Presse AM BODEN

© David Graeter/LTT

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Reutlinger General-Anzeiger

(5. Dezember 2015, von Heiko Rehmann)

Ferner Krieg ganz nah

Theater – Einpersonenstück »Am Boden« im LTT

»Ich hatte ihn nie ausziehen wollen. Den hatte ich mir verdient.« Laura Sauer steht am Donnerstag auf der oberen Bühne des LTT. Tough. Zackig. Wie man es von einer Soldatin erwarten kann. Von einer Frau, die tötet und liebt. Ihren Kampfanzug. Ihr Flugzeug. Das Blau des Himmels. Der US-Autor George Brant beschreibt in seinem Einakter »Am Boden«, den modernen Krieg und was er mit den Beteiligten macht. Der rund einstündige Monolog ist im Telegrammstil geschrieben. In einer Sprache, die so gnadenlos ist wie die Kriege, die Amerika in aller Welt führt. »Den meisten Typen passt nicht, was ich mache. Sie fühlen sich weniger als Mann in meiner Nähe.«

Doch dann kommt Erik. So plötzlich ohne Vorwarnung wie die Geschosse, die die Pilotin auf ihre Gegner feuert. »Er küsst mich. Wir ficken. Ist ganz ok.« Und damit ändert sich alles. »Ich nehme zu.« Für einen Augenblick erlebt diese realitätserfahrene Frau einen Anfall von Naivität: »Ich versuche weniger zu essen.« Als sie schließlich bereit ist, die neue Situation zu akzeptieren, passiert, womit sie am wenigsten rechnet: Erik kommt zu ihr, statt davonzulaufen. »Wir ficken. Erik zieht ein. Wir sind zu dritt.«

Inszenierung und Bühnenbild von Tobias Bernhardt beschränken sich aufs Essenzielle: ein Pilotensessel, eine Leinwand, die in unterschiedlichen Farben die Gefühle der Protagonistin spiegelt. Laura Sauer steht auf der Bühne, breitbeinig, ein echter Kerl. Ihre Sätze schleudert sie ins Publikum. In Mimik, Gestik und Sprachduktus verkörpert sie eindrücklich die Schroffheit der Rolle. Diese Frau wird so schnell nichts umwerfen. Umso eindrucksvoller sind die kurzen Momente, in denen sie lächelt, in denen sie einen Anflug von Gefühl zeigt. Wenn sie mit ihrer Tochter Sam spielt. Wenn sie davon träumt, wieder zu fliegen.

Doch daraus wird nichts. In ihrer Babypause hat sich die Kriegsführung geändert. Jetzt sitzt sie in einem Militärstützpunkt, den Stick in der Hand, den Bildschirm vor Augen und steuert eine Drohne. Krieg als Computerspiel. Ab und zu zerstört sie per Knopfdruck ein feindliches Objekt, ein Leben, das sie nicht kennt. Sie wundert sich, dass ihre Knie zittern, obwohl sie keiner Gefahr mehr ausgesetzt ist. Am Anfang quält sie der Verlust der Freiheit über den Wolken. Dann verändert sich ihr Leben, langsam, unaufhaltsam. Tags starrt sie in das Grau des Monitors, nachts huscht sie zu ihrer schlafenden Tochter ins Zimmer.

Über Wochen verfolgt sie den »Propheten«, die Nummer zwei des Terrornetzwerkes. Die Realität am Bildschirm und ihre eigene überlagern sich. Das Auto des »Propheten« sieht aus wie ihres. Als ein Mädchen an sein Auto tritt, erkennt sie darin ihre Tochter, verweigert den Befehl zu feuern. Je weiter der Krieg entfernt ist, desto näher rückt er ihr, weil die Trennung vom realen Geschehen, die Teilnahmslosigkeit dieser Kriegsführung, paradoxerweise die innere Trennung aufhebt.

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