Zugleich mit Ihnen, werter Herr René Rilke, schreibe ich diesen Brief an die Herren Larssen, Unseld und Zinn in Deutschland und Aveline und Barbin hier in Frankreich. Soweit ich es übersehe, sind das die Personen, die an meinen Zeilen ein Interesse haben könnten. Ich hoffe, Sie erhalten sie bei bester Gesundheit.
Ich trage mich schon lange mit dem Entschluss, Ihnen zu schreiben. Es ist mir nicht leichtgefallen. Stets geschieht das Unvorhergesehene und nicht das Geplante. Nachdem ich dieses Schreiben jahrhundertelang vor mir her geschoben habe; nachdem ich die Angelegenheit soweit verkleinert hatte, dass sie für mich praktisch keine Notwendigkeit mehr hatte; nachdem ich mir glaubhaft gemacht hatte, dass all das alltäglich und keiner weiteren Beachtung wert sei; nachdem darüber sehr viel Zeit verflossen ist und ich zum Schreiben wie zum Leben mittlerweile der Hilfe eines jungen Mannes bedarf, ist jede weitere Verzögerung eine Ewigkeit mehr in den Flammen des Fegefeuers. Wäre ich nur schon dort. Zuletzt muss ich einsehen, dass ich mich aus Unbehagen um etwas Notwendiges herumdrücke. Zwar heilt die Zeit keine Wunden, aber immerhin erlaubt sie einen anderen Umgang mit dem Schmerz.
Wer bin ich? Wenn Ihnen der Name Noël Bouton nichts sagt, so doch sicherlich die in Ihrem Verlag erschienen ‘Portugiesischen Briefe’. Diese Briefe hat Marianna Alcoforado an mich geschrieben.
Ich wohne in Frankreich. (Verzeihen Sie die Unhöflichkeit, dass ich aus meinem genauen Aufenthalt ein Geheimnis mache.) Ich bin nie wieder herausgekommen aus diesem Land, obwohl ich es so gründlich hasse. Die französische Luft kann ich kaum noch atmen, keinen Fuß mehr auf diese Erde setzen. Aber ich habe keine andere, weder Luft noch Erde. Wir kennen uns schon zu lange, diese Nation und ich, zu oft haben wir uns schon unter den Rock geguckt. Ich war immer königstreu, mit den Reformierten hatte ich nichts zu schaffen. Irgendwann war es auch zu spät. Ein paar Jahrzehnte lang hatte ich mich versteckt gehalten; vollkommen sinnlos, wie sich zeigte. Ich hatte mich überschätzt. Wer mich noch hätte verfolgen oder auch nur ein Interesse an mir haben, ja wer sich auch nur an mich hätte erinnern können, war längst gestorben. Mein Haus bei Chamilly ist jetzt ein touristisches Weingut. Wenigstens mein Name steht noch auf den Fahnen, meine Familie ist noch existent, so dass man in Anbetracht der vergangenen Zeit ruhig vom Geschlecht der Bouton sprechen kann. Historiker kennen mich noch, Geschichtslehrer schon nicht mehr. Ich bin allein mit dem Wissen um eine Vergangenheit, die mit jedem Tag neu und anders erfunden wird. Vielleicht ist überhaupt das das Schwerste. Zu sehen, wie die eigene Wirklichkeit vor der öffentlichen Wahrheit unwahr wird.
Der junge Mann lacht mich aus, er glaubt mir nicht. Ich lache mit ihm: doch, es stimmt. Rechnen Sie, Marcel, dreihundertsiebenundsechzig Jahre alt. Dann sei ich wohl mit Richelieu auf die Jagd geritten, fragt er mich. Das Sozialamt schickt einen Schwarzen, aus den Kolonien, einem alten Mann zur Hand zu gehen. Er versteht nichts. Ich habe damals auch nichts verstanden, in seinem Alter. Zugegeben, ich bin eigensinnig, aber ich will nicht alles aufs Alter schieben. Jede Eigenschaft findet sich bei Menschen jeden Alters. Aber vielleicht drücke ich mich nicht klar aus. Es fällt mir schwer, ich spreche mit niemandem mehr. Die wenigen Meter über den Flur meiner neuen Heimwohnung, vom Fenster zum Sessel, lege ich mit meinen albernen alten Beinen zurück, lege sie immer wieder zurück, diese Entfernung. In all den Jahrhunderten habe ich den Weg nach Beja wohl hundert mal geschafft. Ein Jakobsweg, in meiner Wohnung zigtausendmal gefaltet wie eine japanische Klinge, damit er hineinpasst.
Die Briefe. Natürlich ist mir Ihre deutsche Übersetzung, die Sie freundlicherweise und mit treffsicherem literarischen Instinkt vollbracht haben, gut bekannt. Auch die erste französische zu studieren hatte ich Muße genug. Ich habe sie alle gelesen. Sogar Ihre Sprache habe ich kürzlich dafür gelernt. Nicht schlecht für einen alten Mann, finden Sie nicht? Die Originale gelten als verschollen. Ich halte sie jetzt hier in meinen Händen, die Briefe selbst. Von Mariannas Hand geschrieben, von ihrem Bruder überbracht, der in meinem Regiment diente. Portugiesisch. Schön. Das haben Sie richtig vermutet. Könnten Sie sie doch lesen. Könnten Sie doch in ihrem Original die Größe begreifen, die sich in diesen paar alten Blättern Papier entfaltet. Ich bin versucht, diesem Brief eine Abschrift von Mariannas Schreiben beizulegen. Für Sie. Privat. Ich gönne es Ihnen und wünsche mir, dass Sie mich verstehen. Der junge Mann hier versteht kein Portugiesisch. Er weiß auch nichts von der Geschichte, die in diesen Seiten liegt. Ich werde es nicht tun. Für Sie als Literat und Übersetzer muss es besonders qualvoll sein zu wissen: die Originalbriefe existieren, diese Dokumente der Weltliteratur, und Sie werden sie nicht sehen. Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen diese Qual nicht ersparen. Es ist meine Geschichte, soll sie meine bleiben.
Weder an den Briefen noch an mir hat die Zeit ein gutes Haar gelassen; das Ringen der beiden Geister aber, meines und Mariannas, ist aus dem jugendlichen Stadium in das erwachsene und schließlich in das der Toten übergegangen, ein ewiges. Denn von Rechts wegen müsste ich natürlich längst tot sein, und ich gäbe einiges darum. Beharrlich hält sich der Irrglaube, wenn man nur alt genug würde, würde die Weisheit sich schon einstellen. Ich bin wahrhaftig alt genug. Bald werde ich nur noch eine Runzel. Ein verrunzelter Gedanke, ein runzliges Stück Fleisch. Aber es hat sich keine Weisheit eingestellt bisher. Es kommt auch keine mehr.
Ich habe ein konkretes Anliegen und muss dazu aber wohl ein wenig ausholen. Ich werde versuchen, mich kurz zu fassen. Das ist eine übergroße Aufgabe für mich; ich habe mich daran gewöhnt, Zeit zu haben. Dass sie jetzt doch zur Frist wird, ist ein neues Problem für mich. Irgend etwas im Gehirn macht, dass ich sie nicht als Wegstrecke, sondern als Haufen empfinde, als gehäufte Zeit. Ich kann nicht sagen, was zuerst geschah und was danach. Es muss den Menschen lästig und wunderlich vorkommen, dass ich selbstverständlich Ereignissen und Personen vergleiche, die wahrscheinlich zweihundert Jahre auseinander liegen. Ich kann oft nicht sagen, wieso der große Defaix nicht mit Thiery gegen die Aufständischen in Paris hat vorgehen können und ob er überhaupt gegen Bismarck gekämpft hat. Es wurde schon beschrieben: Die Erinnerung hat ihren eigenen Willen. Sie kommt und geht, wie es ihr passt. Vergeblich, sich auf die Suche nach etwas Bestimmten zu machen. Es muss einem zufliegen. Die Briefe hatte ich irgendwann wieder in der Hand und mit ihnen sofort den Geruch meines Hengstes in der Nase, das Geräusch seiner Hufe auf dem Hof vor dem Stall in Beja. Die Farbe der Sonne, wenn sie noch niedrig über dem auslaufenden Land in Richtung der spanischen Grenze hing. Dann der Klosterhof, am Eingang die Statue der Königin Leonor. Das Halbdunkel von Mariannas Zelle, die vergitterten Fenster, ihre Augen. Nein, nicht ihre Augen, sondern der Ausdruck darin. Eine Offenheit, in die ich hineingefallen bin wie ein Kind in ein Brunnenloch.
Marianna. Vergessen hatte ich sie. Die ich einmal so geliebt habe. Denn das ist auch wahr, dass ich sie geliebt habe, trotz allem. Es gab Momente, da habe ich mich dem Glauben hingegeben wie sie sich mir, aus Lust. Es war insgesamt eine Frage von Glauben. Wie fern das alles ist. Ein Meer von Zeit liegt dazwischen, und ein wirkliches. Ich habe sie über Bord geworfen. Aber natürlich: ab und an über die Jahre tauchte sie auf, wie ein Stück Treibholz, das das spezifische Gewicht des Wassers angenommen hat und meist irgendwo tief unten mittreibt, zuweilen aber erscheint am Licht des Tages.
