wahrhaftigkeit der Beschreibung liegt und, wie ich vermute, erst dann in der literarischen. Denn wir sehen in diesem „Gespräch“ keinerlei literarisierende Formspiele, keine erzählerischen Zaubermittel, Perspektivwechsel etc. vor allem sehen wir keinen bewussten Umgang mit Sprache als Sprache, sie bleibt schlichtes Mittel. Die Komposition allerdings, die Strukturierung des Materials dürfte eine enorme Aufgabe gewesen sein, denn es ist nichts weniger als ein echtes Leben, und dann auch noch das eigene, zu dem der Abstand am geringsten und die Verblendung und Neigung zur Subjektivität am größten sein dürfte. Das nicht zu objektivieren, sondern im Gegenteil konsequent die speziellen Gedanken, die so spezifisch sind für Heranwachsende in der noch nicht reflektierbaren Selbstüberhöhung, ungebrochen und konsequent subjektiv zu berichten, zu formulieren, das scheint mir an diesem Punkt der Lektüre die große Leistung dieser Reihe zu sein.

Unweigerlich frage ich mich auch: wie hat er sich so genau erinnern können? Stimmt das alles wirklich? Ich würde, denkt der Leser, nicht ein Zehntel der vergleichbaren Ereignisse und Zeiträume in meinem eigenen Leben derart präzise erinnern können. Wie macht er das nur, wie hat er es geschafft, das Material zu strukturieren, diese schier überwältigende Masse an Stoff zu fassen? Aber ich frage mich auch, ob diese Art der hautnahen Authentizität mir so im Gedächtnis bleiben wird. Ob es letztlich inspirierend ist? Gleichwohl sind es die bestechend authentischen oder authentisch wirkenden Passagen der selbstherrlichen, der überheblichen, der schamhaften, der verlorenen, der exzessiven, der dummen Momente, die den Leser fesseln und den Hunger nach den nächsten dreihundert Seiten schüren.

lebenIrgendwie habe ich was missverstanden oder war falsch informiert worden, als ich annahm, dass LEBEN das zweite Buch von Karl Ove Knausgårds autobiografischer Reihe MIN KAMP I-VI (wunderbare Übersetzung von Ulrich Sonnenberg) wäre; vielmehr ist es das vierte, während STERBEN richtig das erste ist. Dennoch: es spielt, glaube ich, keine Rolle für die Lektüre. Denn in diesem inzwischen sehr oft und vielerorts beschriebenen Opus Magnum geht Knausgård verschiedene Themen seines Lebens und damit jedes neue Buch wieder neu an, so als setze er eine andere Brille auf, um das eigene Leben zu betrachten, als lege er eine neue Folie auf sein Leben, die bestimmte Abschnitte und Eindrücke sichtbar macht und andere verdeckt.

Dicker als das erste, verlässt mich ca. auf Seite 220 der Zauber, den ich noch bei STERBEN gespürt habe. Aber es ist bloß eine kleine Ermüdung, die kurz darauf aufgefangen wird. Nach hunderten von Seiten verändert sich das Verhältnis Leser-Text/Autor/Figur (was hier in eins fällt). Mir scheint, als ob ich inzwischen besser verstünde, wie Knausgård zu lesen ist. Dieser verliert sich nicht im Charisma, ich gewinne im Gegenteil den Eindruck, dass ich erst im zweiten (also vierten) Buch verstehe, ein wie wütender und geladener Autor das sein muss, der sich in dieser Beschreibung eines Lebens verbirgt. Denn oft fliegt er über intensive oder krasse Begebenheiten hinweg, und weil er sie nie objektiv bewertet, sondern immer in der Innenperspektive bleibt, was ja die Stärke der Beschreibung ist, muss man erst lernen, die jeweilige Situation in der objektiven Perspektive zu sehen. Dann aber entfalten sich die Ereignisse in all ihrer Fatalität. Z. B. die wiederholten Trennungen von Mädchen, weil er mit seiner Sexualität nicht klarkommt. Hunderte von Seiten denkt man, dann hol dir doch einfach einen runter, ehe es von ihm selbst als Gespräch mit seinem Lehrerkollegen thematisiert wird. Aber auch damit behebt er die Problematik nicht, sondern gibt lieber die frische Beziehung auf.

Parallel weckt natürlich die intensive Beschäftigung mit K.s Adoleszenz die Erinnerung an das eigene Verhalten und die eigene Denkweise in dem Alter. Auch das hilft enorm beim Verständnis der berichteten Umstände. Die Erinnerung daran, wie ich als Kind Natur erlebt habe und wo, und wie sich das wann und warum verändert hat, als ich ein junger Erwachsener war. Wie ich Alkohol erlebt, zum ersten Mal und später getrunken habe. Wie ich mich an Sexualität herangetastet habe und wie kompliziert das war. Wie sich das Verhältnis zu meinen Eltern verändert hat zwischen vierzehn und zwanzig. Wie das Verhältnis zum Heimatort war und sich geändert hat in der Zeit von zwanzig bis vielleicht sechsundzwanzig.

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