Heute bist du wieder mit den anderen unterwegs. Mal sehen, wer überhaupt da sein wird. Es kommt zum Ausdruck, wie du sowohl Angst hast vor den ersten Minuten, wenn ihr euch trefft, die darüber entscheiden, wie der Nachmittag verlaufen wird, als es auch nicht erwarten kannst, diese Prüfung zu bestehen. Du bist dir fast sicher, dass dir heute kein Weh geschehen wird, wiewohl auch jedes Eintreten in diese Gemeinschaft einen unabsehbaren Verlauf nehmen kann. Dein Auftritt ist wie im Theater einer, der die Meute, das Publikum, die Jury für dich einnehmen kann. Nein, es müsste eher das Zirkusrund sein, in dem die Löwen auf dich warten oder die anderen Kämpfer. Für dich oder gegen dich, ein Drittes gibt es nicht. Kommt von außen jemand hinzu, muss augenblicklich entschieden werden, ob er dazugehört oder Feind ist, und beides wird mit gleicher Nachdrücklichkeit zu verstehen gegeben, besonders vor den jeweils anderen. Um der Gruppe feind zu werden, müsstest du nicht einmal etwas gegen sie unternehmen. Es genügt schon, nicht zu genügen. Zu erwarten ist, dass dir zum Auftritt einige herausfordernde Frechheiten entgegengeworfen werden, denen du nonchalant oder mutig wirst entgegnen müssen. Wer den Auftritt gut hinkriegt, der muss sich um den Rest nicht viele Sorgen machen. Gelingt dir das nicht recht, so bist du sehr schnell in einer schlechteren Position, als wärst du ganz zuhause geblieben und wirst die erstbeste Gelegenheit nutzen wollen, dich aus dem Staub zu machen. Dein Tag heute war aber zufriedenstellend, du stehst guten Mutes da und erwartest die tägliche Initiation. Dennoch gilt es, nachdem die Schwelle der ersten Prüfung überwunden und der übliche Platz im Inneren der Gruppe eingenommen ist, diesen auch zu halten. Die Wachsamkeit untereinander müsste sich in der Beschreibung widerspiegeln, die seitwärts schielenden Augen, die prüfen, wie die verwegene Replik gelandet ist, die versichernden Rücksichten, die der Sieger eines kleinen Stockgefechtes unternimmt, um sicherzugehen, dass der Unterlegene sich in sein Schicksal fügt, um sicherzustellen, dass der Unterlegene dies Spiel ebenfalls für beendet ansieht, um sicherzugehen, dass dir über den Moment hinaus selbst aus deinen großartigen Siegergebärden kein Nachteil entstehen wird, du nicht unversehens in ein Hintertreffen gerätst. Du versuchst die Bedenken zu schlichten, indem du dir regelmäßig vorhältst, dass du jederzeit frei bist zu gehen – die Speere im Rücken, die Schmach auf deinem Haupt. Das müsste auch mitgeteilt werden: dass es eben keinen Abzug gibt, dass das die schlechteste aller Möglichkeiten ist, unter Beschimpfungen abzutreten. Dass es Beschimpfungen geben wird, das ist sicher. Gejohle stärkt, da ist jede Gelegenheit eine gute. Ständig werden Schläge ausgeteilt, unablässig gilt es, zu parieren, bis es dir zur Natur geworden ist, bis du parierst, wenn auch gar niemand schlägt. Weiter findest du schnell heraus, dass Parieren lange nicht so viel wiegt wie der Erstschlag. Wer weit vorlegt, dem wird Tribut gezollt. Wenn einer dem Druck nicht standhält, wenn einer weicht, dann ist das so eine Gelegenheit. Dann bist schnell du derjenige, auf den geschimpft wird, und du kannst dir nie sicher sein, ob dir die guten Antworten einfallen, die dich schlagfertig und stark erscheinen lassen. Aber zu schnell: denn wie fällt der Trupp auseinander? Wann geht jeder seiner Wege? Schon ist das Wort des Aufbruchs gefallen, einer muss gehen, hat noch etwas vor, ist verabredet, hat etwas nachzuholen, zieht betrübt von hinnen, nicht ohne sich zu versichern, morgen zur selben Zeit hier oder an anderem Ort wieder alle anzutreffen. Mit einem Mal fasst sich jeder wieder ein wenig, und mit seinem Abgang und der Frage nach dem Morgen reißt euch der Verräter unweigerlich aus der Augenblicklichkeit der vergangenen Stunden. Schon wenden sich deine Gedanken dem zu, was du anschließend tun wirst, was dich in deinem Leben wieder erwartet, aus dem dir diese Zeit hier ein Entkommen geboten hat. Tatsächlich, es wird nicht mehr lange hell sein. Ähnlich einem Strudel macht sich die