Ich habe mit ihr geprahlt, habe von Marianna gesprochen wie von einem kleinen Tier, das ich gefangen habe, wie von etwas Seltenem. Soviel zumindest schien ich bemerkt zu haben. Und ich habe sie durchaus bewundert. Aber nicht wie ein Mann eine Frau bewundert, sondern eher wie ein Großwildjäger einen außergewöhnlichen Löwen bewundert; und ihn gleichwohl ermordet. Sie war ein Juwel; in meiner Sammlung. Sie schien wie gemacht zur Vervollkommnung der portugiesischen Morgenröte, der frische, klare Morgen war ihre Zeit. Die stille, andächtige Beschäftigung im Kloster trank ich bei meinen Besuchen wie bis dahin nicht gekannten, labenden Most. Ich wünschte, ich hätte etwas, um es Ihnen zum Tausch anzubieten für Ihre Fähigkeit, mit Worten zu beschreiben, was ich dort gefühlt habe. Ohne Marianna wäre das Bild nicht vollkommen gewesen, das ich von Portugal hatte. Ihre Seele war der meinen so fremd, und doch durfte ich ihr so nah sein. Ein Mädchen aus dem untersten Stand hatte sich in mich verliebt. Ich schwebte auf Wolken. In Frankreich hätte ich keine Chance gehabt, diese Gelegenheit wahrzunehmen, ich hätte mich unmöglich gemacht. Aber hier eröffneten sich mir ungeahnte Freiheiten. Ich war den gehässigen Augen entzogen und konnte tun und lassen, was ich wollte. Ich fühlte mich diesem jungen Mädchen so unendlich überlegen, das jenseits der Klostermauern die Welt nicht kannte. Sie hatte etwas Unwirkliches, das in meiner Welt nicht existieren durfte. Ich stahl von der Ruhe in ihrer Mitte, die Sie vielleicht mehr als die übrigen Herren, denen ich mein Anliegen schreibe, in Mariannas Briefen ahnen können. In ihrer Konzentration badete ich wie in Weihwasser. Ihr Glaube war meine Droge, der Zauber ihrer Gedankenrichtung auf kein anderes Geschäft als Glauben, das war unerhört für mich. Diesen reinen Geist habe ich geliebt; und sein Gefäß, ihren reinen, jungen Körper. Beides an einem Punkt in Zeit und Raum für mich allein zu haben, das gab mir fadenscheinigem Katholik eine Ahnung des Göttlichen.
Ich wünschte, ich hätte mir nicht so viel vormachen müssen mein Leben lang, wünschte, ich hätte jemals in meinem Leben so rein sein können, solche Briefe zu schreiben, solche Sätze zu formulieren. Sie hat sich ganz an mich gegeben, ohne sich an mich zu verlieren. Ich habe stets etwas zurückbehalten vor ihr, vor allen, aus Angst vor dem Schaden, den ich möglicherweise zu erleiden fürchtete. Deswegen, ich bin sicher, blieben mir die „grenzenlosen Freuden“ versagt. Sie lagen dort vor mir, in meinen Armen, die Freuden, soviel weiß ich jetzt. Mich so aufzugeben, dazu war die Furcht zu groß, den Preis nicht bezahlen zu können. Wie arm. Wie arm.
Nachdem ich, wieder in Frankreich, Mariannas zweiten Brief erhalten hatte und erkennen musste, dass es nicht der letzte und sie nicht mit den üblichen Zeilen abzuspeisen sein würde, habe ich mich bereits verflucht dafür, ein Mädchen verführt zu haben, das nicht nur des Lesens mächtig ist; sondern diese verdammten Nonnen haben ihr auch das Schreiben noch beigebracht. Wozu hat man damals begonnen, Frauen Schreiben zu lehren?
Ein Freund erbot sich, die Briefe endgültig zu veröffentlichen. Ich erinnere mich an das Gefühl von Großartigkeit, als wir in seiner sonnendurchfluteten Salle auf den Fauteuils saßen und er mir begeistert den literarischen Wert der Briefe vor Augen hielt und dazu meine Selbstsucht, wenn ich sie für mich behielte. Das schien einleuchtend und wie ein Kompliment an Marianna, der ich damit etwas Gutes tun könnte. Die Großartigkeit fühlte sich mit einem Mal an wie Großherzigkeit. Wo um mich herum von ihr erzählt wurde, hatte ich ja das Gefühl, sie wäre eher eine Erscheinung als eine Frau gewesen, und übrigens unterblieben alle sonst üblichen obszönen Anspielungen des männlichen Umfeldes. Noch überraschender für mich war die Reaktion der Frauen, die allesamt mitfühlend und angerührt und bezaubert reagierten. Mir kam das alles zupass, und ich hatte nichts eiligeres zu tun, als diesem Freund eine Abschrift auszuhändigen. Er kümmerte sich um die Übersetzung ins Französische, und so schlecht sie auch war, sie fand rasch Verbreitung. Man sprach darüber wie über den dernier cri der Literaturwelt, das wäre so lebensecht, hieß es immer. Ich hatte bei meiner Rückkehr Gerede befürchtet und Lorbeeren bekommen; die nahm ich gerne entgegen, als wäre ich der Autor dieser Zeilen und nicht ihr Empfänger gewesen. Es war einfach zu bequem. Ich entwickelte einen gewissen Stolz und freute mich über die Komplimente. Alles Persönliche war daraus verschwunden, wie durch ein Wunder. Es war keine Geschichte mehr, die mir passiert war oder überhaupt sonst wem, es war nur noch eine Geschichte, so paradox das auch war, denn gerade dass sie tatsächlich geschehen war, schien sie nur noch mehr zu entrücken und gleichzeitig faszinierender zu machen. Das öffentliche Interesse an den Briefen und der positive Rückhall auf ihre Veröffentlichung war meine Absolution, wenn ich denn eine gebraucht habe.
Dieser Eindruck von mir selbst als Mariannas Wohltäter blieb mir an der Oberfläche auch erhalten. Ich bin immer erstaunt, wie plump der menschliche Geist reagiert. Immer wird von seiner wunderlichen Beschaffenheit gesprochen, aber er ist viel behäbiger als sein Organismus. Hat er ein bestimmtes Bild einmal angenommen, dann bleibt es dabei in alle Ewigkeit. Hätte man mich gefragt, hätte ich immer geantwortet, dass mir die Veröffentlichungen Freude bereitet haben oder ich Marianna dadurch sogar eine Hilfe war. Ihre Briefe gingen durch viele Hände, wurden zitiert, abgeschrieben und vorgelesen. Ob sie davon wusste, habe ich nie erfahren. Die französische Fassung kam gut an, aber der Schwung hielt nicht lange vor. Ich war kein homme de lettre, und so gerieten vor allem die Originale für mich nach wenigen Jahren in Vergessenheit. Sie wurden mir gleichgültig. Ich weiß nicht, wie oft ich die Briefe mit anderen Dingen zusammen schon fortwerfen wollte. Mehrmals hat die eine Hand sie schon in den Reisigkorb gestopft, nur damit die andere sie wieder herausholte. Ich war noch nicht fertig mit ihnen, und die Zeit war noch nicht gekommen. Ich habe mich mit anderen Dingen beschäftigt, und für die Briefe, für das letzte, was von Marianna noch in der Welt ist, war das eine Zeit des Wartens. Das Papier hatte ihre Geduld geerbt.
Erst vor vielleicht einem Monat sollte ich aus meiner Wohnung in ein Heim umziehen, wo besser für mich gesorgt werden könnte, wie mein Gehilfe hier mir versichert. Ein Witz, natürlich, wenn man bedenkt, wie lange ich es allein geschafft habe. Meine gesamte Habe haben die Männer durchwühlt und einen gut Teil vernichtet. Hätte ich nicht wie eine Hyäne daneben gestanden und den tumben Dienern eine durchaus noch taugliche Jacke und die schöne Kiste entrissen, wären die Briefe jetzt auch nicht mehr. Ich habe sie nicht absichtlich gerettet.
