Eurodram in Sofia (Boulan/Barth)

Auf der Seite des deutschen Komitees hat Ulrike Syha die Versammlung der Eurodram-Koordinatoren in Sofia vom 12.-14. Mai zusammengefasst. Gilles Boulan, Leiter des französischen Komitees und selbst Autor, hat einen etwas literarischeren Blick auf die Ereignisse festgehalten, die Wolfgang Barth dann freundlicherweise übersetzt hat. Diesen führe ich hier mit freundlicher Erlaubnis des Autors und des Übersetzers auf.

Eingefangene Bilder von der EURODRAM-Hauptversammlung 2015 in Sofia

von Gilles Boulan – übersetzt aus dem Französischen von Wolfgang Barth

Auf Einladung des bulgarischen Komitees und der Compagnie 36 monkeys fand die diesjährige Hauptversammlung des Netzwerks EURODRAM in Sofia statt. Ein knappes Dutzend Koordinatoren und Mitglieder der verschiedenen Komitees hatten sich auf die Reise begeben um sich vom 12. bis zum 14. Mai zu treffen. Sie wollten von der Arbeit ihrer Komitees berichten, die ausgewählten Stücke vorstellen und sich gemeinsam Gedanken über die Zukunft des Netzwerkes machen.

Es gab eine starke bulgarische Delegation mit Gergana (Koordinatorin), Dimitar, Adi, Silvia und einigen anderen und natürlich mit unserem Freund Hristo, der dazugekommen war und als weithin bekannter Autor mit einem humorvollen Beitrag die Versammlungsserie eröffnete. Auch das deutsche Komitee war mit Ulrike, Henning und Wolfgang gut vertreten. Mit Freude begrüßten wir unsere Freundin Neda und die Freunde Andréas und Hakan für das ukrainische, griechische und türkische Komitee. Als Franzosen waren wir zu viert: Dominique, der Dirigent dieses vielsprachigen Chores, Karine als Verantwortliche für das serbokroatische, Bleuenn für das russische Komitee und Gilles, der euch in knapper Form von dieser schönen Versammlung berichtet.

Unsere Begegnung mit anderen teilen, den Versuch unternehmen, unseren Aufenthalt zu beschreiben, wahrheitsgetreu, aber einfallsreich berichten von unserem Austausch, unseren Plänen, dem Willen, uns gemeinsam mitzuteilen – und das alles ohne der üblichen strengen Berichtsform zu verfallen oder ein Logbuch mit notwendigen Redundanzen zu schreiben… dies ist das Ziel dieser Chronik. Sie wird natürlich unvollkommen sein, aus trügerischen Bildern zusammengebastelt, voller ungenauer Eindrücke und recht flüchtiger Schlussfolgerungen. Aber doch, so wünsche ich jedenfalls, eine Chronik, der ihr mit Vergnügen in Irrungen und falsche Fährten folgt, ein bisschen so, wie man sich ja gerne in einer unbekannten Stadt verliert.

Die unbekannte Stadt, in der man sich verlieren möchte, heißt Sofia. Die Weise, die Schöne mit den zahlreichen, weiten Grünflächen, den bemerkenswerten Kirchen, ihren von den Wirrungen der Geschichte verschonten Palästen, ihren Monumenten aus einer anderen Zeit, deren Erinnerung auszulöschen sich niemand bemüht hat. Stadt mit rechtwinklig angelegten Straßen, die den Blick in eine breite Perspektive öffnen, aber doch leicht zu erfassen, voller Ruhe und provinziellem Charme. Bilder einer gewissen Lässigkeit, die vielleicht vom Erwachen des Frühlings herrühren, der die Stadt während unseres Aufenthalts von ihrer schönsten Seite zeigt.

