Logbuch 2.2: DIE SCHLAFWANDLER

DIE SCHLAFWANDLER von Hermann Broch.

Tatsächlich erweist sich im zweiten Teil ESCH UND DIE ANARCHIE, dass Broch die Sprache epochengemäß gestaltet hat. Sie hat hier schon den Durchbruch in die Moderne geschafft. Dass der Autor immer noch „dessenungeachtet“ schreibt und dass es mir aber jetzt kaum auffällt, erzählt mehr über die unangemessene Wahl meines Beispiels. In diesem Teil kämen Sätze wie dieser nicht vor:

„Elisabeth blieb es nicht verborgen, daß der Eltern Leidenschaft, die verschiedenen Geschenkfeste des Jahres zu begehen, die Geburtstage zu feiern und ständig auf neue Überraschungen bedacht zu sein, eine tiefere Bedeutung besaß und mit der Freude, ja man konnte fast sagen Sucht, sich mit immer neuen Dingen zu umgeben, in einem tieferen, wenn auch schwer durchschaubaren Zusammenhang stand; zwar wußte Elisabeth nicht, daß jeder Sammler mit der nie erreichten, nie erreichbaren und doch unentwegt erstrebten lückenlosen Absolutheit seiner Sammlung hinauslangt über die gesammelten Dinge, in die Unendlichkeit hineinlangt, und daß er, aufgehend in seiner Sammlung, auch die Erreichung seiner eigenen Absolutheit erhofft und die Aufhebung seines Todes, Elisabeth wußte es nicht, aber umgeben von all den vielen schönen toten Dingen, die um sie angesammelt und aufgehäuft waren, umgeben von den vielen schönen Bildern, ahnte sie dennoch, daß die Bilder an die Wände gehängt waren, als sollten sie die Mauern verstärken, und als sollten all die toten Dinge etwas sehr Lebendiges bergen, vielleicht auch verbergen und schützen, etwas, dem sie selber so sehr verbunden war, daß sie manchmal denken mußte, es sei ein kleines Geschwister, wenn ein neues Bild gebracht wurde, etwas, was gehegt sein wollte und das die Eltern hegten, als ob ihrer aller Beisammensein davon abhängen würde: sie ahnte die Angst, die dahinter stand und die den Alltag, der das Altern ist, im Festlichen zu übertönen suchte, Angst, die sich immer wieder vergewisserte – stets neu erlebte Überraschung -, dass sie lebendig und geboren und definitiv beisammen waren und ihr Kreis ewiglich geschlossen.“

Vielmehr ist es ein wunderbarer Spaß, mit dem Angestellten Esch einen Umzug von Köln nach Mannheim zu erleben und bald auch wieder zurück. Es fällt auf, das der allerdings sexuell ungleich aktivere Protagonist, für den die Fleischeslust an sich kein problematisches Thema ist (vielmehr ist der möglicherweise noch jungfräuliche Ladenbesitzer Lohberg ridikül), ebenfalls zwischen zwei Frauen abwägt, deren eine, wie Pasenow im ersten Teil die Elisabeth, ihm von deren Bruder peinlich deutlich anempfohlen wird. Allerdings ist er weniger Opfer seiner Gedanken, sondern eher ruhig abwägender, informierter Wähler, dessen kalkulierende Gedankengänge wir genau verfolgen. Ihn bewegt im Innersten sein Stolz. Schon gleich zu Anfang zeigt der Autor, dass der moderne Mensch schon seinen gleichwertigen Platz in der Gesellschaft beansprucht, während diese – immerhin noch im Kaiserreich – die Arbeiterbewegung, die sozialistischen Bewegungen, die Streiks mit Polizei und Handschellen ersticken kann. Das wird, wissen wir, nicht mehr lange so selbstverständlich möglich sein. Schon tut der Angestellte ohne Schmerzen den Schritt aus der Anstellung (im Handelsunternehmen des – bislang allerdings unsichtbaren Bertrand aus Teil Eins) heraus in eine unternehmerische, quasi freiberufliche Tätigkeit – in die soziale Unsicherheit hinaus also. Und hier gab nichts Größeres den Ausschlag als eine Kränkung durch Entlassung nach einer Verleumdung.