Tags drauf saß ich in meiner zusammengeräumten Wohnung, alles in Kisten, diesen Sessel hatte ich mir noch ausbedungen, und las die gefundenen Briefe wieder. Nach zweihundert Jahren sehen auch die größten Konstanten anders aus. Wie von weit weg klang mir ihre Stimme in den Ohren, ich konnte sie nicht immer verstehen. Ihre feinen Gedankengänge waren mir unzugänglich. Was hatte sie gemeint mit dem Satz, den Sie so übersetzt haben: "Hast du wirklich meine Zärtlichkeit gekannt und den Grund meines Herzens, und hast dich entschließen können, mich für immer im Stich zu lassen, preisgegeben der unvermeidlichen Pein, dass du an mich nicht mehr denkst, es sei denn, um mich irgendeiner neuen Leidenschaft zu opfern?". Vielleicht hat mich die geschäftige Unruhe vom Vortag nach so vielen Jahrzehnten Bewegungslosigkeit unfähig gemacht, ihre stillen Worte zu begreifen. Ich legte sie erneut weg, hielt sie aber am nächsten Tag schon wieder in der Hand. Plötzlich ließen sie mich nun nicht mehr los, nachdem ich sie eine Ewigkeit lang nicht beachtet hatte. Wie pures, weißes Gold lagen ihre Sätze jetzt vor mir, immer noch klar strahlend, älter und feiner geworden mit der Zeit. Die Antwort war: Nein. Ich hatte ihr Herz nicht gekannt, überhaupt nicht. Es hat mich auch nicht interessiert, ich wollte es überhaupt nicht kennen. Ich hatte mich ja wie in einen Rausch hineingestürzt in die Liebe dieses Mädchens, wie einen Vampir geilte mich ihr Lebenssaft auf, und ich lebte selbst nur durch sie. „Ohne Zweifel würdest du hier im Land irgendein Frauenzimmer von größerer Schönheit gefunden haben, mit dem du ebensoviel Vergnügen dir hättest schaffen können, da es dir nur um das gröbste zu tun ist“, so lassen Sie sie im zweiten Brief schreiben. Offenbar war ich ein Snob, dass ich keine Rücksichten kannte, als sie mir zugeflogen kam.
Ich hatte mich für den Einsatz in Portugal freiwillig gemeldet, dazu die sichere Aussicht auf baldige Beförderung. Letztlich war mir die ganze höfische Atmosphäre in Frankreich schon lange zuwider gewesen. Ich hatte frische Luft nötig gehabt. Einmal dort, war natürlich alles ganz anders. Gerade in der ersten Zeit gab es kaum Fremdkontakt. In der Garnison aßen wir unsere heimische Küche, und alles in allem lebten wir dort französischer als in Frankreich. Auch wenn es nicht das Feinste war, wir mussten ja nur am Leben bleiben. Aber mich verlieben und die Frauenzimmer in mich verliebt machen, das war Sport. Darin war ich durchaus nicht der einzige, ganz im Gegenteil. Die Nonnen waren sehr begehrt bei uns. Marianna war meine Freizeitbeschäftigung, und da ich meistens Dienst hatte, sahen wir uns nicht oft in diesen Monaten. Mir machte es nichts aus, und sie schien sich an der Gelegenheit zu erfreuen, die Größe ihrer Liebe vermittels ihrer Leidensfähigkeit unter Beweis zu stellen. Als sich die Dinge zu wiederholen begannen, war ich aus der Tür. Mir wurde es schal; aber bei ihr fing es erst richtig an. Sie sah etwas anfangen, was Dauer versprach und Zukunft. Zu dem Zeitpunkt war das der Stoff, aus denen meine Fesseln waren. Keine dreißig Jahre alt war ich und aus bestem Hause. Meine Zukunft war sicher. Ich brauchte keine Garantie, um fortzuleben. Man bot mir am Ende eine bessere Stellung in Frankreich, und weil mein Terrain in Portugal abgegrast war, entschied ich mich zur Abreise. Sie war dabei kaum einen Gedanken wert. Ein gebrochenes Herz war in meinen Augen eine Lektion, für die mir jede Jungfer dankbar sein würde, wenn die Wunde erst verheilt wäre.
Diesen Menschen, der ich damals war, kenne ich noch besser, seit ich nicht mehr er bin. Aber wirklich verändert habe ich mich nicht, wenn man die unendlichen Chancen und Anlässe meiner Lebenszeit dagegenhält, an denen ich es hätte tun können. Jetzt erst, fast schon zu spät, fällt noch einmal ein Groschen und reißt rechts und links ganze Gebirge mit sich. Ich lache viel. Über mich. Ich weine auch, ebenfalls über mich. Oft beides gleichzeitig. Alte Männer weinen leicht, armselige Tränen. Selbstmitleid. Aber ich schäme mich nicht, dazu ist es zu spät: ich war ein geiler Bock, kaum der Mutter entlaufen, alles Hormone, wie man jetzt weiß. Eine kleine Geschichte mit einem Mädchen im Ausland – es hätte alltäglicher nicht sein können. Ein Nönnchen, das würzte es noch etwas. Eine bisweilen anstrengende Person. Sie war einsam und an ihrem Glauben aufgehängt, von unglaublich zäher Fähigkeit zur Fixierung, bar aller Schutzmechanismen gegen die Verletzung. Hat sich an ihrem Glauben verbissen und dadurch über ihre Kraft hinaus einem Schmerz ausgeliefert, der größer war als sie und der ausnahmsweise wuchs am Tageslicht, eine Wunde, die gedeiht mit guter Luft, anstatt zu heilen. Alles drehte sich um Sünde und Sühne damals. Heute denken die meisten Menschen in unseren Ländern anders, aber verschwunden sind diese Größen deshalb nicht. Diese Nonnen sind herangewachsen mit dem ständig mahnenden Dogma in den Ohren, sie seien schlecht und könnten sich durch Leiden bessern; sie sei schuldig, hörte Marianna von Kindesbeinen an, und nur Leiden würden ihr diese Schuld nehmen, sie die Schuld sühnen lassen, und schließlich würde ihr vergeben. Allein ihrem Willen zum Leid ist die ganze Geschichte zu verdanken gewesen. Diese Frau hatte keine Erfahrung im Lieben. Marianna hätte das geleugnet, und auf ihre Weise hatte sie natürlich eine Liebe, eine göttliche, und war darin geübter als ich in weltlicher. Nur lassen sich diese beiden nicht vergleichen. Die eine, ihre, ist angelegt auf Einseitigkeit und Entbehren, der liebende Mönch oder die liebende Nonne kennt nicht ihr Scheitern, sondern versteht die Kraft Der Liebe, wie sie von der Kirche gelobt und beschworen wird, als Heilmittel. Wohlgemerkt: nicht nur als heilendes Mittel, vielmehr als Mittel zum letzten, größten Heil. Wo jeder sah, dass sie von dem Verführer abserviert worden war, jungfräulich im Geist, obschon nicht mehr im Fleisch, stürzte sie sich konsequent auf die ihr vorgehaltenen christlichen Lehren und mit und in aller Verzweiflung in noch mehr Liebe zu dem Fühllosen, der sich schon woanders vergnügt: in ihr Unheil. Noch mehr leiden wollte Marianna für ihren Fehler, mich nicht so viel geliebt zu haben, dass ich bei ihr geblieben wäre. Welch ein Unmaß an Glauben steckt hier. Zweifel hätte sie geschützt.
Als hätte sie irgend etwas ändern können an meinem Leben. Niemand hat je etwas geändert daran. Habe ja auch alles erreicht, was zu erreichen war. Marschall von Frankreich, bitte sehr. Und alles mit der schwärzesten Seele. Ich schmeichelte mir mit diesem Bild von Ruch. Die Wahrheit ist, ich war gewöhnlich. Kein Gilles de Rais, kein Revolutionär, keine großen Ideen, keine Opfer dafür. Davor hatte ich immer die größte Angst: ein Opfer bringen zu müssen. Das denke ich heute. Doch habe ich nicht den geringsten Zweifel, dass Sie an meiner Stelle genau so handeln würden. Sie oder jeder andere, ich möchte Ihnen nichts unterstellen.
Ihre Klage wurde Literatur. Es liest sich schön, ja. Allerdings gemeint zu sein damit und sie zu kennen, wünsche ich niemandem. Die Briefe habe ich nebenher beantwortet. Ich und meine Freunde, wir waren jung, und die Ernsthaftigkeit und Naivität dieses portugiesischen Mädchens stellten ihre Schönheit schnell in den Schatten der Entfernung. Wir wunderten uns in der Gesellschaft über die Exotik ihrer Denkungsart und vergaßen sie. Sie ist darüber hinweggekommen, woran höchstens noch verwunderlich ist, dass sie willens war, den Schmerz ein halbes Jahr mit sich herumzutragen. Nichts haben wir verstanden.
Unsere kleine Gruppe von Junggesellen, darunter die erlesenste Elite Frankreichs, zerfiel bald zu einer Handvoll blutiger Konkurrenten um einige begehrte Positionen im Staatsgefüge. Es ging nur um Macht. Macht ist Freiheit, das war unsere Devise. Wir hatten alle auf die eine oder andere Weise Unfreiheit erlebt. Wir haben sie durchaus auch verursacht. Die eigene Freiheit rechtfertigt sich auf dem Grunde von geopferten Freiheiten anderer, die weniger Glück haben. Vielleicht können Sie das bestätigen. Meine Karriere verlief wunschgemäß, wenn ich auch nie so eindeutig geplant hatte, wohin ich sie leiten wollte. Wieviele Menschen sind auf meiner Laufbahn auf der Strecke geblieben, die mir in ihrem Verlauf immer deutlicher vor Augen lag, immer kompromissloser verfolgte ich mein Ziel und endete als Marschall von Frankreich. Herrgott, es gibt sie immer noch, diese Marschälle. Schälle und Rauche.