In Sofia kündigt die Maisonne die Hitze des Sommers an, aber auf den Spitzen der umgebenden Berge sitzen noch die Schneehauben. Man biegt um eine Ecke und entdeckt die verschneiten Höhen am Ende einer Avenue, die sich im Grünen verliert. In großer Zahl nutzen die Einwohner die ersten schönen Tage und strömen in die Parks, plaudern im Schatten der blühenden Kastanien, stöbern auf einer Bank in einem Buch, schlendern die Alleen entlang oder um Springbrunnen herum, passen auf ihre Kleinen auf, die kreischend die Spielplatzrutschen hinuntersausen.

In Sofia gab uns das Rote Haus in der zweiten Etage Raum (mit Terrassenausgang) für unsere Versammlungen. Ein großes Haus mit dunkelrot verputzten Fassaden, in dem früher ein Bildhauer wohnte und das zu einem Kulturzentrum mit ununterbrochenen Aktivitäten umgewandelt wurde. Schön war es, dass wir hier bei Tageslicht miteinander sprechen durften und nicht im künstlichen Licht eines schwarzen Raumes und dass es Pausen gab, in denen wir uns im kleinen Laden nebenan einen Kaffee genehmigen konnten.

In Sofia erhebt sich prophetisch die Statue der Sophie mit vergoldeter Krone dort, wo einst Lenin stand. Aus 24 Metern Höhe herab überwacht sie die wichtigsten Ministerien, und niemand zweifelt daran, dass ihre allseits bekannte Weisheit auf jene abfärbt, die in unseren Tagen das Land regieren. Die Präsidentenwache (nur zwei Wachtposten in heißen Uniformjacken mit Husarentressen) steht unter den Palastfenstern Parade und schwitzt vor Langeweile in hohen Reiterstiefeln in Erwartung der Ablösung. Direkt gegenüber erinnert das archäologische Museum mit reichlichen römischen Fresken an den antiken Ursprung der Stadt.

In Sofia haben wir die Arbeitsweise aller Komitees durchgesprochen. Die Fortschritte, die Pannen, ihren lebendig wachen Zustand und ihre Schlafphasen. Die Anwesenden hatten wahrscheinlich mehr zu sagen als die Abwesenden, aber deren Schweigen war ebenfalls vielsagend. Mehrmals stellte Dominique die Frage: Wie können wir den Soldaten Ryan retten? Die Rettungsbemühungen betreffen das armenische, das kaukasische, das mazedonische, das weißrussische und das slowenische Komitee. Man wird sich hier wohl mit einer vorübergehenden Funkstille abfinden müssen. Aber auch dem arabischen und dem nordeuropäischen Komitee geht es nicht wirklich besser.

In Sofia – ist das ein Zeichen? – steht die Synagoge direkt neben der Banya-Bashi-Moschee und der Svetla Nedelya-Kathedrale. Vielleicht hört die Ökumene aber auch schon bei dieser topologischen Frage auf. Ein auf den ersten Blick sehr sympathischer Fahrradfahrer spricht uns in hervorragendem Französisch auf dem Boulevard Vitosha an und will uns helfen. Mit wahrer Begeisterung erzählt er, dass er in Frankreich gelebt hat, und dann warnt er uns: „Passt auf bei den Zigeunern und den Schwarzen!“ So kann der erste Eindruck täuschen. Wir haben aber gar keine riesige Menge schwarzer Menschen in den Straßen Sofias gesehen. Ehrlich gesagt, gar keinen, was mich betrifft.

In Sofia haben wir im Underground-Dekor einer ehemaligen Diskothek, jetzt ohne Parkettböden, eine Theater-Performance nach Mihaela, die Tigerin in unserer Stadt von Gianina Cărbunariu gesehen. Ein rumänisches Stück, auf Bulgarisch gespielt von der sehr überzeugenden Schauspielertruppe der 36 Monkeys. Assistenten mit Schim­pansen­masken führten die Zuschauer im Ablauf von ungefähr zehn voneinander unabhängigen Szenen durch den gesamten Theaterraum. Die Szenen zeigten unterschiedliche Reaktionen (der Einwohner, zufällig vorbeikommender Touristen, sogar wilder Tiere) angesichts der Bedrohung durch eine aus dem Zoo ausgebrochene Tigerin. Da wir die Sprache nicht verstanden und so fremdbestimmt einfach den anderen Zuschauern hinterhertappen mussten, kam mir unsere Lage vor wie die der Menschen in Planet der Affen (Originalversion). Und immer lächelten die Masken uns zu, als wollten sie uns sagen: Es ist ja nur eine Inszenierung.

