Logbuch 2.1: DIE SCHLAFWANDLER

SchlafwandlerDeckelBroch lesen ist überraschend. Die Romantrilogie DIE SCHLAFWANDLER von 19331/32 sind mein erster Eindruck überhaupt von ihm. Länger schon lag er auf dem Stapel zu lesender Bücher. Dann fiel in Knausgårds LEBEN sein Name irgendwo, und schon griff meine Hand als nächstes zu diesem Dünndruckwälzer. Auffällig im ersten Teil PASENOW UND DIE ROMANTIK ist die etwas altertümliche Sprache, in der Wörter wie „dessenungeachtet“ geläufig verwendet wären, als wären sie normal. Dieser Teil spielt 1880, und nun stellt sich mir in Unkenntnis der beiden Folgeteile die Frage, ist die Erzählsprache dem erzählten Zeitpunkt angepasst, oder hat Broch sich in den 30ern etwa noch dieser Sprache bemüht. Schwerpunkt der Handlung ist die moralische und psychologische Verkorkstheit und Befangenheit der Hauptfigur in geschlechtlichen Dingen, oder wie es wohl zur Zeit der Entstehung des Romans hieß: in Fragen des Triebs.

Er ist gefangen in seinen anstrengend wirkenden moralischen Vorstellungen, die ihn weit fortbringen von seinem eigenen Wollen und Brauchen. Das Bild dieser Befangenheit ist seine militärische Uniform, die ihn wie eine Konservendose eckig einhüllt, nach deren Halt er sich aber fortwährend sehnt, während das „Zivilistische“ ihm auch und besonders in der Kleidung fortwährend Angst macht, unschicklich und sündig erscheint. Die Zerrissenheit zwischen seinem Wollen und Müssen bezeichnet die Handlung mit seinem Konflikt zwischen der launischen, nicht besonders intelligenten Ruzena aus Böhmen, mit der er eine leidenschaftliche Affäre beginnt, und der Baronentochter Elizabeth aus dem Nachbardorf, die ihm von Seiten des nervenkrank werdenden, manipulativen Vaters praktisch zur Ehe anbefohlen wird. An die Seite gestellt hat der Autor Pasenow einen Bertrand, der aus dem Militärdienst ausgeschieden und weitreisender Kaufmann geworden ist. Dieser spricht schmerzliche Wahrheiten sehr modern aus, ist frei von und steht über den moralischen, sozialen Banden, in denen Pasenow und Elisabeth schmerzlich und blind gefangen sind.

Die suhrkamp’sche Werkausgabe in Mattschwarz mit metallic-türkisfarbener Aufschrift gibt auch originelle typografische Eigenheiten wie die konsequente Kleinschreibung nach einem Fragezeichen wieder. Ansonsten sind die Rechtschreibfehler wohl eher auf einen flüchtigen Satz zurückzuführen, schätze ich.

Ein Blick auf die Buchbeschreibungen im Internet bestätigt, dass die Trilogie die wilhelminische Epoche und den Zeitenwandel zur Moderne an Beispielfiguren abbildet. Wie sie das tut – ich bin gespannt.

 

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