Sie brach den Briefverkehr ab, wir haben uns nie wieder gesehen. Sie starb mit über achtzig Jahren, während ich weiterlebte und nicht sterben wollte. Wieso, ich weiß es nicht. Vielleicht, denke ich manchmal, habe ich eine zentrale Frage noch nicht beantwortet. Vielleicht ist noch etwas zu tun. Vielleicht ist das aber auch nur sentimental, und ich bin bloß ein biologisches Phänomen, ein Monster, derart außerordentlich, dass niemand mir glaubt. Wie dem auch sei, ich hatte nie das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben. Zu keinem Zeitpunkt. Wieso nutzte ich nicht bereits die Tatsache ihres Todes, um über unsere gemeinsame Zeit nachzudenken? Das ist natürlich auch so ein Irrglaube, dass der Tod reinigende Kraft hat. Es wird zuviel erwartet vom Tod, man ruht sich darauf aus. Davon nehme ich mich nicht aus. Mein ganzes Leben habe ich darauf gewartet, dass eine spätere Phase die Dummheiten einer früheren rechtfertigen würde; dass ich plötzlich verstehen würde, wie sie auf eine Weise sinnvoll und notwendig gewesen sind. Den Satz Nichts Geschieht Sinnlos habe ich immer verzweifelt aufgesogen und zur gleichen Zeit gehasst, denn durchaus geschieht sehr vieles sinnlos. Sinngeberei ist immer Religion. Nicht meine Sache.
Auslösend war nicht das, was ging, sondern das, was blieb. Nicht sie, die für mich schon zu Lebzeiten keine Rolle spielte, sondern ihr Gespenst war mein Bezugspunkt. Die Briefe selbst waren es, die mir diese Sache am Anfang meines Lebens wieder ins Gedächtnis riefen. Ich verstand, dass mit ihrem Tod Chancen unwiederbringlich verloren waren. Mit diesem Gedanken setzte das Bewusstsein an, dass ich in diesem Fall möglicherweise einen Fehler gemacht hatte. Im Grunde habe ich ihre Briefe nicht lesen können. Als wäre es Arabisch gewesen, habe ich ihre Sprache nicht verstanden. Ich habe ihren Klang bewundert, ich habe mich an ihrer Fremdartigkeit erfreut, aber ich habe nichts von dem verstehen können, was Marianna mir sagen wollte. Sie hat ihre letzten Mittel angewandt und ihr ganzes Herzblut ausgewrungen, sie hat mit ihrem Tod gedroht und wohl auch diesen Schritt beinah getan, alles nur, um mich zu erreichen. Vergebens. Ich hatte keine Ohren, zu hören. Zu deutlich hat sie mir gezeigt, was ich von mir nicht wissen wollte. Dass ich es mir leicht machte, wo nichts leicht war. Dass ich umgekehrt alles verunmöglichte, was leicht hätte sein können. Wie recht sie hatte mit ihrer Vorsicht. Wäre sie nur noch vorsichtiger gewesen und hätte sich nicht auf mich eingelassen. Wäre nur ich nicht so gewandt gewesen, sie um den Finger zu wickeln. Oder anders: wäre es mir nur ernster gewesen, sie noch unvorsichtiger, so dass ich die Geschichte heute unseren Kindern erzählen könnte.
Mein Feind war ihr Glaube. Den musste ich zerstören. Für Sie als moderner Mensch ist das eine Selbstverständlichkeit. Neben einer allgemeinen Relativität fällt ein absoluter Glaube sehr schwer. Dennoch, ich hatte immer so gern glauben wollen, auf diese große Art und Weise an die Welt glauben, an das Gute, an alles, woran Marianna hat glauben können. Selbstverständlich war es einem erwachsenen Mann, einem Adligen im Offiziersstand der Großmacht Frankreich unmöglich, tatsächlich so zu glauben. Man ging in die Kirche, aber das war schon alles. Diese Desillusionierung ist sehr alltäglich, und dennoch habe ich genug darunter gelitten, um anderen ihre Glaubenskraft zu neiden. Schwester Marianna hielt ihren Finger zielsicher in die älteste meiner Wunden. An wie vielen Frauen und Mädchen habe ich mich gerächt für diese Schmerzen. Für diese Demaskierung. Ich meinte damals ernstlich, ihr um eine Enttäuschung voraus zu sein. Darauf gründete mein Gefühl von Überlegenheit. Ihr Glaube erschien mir wie ein Irrtum, der nicht früh genug berichtigt werden könnte, um den Anforderungen des Lebens gewachsen zu sein.
Sie hatte gesiegt. Sie empfand es wahrscheinlich anders, aber sie war zu stark für mich. Ich habe nie klagen können, ich konnte nur hassen. Alle hassen, die mein Leid nicht teilten. Alle meine Kameraden und Untergebenen, die zu ihren Nonnen gingen wie in ein Bordell, die ihnen die Kluft über die Brüste zogen und schon vergessen hatten, wie das Mädchen aussah, wenn sie die Hosen wieder hochzogen. Wie viele gestorben sind bei den Engelmacherinnen. Auf so sanfte, zauberhafte Art hielten mir Mariannas Briefe vor, welch falschen Weg ich einschlug mit meinem Hass. Ihr war Rache kein fremdes Bedürfnis, aber ein unwürdiges. Oft schreiben sollte ich ihr. Sie, die Verlassene, sorgte sich um mich wegen eines Unwetters auf See, während ich sie schon vergessen hatte. Wie wenig sie die Welt kannte außerhalb ihrer Klostermauern; wie wenig solche wie mich. Ich kannte nur solche wie mich. Immer waren die, die nicht bereits gestorben waren am Gift ihres Lebens, nur andere Schweine, die mir mein Schweineleben rechtfertigen. Ein Schweineleben. Wie oft habe ich jenen ihre Liebe nicht mehr glauben können, die sie mir geschenkt haben. Wie alt muss ich werden, um mich vor mir nicht mehr zu fürchten? Ein normales Menschenleben reicht dazu nicht aus. Auch zwei oder selbst drei wären in den meisten Fällen zu kurz. Aber Mariannas Medizin war präzise dosiert. Wenigstens das ist nicht sinnlos geschehen. Was sie mir einträufelte, scheint jetzt zu wirken, und bald schläft auch mir in der Brust der Stachel.
Ich laufe und laufe, vom Fenster über den Flur zum Sessel und wieder zurück. Im Grunde bin ich ewig unterwegs in diese Stadt. Pax Julia hieß Beja bei den Römern, wussten Sie das? Pax Marianna werde ich das Städtchen nennen, ich will meinen Frieden mit ihr machen. Ich habe die glücklichste Zeit meines Lebens nicht gelebt. Aus Angst. Meine Rückkehr nach Frankreich – Marianna sagt es mit dem klaren Blick der Heiligen: war eine Flucht. Wenn sie mein Spiegel war, dann habe ich den Anblick nicht ertragen. Ich habe nicht ertragen zu sehen, dass ich zu schwach war für mein Glück.
Die Zeit meines jungen Gehilfen ist beschränkt, ich muss schließen. Ich bitte Sie, das Bändchen mit ihren Briefen aus dem Angebot Ihres Verlages zu nehmen. Mir ist bewusst, dass das für Sie und Ihre Mitarbeiter einen größeren Aufwand bedeutet, aber auf dem Hintergrund meiner Situation ist es doch sicher ein gerechtfertigter und zumutbarer. Es ist das Letzte, worum ich überhaupt jemanden bitte, damit ich diesen Ort in besser geordneten Verhältnissen verlasse. Ich möchte nicht, dass über meine Taten so gelacht wird, wie ich über Marianna gelacht habe. So kann ich nicht aus der Welt. Denn möglicherweise ist es endlich soweit. Ich habe so ein Gefühl.
Hochachtungsvoll,
Noël Bouton
i. A. Marcel N’Diaye
PS: Monsieur! Ich bitte vielmals um Entschuldigung für diesen Brief. Es ist mir sehr unangenehm, Sie damit zu belästigen. Der alte Monsieur Bouton ist seit einem Monat in unserem Pflegeheim untergebracht. Wir beneiden ihn um seine unerschütterliche Gesundheit, wenn auch sein Geist stark verwirrt ist. Die Idee, diesen Brief zu schreiben, war ihm nicht auszureden. "Die Briefe", von denen er immer redet, sind ein Stapel dreckiger Papiere, die er überall bei sich trägt. Aber weil die Sache von allergrößter Bedeutung für ihn zu sein scheint, musste ich vor seinen Augen an Sie und die anderen Herren schreiben und alles mit ihm auf die Post bringen. Wir hätten Ihnen die Unannehmlichkeiten gerne erspart, aber vielleicht sehen Sie es von der Seite, dass Sie einem alten Menschen geholfen haben.