Gleichermaßen zeichnet sich der zweite vor dem ersten Teil durch vollkommen anders gestaltete Stellen aus wie meine bisherige Lieblingspassage, wo Broch ausgesprochen elegant die Entscheidung des Esch motiviert, auch diese Mannheimer Stelle – eindeutig eine karrieremäßige und finanzielle Verbesserung gegenüber der kölner Stelle – aufzugeben und zurück nach Köln zu ziehen:

„Wieder wollte ihm irgend etwas nicht stimmen. Er hatte auf Ilona verzichtet, nun aber musste er zusehen, wie sich Erna von ihm abwandte und ihr Herz jenem Idioten anbot. Das war gegen alle buchhalterische Regel, die bekanntlich zu jeder Post ihrer Gegenpost verlangt. Allerdings – unternehmend schwenkte er den Rock in seiner Hand -, wenn er wollte, würde ein Lohberg ihn nicht so rasch ausstechen, mit dem nahm er es schon noch auf, nein, so eine arge Mißgeburt war der August Esch noch lange nicht, und er machte schon einige Schritte zur Tür hin, blieb jedoch stehen, ehe er öffnete: ach was, er wollte ja gar nicht. die Person dort drüben könnten sonst meinen, er käme aus lauter Dankbarkeit für ihre lumpigen tausend Mark zu ihr gekrochen. Esch ging zum Bett zurück, setzte sich und schnürte die Schuhe auf. Soweit war alles in Ordnung. Und dass es ihm im Grunde leid tat, nicht mit Erna schlafen zu dürfen, das war auch in Ordnung. Opfer ist Opfer. Trotzdem blieb ein ungeklärter Buchungsfehler übrig, auf den er nicht gleich kommen konnte: schön, man wird nicht zu dem Weibstück hinübergehen, man wird auf den Spaß verzichten; allein warum tat man dies? Etwa, um sich der Heirat zu entziehen? Man nimmt also das kleinere Opfer auf sich um dem wirklichen Opfer zu entgehen und nicht mit der eigenen Person bezahlen zu müssen. Esch sagte: „Ich bin eine Sau.“ Ja, eine Sau war er, keine Spur besser als der Nentwig, der sich gleichfalls der Verantwortung entzog. Eine Unordnung, in der sich der Teufel auskenne mochte!

Und ohne Ordnung in den Büchern gab es auch keine Ordnung in der Welt, und solange keine Ordnung war, würde Ilona weiter den Messern ausgeliefert sein, würde Nentwig sich weiterhin frech und gleisnerisch der Sühne entziehen und Martin würde ewig im Kerker schmachten. Er dachte scharf nach, und wie er jetzt die Unterhose fallen ließ, ergab es sich zwanglos: die anderen hatten ihr Geld dem Ringkampfunternehmen zur Verfügung gestellt, also musste er, der kein Geld besaß, nun eben doch mit seiner eigenen Person zahlen, zwar nicht durch Heirat, wohl aber, indem er sich dem neuen Unternehmen zur Verfügung stellte. Und weil dies bedauerlicherweise mit seiner Mannheimer Stellung unvereinbar war, so musste er eben kündigen. Auf diese Art konnte er zahlen. Und wie als Probe aufs Exempel erkannte er in diesem Augenblicke, daß er bei einer Gesellschaft, die Martin ins Gefängnis gebracht hatte, nicht länger bleiben durfte. Und keiner hatte das Recht, ihm deshalb eine Untreue vorzuwerfen; selbst der Herr Präsident wird einsehen müssen, dass der Esch ein anständiger Bursche ist. Jetzt dachte Esch nicht mehr an Erna, und er legte sich beruhigt zu Bett.“

Überhaupt verfolgen wir Eschs Motivationen und Gedankengänge viel näher als die der Personen im ersten Teil. Ein raffinierter Trick (siehe Knausgård), der dem Leser stets eine objektive Bewertung der Situation überlässt und ihn so eigentlich mündiger macht als der distanziertere Erzähler, der dem Leser eine Deutung der Ereignisse stärker aufnötigt.

 

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