In Sofia stellten alle Koordinatoren die von ihrem Komitee getroffene Auswahl der drei aus fremden Sprachen übersetzten Stücke vor. Ohne ins Detail zu gehen (das wäre langweilig): Einige Titel haben unsere Aufmerksamkeit gefesselt. Unsere Klasse von Tadeusz Słobozianek (ukrainisches Komitee), Hochzeitsreise des aserbaidschanischen Autors Mehman Musabeyli, Der Koffer von Małgorzata Sikorska-Miszczuk, Das arabisch-israelische Kochbuch von Robin Soares… Alles Stücke, von denen es noch keine französische Übersetzung gibt. Die deutschen Theaterautoren nehmen in der kollektiven Gesamtauswahl einen breiten Raum ein mit Autoren wie Marius von Mayenburg oder Roland Schimmelpfennig und noch sehr jungen Autorinnen wie Marianna Salzmann. Auch die polnischen Autoren kommen sehr gut weg. Das französische Theater nun ist mit zwei Texten für ein jugendliches Publikum vertreten, S’embrase von Luc Tartar und Z.E.P von Sonia Chiambretto. Hinzu kommt unumgänglich ein kurzes Stück von Mattei Visniec: Pense que tu es Dieu!

In Sofia sehen die Straßenbahnen noch wie echte Straßenbahnen aus mit metallisch quietschendem Schienengeräusch und Oberleitung. Und sie sind gelb. Keine treibt allerdings das Spiel so weit, sich „Sehnsucht“ zu nennen. Die Nostalgie stellt sich aber ein. Wie schreibt sich „Sehnsucht“ auf kyrillisch?

In Sofia nahmen wir die meisten unserer Mahlzeiten (mittags und abends) in diskreten Gärten zu uns, angenehm von Bäumen beschattet und auf massiven Holztischen, die wir manchmal zusammenschieben mussten, damit alle Platz fanden. Die Menus waren einfach (Rohkostsalat, Hühnchen, Mettbällchen…) mit Joghurtsoßen und wenig gesalzenen Rechnungen. Die Kon­ver­sa­tions­­sprachen überlagerten sich auf Englisch, Französisch, Deutsch, Bulgarisch… Und wenn mal ein Eichelhäher direkt neben uns auf einem tief liegenden Ast landete, schwieg er und lauschte dem Geplauder der Europäer.

In Sofia öffnen überall in den kleinen Parks Getränkekioske ihre Sonnenschirme und bieten Fruchtsaft, Mineralwasser, Kaffee und Bier an. Und festlichere und ernsthaftere Getränke, wenn sich die Nacht herabsenkt. Manche von uns tranken ihren Morgenkaffee auf der Terrasse des bulgarischen Verteidigungsministeriums, ungelogen.

In Sofia spielte das Nationaltheater an jenem Tag Cyrano von Bergerac. Eurodram ist noch lange nicht am Ziel.

In Sofia hatte unser Hotel einen sexy Namen: Slavyanska Beseda. Aber die Zimmer waren es nicht so sehr, bei Licht betrachtet.

In Sofia kündigte der Lindenblütenduft schon die Trunkenheit des Juni an und die Glyzinien klammerten sich an die Fassaden alter Wohnstätten.

In Sofia sollte Julio Iglesias zu einem einzigartigen Konzert eintreffen, aber es sah so aus, als ob dies keinen kümmere.

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