Mit freundlichen Grüßen,
M. N’Diaye
Bescheidenes Anliegen
Zugleich mit Ihnen, werter Herr René Rilke, schreibe ich diesen Brief an die Herren Larssen, Unseld und Zinn in Deutschland und Aveline und Barbin hier in Frankreich. Soweit ich es übersehe, sind das die Personen, die an meinen Zeilen ein Interesse haben könnten. Ich hoffe, Sie erhalten sie bei bester Gesundheit.
Ich trage mich schon lange mit dem Entschluss, Ihnen zu schreiben. Es ist mir nicht leichtgefallen. Stets geschieht das Unvorhergesehene und nicht das Geplante. Nachdem ich dieses Schreiben jahrhundertelang vor mir her geschoben habe; nachdem ich die Angelegenheit soweit verkleinert hatte, dass sie für mich praktisch keine Notwendigkeit mehr hatte; nachdem ich mir glaubhaft gemacht hatte, dass all das alltäglich und keiner weiteren Beachtung wert sei; nachdem darüber sehr viel Zeit verflossen ist und ich zum Schreiben wie zum Leben mittlerweile der Hilfe eines jungen Mannes bedarf, ist jede weitere Verzögerung eine Ewigkeit mehr in den Flammen des Fegefeuers. Wäre ich nur schon dort. Zuletzt muss ich einsehen, dass ich mich aus Unbehagen um etwas Notwendiges herumdrücke. Zwar heilt die Zeit keine Wunden, aber immerhin erlaubt sie einen anderen Umgang mit dem Schmerz.
Wer bin ich? Wenn Ihnen der Name Noël Bouton nichts sagt, so doch sicherlich die in Ihrem Verlag erschienen ‘Portugiesischen Briefe’. Diese Briefe hat Marianna Alcoforado an mich geschrieben.
Ich wohne in Frankreich. (Verzeihen Sie die Unhöflichkeit, dass ich aus meinem genauen Aufenthalt ein Geheimnis mache.) Ich bin nie wieder herausgekommen aus diesem Land, obwohl ich es so gründlich hasse. Die französische Luft kann ich kaum noch atmen, keinen Fuß mehr auf diese Erde setzen. Aber ich habe keine andere, weder Luft noch Erde. Wir kennen uns schon zu lange, diese Nation und ich, zu oft haben wir uns schon unter den Rock geguckt. Ich war immer königstreu, mit den Reformierten hatte ich nichts zu schaffen. Irgendwann war es auch zu spät. Ein paar Jahrzehnte lang hatte ich mich versteckt gehalten; vollkommen sinnlos, wie sich zeigte. Ich hatte mich überschätzt. Wer mich noch hätte verfolgen oder auch nur ein Interesse an mir haben, ja wer sich auch nur an mich hätte erinnern können, war längst gestorben. Mein Haus bei Chamilly ist jetzt ein touristisches Weingut. Wenigstens mein Name steht noch auf den Fahnen, meine Familie ist noch existent, so dass man in Anbetracht der vergangenen Zeit ruhig vom Geschlecht der Bouton sprechen kann. Historiker kennen mich noch, Geschichtslehrer schon nicht mehr. Ich bin allein mit dem Wissen um eine Vergangenheit, die mit jedem Tag neu und anders erfunden wird. Vielleicht ist überhaupt das das Schwerste. Zu sehen, wie die eigene Wirklichkeit vor der öffentlichen Wahrheit unwahr wird.
Der junge Mann lacht mich aus, er glaubt mir nicht. Ich lache mit ihm: doch, es stimmt. Rechnen Sie, Marcel, dreihundertsiebenundsechzig Jahre alt. Dann sei ich wohl mit Richelieu auf die Jagd geritten, fragt er mich. Das Sozialamt schickt einen Schwarzen, aus den Kolonien, einem alten Mann zur Hand zu gehen. Er versteht nichts. Ich habe damals auch nichts verstanden, in seinem Alter. Zugegeben, ich bin eigensinnig, aber ich will nicht alles aufs Alter schieben. Jede Eigenschaft findet sich bei Menschen jeden Alters. Aber vielleicht drücke ich mich nicht klar aus. Es fällt mir schwer, ich spreche mit niemandem mehr. Die wenigen Meter über den Flur meiner neuen Heimwohnung, vom Fenster zum Sessel, lege ich mit meinen albernen alten Beinen zurück, lege sie immer wieder zurück, diese Entfernung. In all den Jahrhunderten habe ich den Weg nach Beja wohl hundert mal geschafft. Ein Jakobsweg, in meiner Wohnung zigtausendmal gefaltet wie eine japanische Klinge, damit er hineinpasst.
Die Briefe. Natürlich ist mir Ihre deutsche Übersetzung, die Sie freundlicherweise und mit treffsicherem literarischen Instinkt vollbracht haben, gut bekannt. Auch die erste französische zu studieren hatte ich Muße genug. Ich habe sie alle gelesen. Sogar Ihre Sprache habe ich kürzlich dafür gelernt. Nicht schlecht für einen alten Mann, finden Sie nicht? Die Originale gelten als verschollen. Ich halte sie jetzt hier in meinen Händen, die Briefe selbst. Von Mariannas Hand geschrieben, von ihrem Bruder überbracht, der in meinem Regiment diente. Portugiesisch. Schön. Das haben Sie richtig vermutet. Könnten Sie sie doch lesen. Könnten Sie doch in ihrem Original die Größe begreifen, die sich in diesen paar alten Blättern Papier entfaltet. Ich bin versucht, diesem Brief eine Abschrift von Mariannas Schreiben beizulegen. Für Sie. Privat. Ich gönne es Ihnen und wünsche mir, dass Sie mich verstehen. Der junge Mann hier versteht kein Portugiesisch. Er weiß auch nichts von der Geschichte, die in diesen Seiten liegt. Ich werde es nicht tun. Für Sie als Literat und Übersetzer muss es besonders qualvoll sein zu wissen: die Originalbriefe existieren, diese Dokumente der Weltliteratur, und Sie werden sie nicht sehen. Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen diese Qual nicht ersparen. Es ist meine Geschichte, soll sie meine bleiben.
Weder an den Briefen noch an mir hat die Zeit ein gutes Haar gelassen; das Ringen der beiden Geister aber, meines und Mariannas, ist aus dem jugendlichen Stadium in das erwachsene und schließlich in das der Toten übergegangen, ein ewiges. Denn von Rechts wegen müsste ich natürlich längst tot sein, und ich gäbe einiges darum. Beharrlich hält sich der Irrglaube, wenn man nur alt genug würde, würde die Weisheit sich schon einstellen. Ich bin wahrhaftig alt genug. Bald werde ich nur noch eine Runzel. Ein verrunzelter Gedanke, ein runzliges Stück Fleisch. Aber es hat sich keine Weisheit eingestellt bisher. Es kommt auch keine mehr.
Ich habe ein konkretes Anliegen und muss dazu aber wohl ein wenig ausholen. Ich werde versuchen, mich kurz zu fassen. Das ist eine übergroße Aufgabe für mich; ich habe mich daran gewöhnt, Zeit zu haben. Dass sie jetzt doch zur Frist wird, ist ein neues Problem für mich. Irgend etwas im Gehirn macht, dass ich sie nicht als Wegstrecke, sondern als Haufen empfinde, als gehäufte Zeit. Ich kann nicht sagen, was zuerst geschah und was danach. Es muss den Menschen lästig und wunderlich vorkommen, dass ich selbstverständlich Ereignissen und Personen vergleiche, die wahrscheinlich zweihundert Jahre auseinander liegen. Ich kann oft nicht sagen, wieso der große Defaix nicht mit Thiery gegen die Aufständischen in Paris hat vorgehen können und ob er überhaupt gegen Bismarck gekämpft hat. Es wurde schon beschrieben: Die Erinnerung hat ihren eigenen Willen. Sie kommt und geht, wie es ihr passt. Vergeblich, sich auf die Suche nach etwas Bestimmten zu machen. Es muss einem zufliegen. Die Briefe hatte ich irgendwann wieder in der Hand und mit ihnen sofort den Geruch meines Hengstes in der Nase, das Geräusch seiner Hufe auf dem Hof vor dem Stall in Beja. Die Farbe der Sonne, wenn sie noch niedrig über dem auslaufenden Land in Richtung der spanischen Grenze hing. Dann der Klosterhof, am Eingang die Statue der Königin Leonor. Das Halbdunkel von Mariannas Zelle, die vergitterten Fenster, ihre Augen. Nein, nicht ihre Augen, sondern der Ausdruck darin. Eine Offenheit, in die ich hineingefallen bin wie ein Kind in ein Brunnenloch.
Marianna. Vergessen hatte ich sie. Die ich einmal so geliebt habe. Denn das ist auch wahr, dass ich sie geliebt habe, trotz allem. Es gab Momente, da habe ich mich dem Glauben hingegeben wie sie sich mir, aus Lust. Es war insgesamt eine Frage von Glauben. Wie fern das alles ist. Ein Meer von Zeit liegt dazwischen, und ein wirkliches. Ich habe sie über Bord geworfen. Aber natürlich: ab und an über die Jahre tauchte sie auf, wie ein Stück Treibholz, das das spezifische Gewicht des Wassers angenommen hat und meist irgendwo tief unten mittreibt, zuweilen aber erscheint am Licht des Tages.
