Logbuch 3.1: AUS HARTEM HOLZ

Im ersten Buch (1693-1727) überwiegt noch der düstere Ton um eine kleine Gruppe von Menschen, die sich im Wesentlichen auf einer Lichtung in La Nouvelle France aufhalten, Bäume fällen und sich mit der indigenen Bevölkerung aus Miqmaq, Huronen und den kriegerisch-widerständlerischen Iroquis auseinandersetzen. Feudale Strukturen werden aus Frankreich in diese neue, unendliche, bedrohliche Waldwelt übertragen und reiben sich sofort daran wund. Der Gedanke, die europäische Sozial- und Infrastruktur hierher verpflanzen zu können, scheint auf geradezu lächerliche Weise zu scheitern und kann auch nur mit Gewalt durchgesetzt werden. Rene Sel, George Duquet, französische Underdogs, erreichen die Küste mit der Hoffnung auf eigene Landzuteilungen nach einer Zeit der Fronarbeit für einen Adeligen. Während Duquet sich absetzt, erhält Sel das Land tatsächlich und zeugt mit seiner Miqmaq-Frau eine Handvoll Kinder. Zwar verenden die Figuren so rasch wie ihre vermessenen Pläne, ihre Kinder jedoch führen die Versuche der europäischen Siedler, in diesem für sie neuen Land sesshaft zu werden, das bereits ihre Heimat ist, fort. Umgekehrt verändert die verstärkte Ankunft der Europäer die Heimat der autochthonen Bevölkerung rasant.

Im zweiten Buch steht George Duquet, zuvor eine Randfigur, unversehens im Mittelpunkt, und plötzlich reißen Welten auf. Duquet repräsentiert den verbissen ehrgeizigen Kaufmann, der sich mit der gefügigen, in das Hierarchiesystem der französischen Kolonialpolitik ergebenen Siedlerexistenz nicht zufriedengeben kann. Buchstäblich von der Pike auf, in der nördlichen Wildnis allein und nur knapp dem Tod entgangen, lernt er seine eigenen Fähigkeiten und Interessensschwerpunkte zunächst im Fellhandel als voyageur, als coureur du bois, hat aber bereits immer die Idee der wirtschaftlichen Nutzung des nordamerikanischen Holzpotenzials im Hinterkopf. Ein angeborener Marktinstinkt führt ihn mit viel Wagemut und Selbstbewusstsein aus den jeweiligen untergeordneten Kontexten zunehmend in eine Machtposition, indem er sich die Gelegenheiten und Menschen mit ihren Bedürfnissen zu Nutze macht und ihnen verkauft, was sie benötigen. Dabei scheut er weder die Reise nach Frankreich noch auch sogar nach China.

In allen Zusammenhängen gelingt es Proulx, sowohl das richtige Maß des Erzählumfangs für ihren immensen Stoff zu finden, so dass sie lange Passagen häufig nur sehr kurz erzählt, z. B. geraten die Überfahrten, deren Seefahrergeschichten bei anderen Autoren das gesamte Werk ausmachen, gerade mal zu einem Gespräch mit dem Kapitän auf ein oder zwei Seiten. Ihre Beschreibung der Welten und Figuren, wie sie Duquet erscheinen, sind derart grotesk und absurd, dass ich die Lektüre immer wieder lachend unterbrechen muss. Außerdem fängt sie darin sowohl die Exotik ein, die diese Rokokozeit dreihundert Jahre später für uns hat, und kann jedes einzelne bisschen des expliziten Historienromans so schildern, dass die Relevanz für uns hier und jetzt geradezu zwingend, jedenfalls aber immer packend und nicht bloß unterhaltend ins Auge fällt.
Allein auf die Idee zu kommen, ihre Figur nach China zu schicken, das sie als bewusst und radikal isoliertes Land darstellt, das sich gegen die ökonomische Infiltration und Unterminierung von Europa aus, welches in ihm allein einen unermesslichen Markt sieht, konsequent zu wehren weiß, katapultiert die Erzählung in aktuellste Zusammenhänge. Dass dabei die Hauptfiguren im vornationalistisch alltäglichen Sprachgemisch stecken und Bildung eine Grundbefähigung zur Existenz im Kapitalismus darstellt, ist dem Übersetzer im Leser selbstverständlich ein Hochgenuss. Der Text ist insbesondere im ersten Buch fortwährend durchsetzt mit französischen Wörtern, die das Leseerlebnis zugleich auflockern, anreichern und vielschichtiger machen sowie verschiedene Arten von Fremde aufscheinen lassen. Auch das ist ein ausgesprochen moderner Aspekt des Romans. Dazu gestaltet sich die Handlung derart unvorhersehbar und multinarrativ, dass die Spannung unerträglich wächst: Was geschieht als nächstes, wohin verschlägt es uns nun?

Dieser Beitrag wurde in Kommentar veröffentlicht und getaggt , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen. Trackbacks are closed, but you can post a comment.

Kommentar verfassen

  • Blog via E-Mail abonnieren

    Gib deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

    Schließe dich 147 anderen Abonnenten an

  • Newsletter