Logbuch: LIEBEN von Karl Knausgård

LIEBEN_DeckelKnausgård, LIEBEN, S. 135

Nachdem Knausgård, dessen zweites Buch in der wohl sechsbändigen autobiographischen Reihe ich erwartungsfroh mit Jahresbeginn aufschlage, mir detailgetreue sechzig Seiten lang erläutert, wie scheiße das Leben mit kleinen Kindern ist, selbst wenn man sie so abgöttisch liebt wie er selbst („Das alles langweilte mich zu Tode.“ S. 93); dass einen (preisgekrönten Schriftsteller wie in) dieses Leben mit all seinen Banalitäten nur ablenkt vom Eigentlichen*; und wie erst die Menschen, diese schrecklichen Menschen, denen er zwanghaft immer so superfreundlich begegnen muss, dass niemand merkt, wie gleichgültig sie ihm an sich sind („von meinen zahlreichen Gefühlen für die Menschen, mit denen ich soeben mehrere Stunden verbracht hatte, war nichts mehr geblieben.

Sie hätten allesamt verbrennen können, ohne dass ich das Geringste für sie empfunden hätte.“ S. 86), ja wie er eigentlich unter ihnen leidet, nicht an dem oder jener im Speziellen, sondern daran, dass sie als Einzelmenschen zutage treten, wenn er sich zu lange in ihrer Nähe aufhält, oder vielleicht wäre es angebrachter zu sagen: in ihrer Nähe sonnt, denn andererseits badet Knausgård geradezu in der Anonymität der Großstadt, in der zu leben er sich entschieden hat („Distanz, Distanz, ich konnte nie genug Distanz haben.“ S. 114); nachdem er mir weiter berichtet hat, wie er unter der „Verweiblichung“ durch seine aufopfernde Vatertätigkeit leidet und die anderen Väter verachtet; wie er sich fragt, wieso er es nicht lassen kann, anderen Frauen hinterherzusehen und wie er darunter leidet, ein solcher Macho zu sein; wie ihn aus dem Spiegel sein Gesicht so frustriert ansieht, dass er erschrickt, da habe ich es begriffen: er möchte mir sagen, dass er ein Arschloch ist.

Ein Misanthrop ist er auch im ersten Band schon, doch immerhin (als jüngerer Mann) auch suchend, und dort konzentriert er sich stärker auf die Beschreibung äußerer Begebenheiten wie das Ausräumen des großmütterlichen Hauses nach dem Alkoholtod des Vaters. Diese Beschreibungen sind bestechend in ihrer aufrichtigen Unverstelltheit. Im Blick auf den Autor selbst jedoch stellt dieser literarische Kniff – konsequent und ohne Urteil des späteren Ichs nur das zu beschreiben, was der Beschriebene zu dem Zeitpunkt weiß und denkt – nicht die Wirkung her, die er bei der Erforschung der länger zurückliegenden Vergangenheit erzielt. Der vermutlich gewollte Bruch und die Selbstkritik verstärken leider bloß die Selbstgefälligkeit und Arroganz, wenn der Autor bewusst betont, seht, ich bin schlecht, und ich weiß es, ich möchte kein Mitleid. Dieser Habitus ist abstoßend, und ich bin nicht mehr so gespannt, wie er sich da wieder herausschreibt, denn ich glaube kaum daran.

* Das Eigentliche scheint zuerst auf in der Erinnerung an das Schreiben am Roman, das mit pathologischer Intensität suchtgleich diesen aufopfernden (ach, sähe nur jemand dieses Opfer!) Familienvater aus dem Schoß der Familie reißt, für Wochen im Büro nächtigen und die erste, noch kleine Tochter wochenlang nicht zu Gesicht bekommen lässt.

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