Ich habe mit ihr geprahlt, habe von Marianna gesprochen wie von einem kleinen Tier, das ich gefangen habe, wie von etwas Seltenem. Soviel zumindest schien ich bemerkt zu haben. Und ich habe sie durchaus bewundert. Aber nicht wie ein Mann eine Frau bewundert, sondern eher wie ein Großwildjäger einen außergewöhnlichen Löwen bewundert; und ihn gleichwohl ermordet. Sie war ein Juwel; in meiner Sammlung. Sie schien wie gemacht zur Vervollkommnung der portugiesischen Morgenröte, der frische, klare Morgen war ihre Zeit. Die stille, andächtige Beschäftigung im Kloster trank ich bei meinen Besuchen wie bis dahin nicht gekannten, labenden Most. Ich wünschte, ich hätte etwas, um es Ihnen zum Tausch anzubieten für Ihre Fähigkeit, mit Worten zu beschreiben, was ich dort gefühlt habe. Ohne Marianna wäre das Bild nicht vollkommen gewesen, das ich von Portugal hatte. Ihre Seele war der meinen so fremd, und doch durfte ich ihr so nah sein. Ein Mädchen aus dem untersten Stand hatte sich in mich verliebt. Ich schwebte auf Wolken. In Frankreich hätte ich keine Chance gehabt, diese Gelegenheit wahrzunehmen, ich hätte mich unmöglich gemacht. Aber hier eröffneten sich mir ungeahnte Freiheiten. Ich war den gehässigen Augen entzogen und konnte tun und lassen, was ich wollte. Ich fühlte mich diesem jungen Mädchen so unendlich überlegen, das jenseits der Klostermauern die Welt nicht kannte. Sie hatte etwas Unwirkliches, das in meiner Welt nicht existieren durfte. Ich stahl von der Ruhe in ihrer Mitte, die Sie vielleicht mehr als die übrigen Herren, denen ich mein Anliegen schreibe, in Mariannas Briefen ahnen können. In ihrer Konzentration badete ich wie in Weihwasser. Ihr Glaube war meine Droge, der Zauber ihrer Gedankenrichtung auf kein anderes Geschäft als Glauben, das war unerhört für mich. Diesen reinen Geist habe ich geliebt; und sein Gefäß, ihren reinen, jungen Körper. Beides an einem Punkt in Zeit und Raum für mich allein zu haben, das gab mir fadenscheinigem Katholik eine Ahnung des Göttlichen.
Ich wünschte, ich hätte mir nicht so viel vormachen müssen mein Leben lang, wünschte, ich hätte jemals in meinem Leben so rein sein können, solche Briefe zu schreiben, solche Sätze zu formulieren. Sie hat sich ganz an mich gegeben, ohne sich an mich zu verlieren. Ich habe stets etwas zurückbehalten vor ihr, vor allen, aus Angst vor dem Schaden, den ich möglicherweise zu erleiden fürchtete. Deswegen, ich bin sicher, blieben mir die „grenzenlosen Freuden“ versagt. Sie lagen dort vor mir, in meinen Armen, die Freuden, soviel weiß ich jetzt. Mich so aufzugeben, dazu war die Furcht zu groß, den Preis nicht bezahlen zu können. Wie arm. Wie arm.
Nachdem ich, wieder in Frankreich, Mariannas zweiten Brief erhalten hatte und erkennen musste, dass es nicht der letzte und sie nicht mit den üblichen Zeilen abzuspeisen sein würde, habe ich mich bereits verflucht dafür, ein Mädchen verführt zu haben, das nicht nur des Lesens mächtig ist; sondern diese verdammten Nonnen haben ihr auch das Schreiben noch beigebracht. Wozu hat man damals begonnen, Frauen Schreiben zu lehren?
Ein Freund erbot sich, die Briefe endgültig zu veröffentlichen. Ich erinnere mich an das Gefühl von Großartigkeit, als wir in seiner sonnendurchfluteten Salle auf den Fauteuils saßen und er mir begeistert den literarischen Wert der Briefe vor Augen hielt und dazu meine Selbstsucht, wenn ich sie für mich behielte. Das schien einleuchtend und wie ein Kompliment an Marianna, der ich damit etwas Gutes tun könnte. Die Großartigkeit fühlte sich mit einem Mal an wie Großherzigkeit. Wo um mich herum von ihr erzählt wurde, hatte ich ja das Gefühl, sie wäre eher eine Erscheinung als eine Frau gewesen, und übrigens unterblieben alle sonst üblichen obszönen Anspielungen des männlichen Umfeldes. Noch überraschender für mich war die Reaktion der Frauen, die allesamt mitfühlend und angerührt und bezaubert reagierten. Mir kam das alles zupass, und ich hatte nichts eiligeres zu tun, als diesem Freund eine Abschrift auszuhändigen. Er kümmerte sich um die Übersetzung ins Französische, und so schlecht sie auch war, sie fand rasch Verbreitung. Man sprach darüber wie über den dernier cri der Literaturwelt, das wäre so lebensecht, hieß es immer. Ich hatte bei meiner Rückkehr Gerede befürchtet und Lorbeeren bekommen; die nahm ich gerne entgegen, als wäre ich der Autor dieser Zeilen und nicht ihr Empfänger gewesen. Es war einfach zu bequem. Ich entwickelte einen gewissen Stolz und freute mich über die Komplimente. Alles Persönliche war daraus verschwunden, wie durch ein Wunder. Es war keine Geschichte mehr, die mir passiert war oder überhaupt sonst wem, es war nur noch eine Geschichte, so paradox das auch war, denn gerade dass sie tatsächlich geschehen war, schien sie nur noch mehr zu entrücken und gleichzeitig faszinierender zu machen. Das öffentliche Interesse an den Briefen und der positive Rückhall auf ihre Veröffentlichung war meine Absolution, wenn ich denn eine gebraucht habe.
Dieser Eindruck von mir selbst als Mariannas Wohltäter blieb mir an der Oberfläche auch erhalten. Ich bin immer erstaunt, wie plump der menschliche Geist reagiert. Immer wird von seiner wunderlichen Beschaffenheit gesprochen, aber er ist viel behäbiger als sein Organismus. Hat er ein bestimmtes Bild einmal angenommen, dann bleibt es dabei in alle Ewigkeit. Hätte man mich gefragt, hätte ich immer geantwortet, dass mir die Veröffentlichungen Freude bereitet haben oder ich Marianna dadurch sogar eine Hilfe war. Ihre Briefe gingen durch viele Hände, wurden zitiert, abgeschrieben und vorgelesen. Ob sie davon wusste, habe ich nie erfahren. Die französische Fassung kam gut an, aber der Schwung hielt nicht lange vor. Ich war kein homme de lettre, und so gerieten vor allem die Originale für mich nach wenigen Jahren in Vergessenheit. Sie wurden mir gleichgültig. Ich weiß nicht, wie oft ich die Briefe mit anderen Dingen zusammen schon fortwerfen wollte. Mehrmals hat die eine Hand sie schon in den Reisigkorb gestopft, nur damit die andere sie wieder herausholte. Ich war noch nicht fertig mit ihnen, und die Zeit war noch nicht gekommen. Ich habe mich mit anderen Dingen beschäftigt, und für die Briefe, für das letzte, was von Marianna noch in der Welt ist, war das eine Zeit des Wartens. Das Papier hatte ihre Geduld geerbt.
Erst vor vielleicht einem Monat sollte ich aus meiner Wohnung in ein Heim umziehen, wo besser für mich gesorgt werden könnte, wie mein Gehilfe hier mir versichert. Ein Witz, natürlich, wenn man bedenkt, wie lange ich es allein geschafft habe. Meine gesamte Habe haben die Männer durchwühlt und einen gut Teil vernichtet. Hätte ich nicht wie eine Hyäne daneben gestanden und den tumben Dienern eine durchaus noch taugliche Jacke und die schöne Kiste entrissen, wären die Briefe jetzt auch nicht mehr. Ich habe sie nicht absichtlich gerettet.
Tags drauf saß ich in meiner zusammengeräumten Wohnung, alles in Kisten, diesen Sessel hatte ich mir noch ausbedungen, und las die gefundenen Briefe wieder. Nach zweihundert Jahren sehen auch die größten Konstanten anders aus. Wie von weit weg klang mir ihre Stimme in den Ohren, ich konnte sie nicht immer verstehen. Ihre feinen Gedankengänge waren mir unzugänglich. Was hatte sie gemeint mit dem Satz, den Sie so übersetzt haben: "Hast du wirklich meine Zärtlichkeit gekannt und den Grund meines Herzens, und hast dich entschließen können, mich für immer im Stich zu lassen, preisgegeben der unvermeidlichen Pein, dass du an mich nicht mehr denkst, es sei denn, um mich irgendeiner neuen Leidenschaft zu opfern?". Vielleicht hat mich die geschäftige Unruhe vom Vortag nach so vielen Jahrzehnten Bewegungslosigkeit unfähig gemacht, ihre stillen Worte zu begreifen. Ich legte sie erneut weg, hielt sie aber am nächsten Tag schon wieder in der Hand. Plötzlich ließen sie mich nun nicht mehr los, nachdem ich sie eine Ewigkeit lang nicht beachtet hatte. Wie pures, weißes Gold lagen ihre Sätze jetzt vor mir, immer noch klar strahlend, älter und feiner geworden mit der Zeit. Die Antwort war: Nein. Ich hatte ihr Herz nicht gekannt, überhaupt nicht. Es hat mich auch nicht interessiert, ich wollte es überhaupt nicht kennen. Ich hatte mich ja wie in einen Rausch hineingestürzt in die Liebe dieses Mädchens, wie einen Vampir geilte mich ihr Lebenssaft auf, und ich lebte selbst nur durch sie. „Ohne Zweifel würdest du hier im Land irgendein Frauenzimmer von größerer Schönheit gefunden haben, mit dem du ebensoviel Vergnügen dir hättest schaffen können, da es dir nur um das gröbste zu tun ist“, so lassen Sie sie im zweiten Brief schreiben. Offenbar war ich ein Snob, dass ich keine Rücksichten kannte, als sie mir zugeflogen kam.
Ich hatte mich für den Einsatz in Portugal freiwillig gemeldet, dazu die sichere Aussicht auf baldige Beförderung. Letztlich war mir die ganze höfische Atmosphäre in Frankreich schon lange zuwider gewesen. Ich hatte frische Luft nötig gehabt. Einmal dort, war natürlich alles ganz anders. Gerade in der ersten Zeit gab es kaum Fremdkontakt. In der Garnison aßen wir unsere heimische Küche, und alles in allem lebten wir dort französischer als in Frankreich. Auch wenn es nicht das Feinste war, wir mussten ja nur am Leben bleiben. Aber mich verlieben und die Frauenzimmer in mich verliebt machen, das war Sport. Darin war ich durchaus nicht der einzige, ganz im Gegenteil. Die Nonnen waren sehr begehrt bei uns. Marianna war meine Freizeitbeschäftigung, und da ich meistens Dienst hatte, sahen wir uns nicht oft in diesen Monaten. Mir machte es nichts aus, und sie schien sich an der Gelegenheit zu erfreuen, die Größe ihrer Liebe vermittels ihrer Leidensfähigkeit unter Beweis zu stellen. Als sich die Dinge zu wiederholen begannen, war ich aus der Tür. Mir wurde es schal; aber bei ihr fing es erst richtig an. Sie sah etwas anfangen, was Dauer versprach und Zukunft. Zu dem Zeitpunkt war das der Stoff, aus denen meine Fesseln waren. Keine dreißig Jahre alt war ich und aus bestem Hause. Meine Zukunft war sicher. Ich brauchte keine Garantie, um fortzuleben. Man bot mir am Ende eine bessere Stellung in Frankreich, und weil mein Terrain in Portugal abgegrast war, entschied ich mich zur Abreise. Sie war dabei kaum einen Gedanken wert. Ein gebrochenes Herz war in meinen Augen eine Lektion, für die mir jede Jungfer dankbar sein würde, wenn die Wunde erst verheilt wäre.
Diesen Menschen, der ich damals war, kenne ich noch besser, seit ich nicht mehr er bin. Aber wirklich verändert habe ich mich nicht, wenn man die unendlichen Chancen und Anlässe meiner Lebenszeit dagegenhält, an denen ich es hätte tun können. Jetzt erst, fast schon zu spät, fällt noch einmal ein Groschen und reißt rechts und links ganze Gebirge mit sich. Ich lache viel. Über mich. Ich weine auch, ebenfalls über mich. Oft beides gleichzeitig. Alte Männer weinen leicht, armselige Tränen. Selbstmitleid. Aber ich schäme mich nicht, dazu ist es zu spät: ich war ein geiler Bock, kaum der Mutter entlaufen, alles Hormone, wie man jetzt weiß. Eine kleine Geschichte mit einem Mädchen im Ausland – es hätte alltäglicher nicht sein können. Ein Nönnchen, das würzte es noch etwas. Eine bisweilen anstrengende Person. Sie war einsam und an ihrem Glauben aufgehängt, von unglaublich zäher Fähigkeit zur Fixierung, bar aller Schutzmechanismen gegen die Verletzung. Hat sich an ihrem Glauben verbissen und dadurch über ihre Kraft hinaus einem Schmerz ausgeliefert, der größer war als sie und der ausnahmsweise wuchs am Tageslicht, eine Wunde, die gedeiht mit guter Luft, anstatt zu heilen. Alles drehte sich um Sünde und Sühne damals. Heute denken die meisten Menschen in unseren Ländern anders, aber verschwunden sind diese Größen deshalb nicht. Diese Nonnen sind herangewachsen mit dem ständig mahnenden Dogma in den Ohren, sie seien schlecht und könnten sich durch Leiden bessern; sie sei schuldig, hörte Marianna von Kindesbeinen an, und nur Leiden würden ihr diese Schuld nehmen, sie die Schuld sühnen lassen, und schließlich würde ihr vergeben. Allein ihrem Willen zum Leid ist die ganze Geschichte zu verdanken gewesen. Diese Frau hatte keine Erfahrung im Lieben. Marianna hätte das geleugnet, und auf ihre Weise hatte sie natürlich eine Liebe, eine göttliche, und war darin geübter als ich in weltlicher. Nur lassen sich diese beiden nicht vergleichen. Die eine, ihre, ist angelegt auf Einseitigkeit und Entbehren, der liebende Mönch oder die liebende Nonne kennt nicht ihr Scheitern, sondern versteht die Kraft Der Liebe, wie sie von der Kirche gelobt und beschworen wird, als Heilmittel. Wohlgemerkt: nicht nur als heilendes Mittel, vielmehr als Mittel zum letzten, größten Heil. Wo jeder sah, dass sie von dem Verführer abserviert worden war, jungfräulich im Geist, obschon nicht mehr im Fleisch, stürzte sie sich konsequent auf die ihr vorgehaltenen christlichen Lehren und mit und in aller Verzweiflung in noch mehr Liebe zu dem Fühllosen, der sich schon woanders vergnügt: in ihr Unheil. Noch mehr leiden wollte Marianna für ihren Fehler, mich nicht so viel geliebt zu haben, dass ich bei ihr geblieben wäre. Welch ein Unmaß an Glauben steckt hier. Zweifel hätte sie geschützt.
Als hätte sie irgend etwas ändern können an meinem Leben. Niemand hat je etwas geändert daran. Habe ja auch alles erreicht, was zu erreichen war. Marschall von Frankreich, bitte sehr. Und alles mit der schwärzesten Seele. Ich schmeichelte mir mit diesem Bild von Ruch. Die Wahrheit ist, ich war gewöhnlich. Kein Gilles de Rais, kein Revolutionär, keine großen Ideen, keine Opfer dafür. Davor hatte ich immer die größte Angst: ein Opfer bringen zu müssen. Das denke ich heute. Doch habe ich nicht den geringsten Zweifel, dass Sie an meiner Stelle genau so handeln würden. Sie oder jeder andere, ich möchte Ihnen nichts unterstellen.
Ihre Klage wurde Literatur. Es liest sich schön, ja. Allerdings gemeint zu sein damit und sie zu kennen, wünsche ich niemandem. Die Briefe habe ich nebenher beantwortet. Ich und meine Freunde, wir waren jung, und die Ernsthaftigkeit und Naivität dieses portugiesischen Mädchens stellten ihre Schönheit schnell in den Schatten der Entfernung. Wir wunderten uns in der Gesellschaft über die Exotik ihrer Denkungsart und vergaßen sie. Sie ist darüber hinweggekommen, woran höchstens noch verwunderlich ist, dass sie willens war, den Schmerz ein halbes Jahr mit sich herumzutragen. Nichts haben wir verstanden.
Unsere kleine Gruppe von Junggesellen, darunter die erlesenste Elite Frankreichs, zerfiel bald zu einer Handvoll blutiger Konkurrenten um einige begehrte Positionen im Staatsgefüge. Es ging nur um Macht. Macht ist Freiheit, das war unsere Devise. Wir hatten alle auf die eine oder andere Weise Unfreiheit erlebt. Wir haben sie durchaus auch verursacht. Die eigene Freiheit rechtfertigt sich auf dem Grunde von geopferten Freiheiten anderer, die weniger Glück haben. Vielleicht können Sie das bestätigen. Meine Karriere verlief wunschgemäß, wenn ich auch nie so eindeutig geplant hatte, wohin ich sie leiten wollte. Wieviele Menschen sind auf meiner Laufbahn auf der Strecke geblieben, die mir in ihrem Verlauf immer deutlicher vor Augen lag, immer kompromissloser verfolgte ich mein Ziel und endete als Marschall von Frankreich. Herrgott, es gibt sie immer noch, diese Marschälle. Schälle und Rauche.
Sie brach den Briefverkehr ab, wir haben uns nie wieder gesehen. Sie starb mit über achtzig Jahren, während ich weiterlebte und nicht sterben wollte. Wieso, ich weiß es nicht. Vielleicht, denke ich manchmal, habe ich eine zentrale Frage noch nicht beantwortet. Vielleicht ist noch etwas zu tun. Vielleicht ist das aber auch nur sentimental, und ich bin bloß ein biologisches Phänomen, ein Monster, derart außerordentlich, dass niemand mir glaubt. Wie dem auch sei, ich hatte nie das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben. Zu keinem Zeitpunkt. Wieso nutzte ich nicht bereits die Tatsache ihres Todes, um über unsere gemeinsame Zeit nachzudenken? Das ist natürlich auch so ein Irrglaube, dass der Tod reinigende Kraft hat. Es wird zuviel erwartet vom Tod, man ruht sich darauf aus. Davon nehme ich mich nicht aus. Mein ganzes Leben habe ich darauf gewartet, dass eine spätere Phase die Dummheiten einer früheren rechtfertigen würde; dass ich plötzlich verstehen würde, wie sie auf eine Weise sinnvoll und notwendig gewesen sind. Den Satz Nichts Geschieht Sinnlos habe ich immer verzweifelt aufgesogen und zur gleichen Zeit gehasst, denn durchaus geschieht sehr vieles sinnlos. Sinngeberei ist immer Religion. Nicht meine Sache.
Auslösend war nicht das, was ging, sondern das, was blieb. Nicht sie, die für mich schon zu Lebzeiten keine Rolle spielte, sondern ihr Gespenst war mein Bezugspunkt. Die Briefe selbst waren es, die mir diese Sache am Anfang meines Lebens wieder ins Gedächtnis riefen. Ich verstand, dass mit ihrem Tod Chancen unwiederbringlich verloren waren. Mit diesem Gedanken setzte das Bewusstsein an, dass ich in diesem Fall möglicherweise einen Fehler gemacht hatte. Im Grunde habe ich ihre Briefe nicht lesen können. Als wäre es Arabisch gewesen, habe ich ihre Sprache nicht verstanden. Ich habe ihren Klang bewundert, ich habe mich an ihrer Fremdartigkeit erfreut, aber ich habe nichts von dem verstehen können, was Marianna mir sagen wollte. Sie hat ihre letzten Mittel angewandt und ihr ganzes Herzblut ausgewrungen, sie hat mit ihrem Tod gedroht und wohl auch diesen Schritt beinah getan, alles nur, um mich zu erreichen. Vergebens. Ich hatte keine Ohren, zu hören. Zu deutlich hat sie mir gezeigt, was ich von mir nicht wissen wollte. Dass ich es mir leicht machte, wo nichts leicht war. Dass ich umgekehrt alles verunmöglichte, was leicht hätte sein können. Wie recht sie hatte mit ihrer Vorsicht. Wäre sie nur noch vorsichtiger gewesen und hätte sich nicht auf mich eingelassen. Wäre nur ich nicht so gewandt gewesen, sie um den Finger zu wickeln. Oder anders: wäre es mir nur ernster gewesen, sie noch unvorsichtiger, so dass ich die Geschichte heute unseren Kindern erzählen könnte.
Mein Feind war ihr Glaube. Den musste ich zerstören. Für Sie als moderner Mensch ist das eine Selbstverständlichkeit. Neben einer allgemeinen Relativität fällt ein absoluter Glaube sehr schwer. Dennoch, ich hatte immer so gern glauben wollen, auf diese große Art und Weise an die Welt glauben, an das Gute, an alles, woran Marianna hat glauben können. Selbstverständlich war es einem erwachsenen Mann, einem Adligen im Offiziersstand der Großmacht Frankreich unmöglich, tatsächlich so zu glauben. Man ging in die Kirche, aber das war schon alles. Diese Desillusionierung ist sehr alltäglich, und dennoch habe ich genug darunter gelitten, um anderen ihre Glaubenskraft zu neiden. Schwester Marianna hielt ihren Finger zielsicher in die älteste meiner Wunden. An wie vielen Frauen und Mädchen habe ich mich gerächt für diese Schmerzen. Für diese Demaskierung. Ich meinte damals ernstlich, ihr um eine Enttäuschung voraus zu sein. Darauf gründete mein Gefühl von Überlegenheit. Ihr Glaube erschien mir wie ein Irrtum, der nicht früh genug berichtigt werden könnte, um den Anforderungen des Lebens gewachsen zu sein.
Sie hatte gesiegt. Sie empfand es wahrscheinlich anders, aber sie war zu stark für mich. Ich habe nie klagen können, ich konnte nur hassen. Alle hassen, die mein Leid nicht teilten. Alle meine Kameraden und Untergebenen, die zu ihren Nonnen gingen wie in ein Bordell, die ihnen die Kluft über die Brüste zogen und schon vergessen hatten, wie das Mädchen aussah, wenn sie die Hosen wieder hochzogen. Wie viele gestorben sind bei den Engelmacherinnen. Auf so sanfte, zauberhafte Art hielten mir Mariannas Briefe vor, welch falschen Weg ich einschlug mit meinem Hass. Ihr war Rache kein fremdes Bedürfnis, aber ein unwürdiges. Oft schreiben sollte ich ihr. Sie, die Verlassene, sorgte sich um mich wegen eines Unwetters auf See, während ich sie schon vergessen hatte. Wie wenig sie die Welt kannte außerhalb ihrer Klostermauern; wie wenig solche wie mich. Ich kannte nur solche wie mich. Immer waren die, die nicht bereits gestorben waren am Gift ihres Lebens, nur andere Schweine, die mir mein Schweineleben rechtfertigen. Ein Schweineleben. Wie oft habe ich jenen ihre Liebe nicht mehr glauben können, die sie mir geschenkt haben. Wie alt muss ich werden, um mich vor mir nicht mehr zu fürchten? Ein normales Menschenleben reicht dazu nicht aus. Auch zwei oder selbst drei wären in den meisten Fällen zu kurz. Aber Mariannas Medizin war präzise dosiert. Wenigstens das ist nicht sinnlos geschehen. Was sie mir einträufelte, scheint jetzt zu wirken, und bald schläft auch mir in der Brust der Stachel.
Ich laufe und laufe, vom Fenster über den Flur zum Sessel und wieder zurück. Im Grunde bin ich ewig unterwegs in diese Stadt. Pax Julia hieß Beja bei den Römern, wussten Sie das? Pax Marianna werde ich das Städtchen nennen, ich will meinen Frieden mit ihr machen. Ich habe die glücklichste Zeit meines Lebens nicht gelebt. Aus Angst. Meine Rückkehr nach Frankreich – Marianna sagt es mit dem klaren Blick der Heiligen: war eine Flucht. Wenn sie mein Spiegel war, dann habe ich den Anblick nicht ertragen. Ich habe nicht ertragen zu sehen, dass ich zu schwach war für mein Glück.
Die Zeit meines jungen Gehilfen ist beschränkt, ich muss schließen. Ich bitte Sie, das Bändchen mit ihren Briefen aus dem Angebot Ihres Verlages zu nehmen. Mir ist bewusst, dass das für Sie und Ihre Mitarbeiter einen größeren Aufwand bedeutet, aber auf dem Hintergrund meiner Situation ist es doch sicher ein gerechtfertigter und zumutbarer. Es ist das Letzte, worum ich überhaupt jemanden bitte, damit ich diesen Ort in besser geordneten Verhältnissen verlasse. Ich möchte nicht, dass über meine Taten so gelacht wird, wie ich über Marianna gelacht habe. So kann ich nicht aus der Welt. Denn möglicherweise ist es endlich soweit. Ich habe so ein Gefühl.
Hochachtungsvoll,
Noël Bouton
i. A. Marcel N’Diaye
PS: Monsieur! Ich bitte vielmals um Entschuldigung für diesen Brief. Es ist mir sehr unangenehm, Sie damit zu belästigen. Der alte Monsieur Bouton ist seit einem Monat in unserem Pflegeheim untergebracht. Wir beneiden ihn um seine unerschütterliche Gesundheit, wenn auch sein Geist stark verwirrt ist. Die Idee, diesen Brief zu schreiben, war ihm nicht auszureden. "Die Briefe", von denen er immer redet, sind ein Stapel dreckiger Papiere, die er überall bei sich trägt. Aber weil die Sache von allergrößter Bedeutung für ihn zu sein scheint, musste ich vor seinen Augen an Sie und die anderen Herren schreiben und alles mit ihm auf die Post bringen. Wir hätten Ihnen die Unannehmlichkeiten gerne erspart, aber vielleicht sehen Sie es von der Seite, dass Sie einem alten Menschen geholfen haben.
Mit freundlichen Grüßen,
M. N’Diaye
Berlin, April 2003