Stimmung breit, dass die Stimmung eigentlich vorbei ist. Hier ist ein Tonartwechsel zu verzeichnen, wenn die Sonne an Strahlkraft und die Gruppe an Zusammenhalt verliert, wenn sich jeder vom sinkenden Boot des Tages noch rechtzeitig abstoßen will, dass es ohne ihn sinke. So schön es auch war, es muss untergehen, und bevor es einen mit hinabzieht, sucht man lieber das Weite. Auch du verabschiedest dich rasch und laut von allen, die noch dort sind, schon ohne noch genau hinzusehen, wer das nun wäre, denn du gehörst nicht mehr dazu. Diese Gruppe ist nur noch ein Rest, das Eigentliche findet woanders statt, und dorthin bist du schon unterwegs. Uneingestandenermaßen sind alle an sich auf die besonderen Momente aus, die sich erst nach dem gemeinsamen Tag vereinzelt einstellen, auf den Heimwegen, wenn die Gruppe wieder zerfällt unter euch. Der Freund begleitet dich (oder du ihn) noch das Stück gemeinsamen Wegs, und eure Sätze verlieren schnell die Schärfe, mit der sie sich bisher Rücken an Rücken gestellt haben und bekommen etwas Weiches, eine andere Melodie als die der Blankwaffen und Rührtrommeln sollte vernehmbar werden, vielmehr das Knirschen des Kieses unter eurem gemächlicheren Zweiergleichschritt durch die Grünanlagen. So dringend ihr auch fort wolltet vom vorherigen Schauplatz, so wenig habt ihr es eilig, euer Ziel zu erreichen. Ihr genießt diese Frist, die nun ohne Bedrohung oder Risiko daherkommt, ihr kostet das kurze Schweigen des Einverständnisses aus, wenn all das verständlich wird, was zu sagen ihr keine Worte habt, wenn du mehr darauf achten kannst, was du sagst, als dass es eine gute Wirkung hat, die dir die anderen vom Leib hält. Ihr nehmt den langen Weg um den See herum, über dem du die Säule der Mücken bemerkst. Du zeigst sie deinem Freund, und er erklärt dir, dass man an der Form der Wolke erkennen könnte, ob es sich um Mückenweibchen oder Mückenmännchen handelt. Ob aber die Wolke die Männchen und die Säule die Weibchen anzeigt oder umgekehrt, das habe er vergessen. So langsam ihr auch geht, es kommt die Straßenecke, wo er in die eine, du in die andere Richtung gehen musst. Ihr vereinbart, euch morgen hier wieder zu treffen und den Weg bis zum Treffpunkt mit den anderen zusammen zu gehen. Während du das letzte Stück allein zurücklegst, bemerkst du, dass dieser Zustand zu schnell vorüber gegangen ist und du gerne noch länger darin verweilt hättest. Mit Einbruch des Abends trägst du dich über die Zeit bis morgen Nachmittag und zum eurem Wiedersehen mit der Freude darauf hinweg.
*
Die Fischerei ist ein hartes und nicht ertragreiches Brot, und seit einiger Zeit ist es besonders schlimm. Der Himmel ist ein schillernder, das Licht vibriert von jedem Wellenkamm zurück und läßt uns mit Kopfschmerz die Augen zusammenkneifen auf dem Wasser oder am Ufer. Dieser Mann holt uns da weg auf eine seltsame Weise. Er redet mit den anderen, wie wir im Boot sitzen, das von den Uferwellen leicht geschaukelt wird, wir essen Brot und Wurst, und vieles ist abgefallen von ihnen und von mir auch durch reines Zuhören. Er hat von Dingen gesprochen, für die schon mancher schlimme Schläge erhalten hat. Er sagt, er habe Angst vor uns, und als wir lachen und ihn heranholen, mit ihm essen, da hat er auch gelacht und war sehr froh, und wir haben uns gefürchtet vor diesem Menschen, der uns Schauer die Arme hinaufschickt mit seinen Blicken und Worten und uns schamvoll schweigen läßt, wo wir laut und derb Witze und Geschichten erzählen wollen. Wir haben kein Bedürfnis, roh zu lachen oder zu fluchen, plötzlich ist es schön und gut, wenn wir uns sagen, wie wichtig wir uns sind, unter oder hinter all dem schon seit langem, und manchen steigen plötzlich die Tränen in die Augen, sie sind verwirrt, wir sind verwirrt, aber wir lachen und sind glücklich, und keiner hat bösen Willen. Es ist nicht verwunderlich, daß wir mit ihm mitziehen. Letztlich ist es ja auch egal, schlimmer kann es nicht werden, und Vater hat noch andere Söhne, die Netze werfen können.
Wir kommen durch kleine Ansiedlungen, deren geduckte Häuser vom unbehauenen Fels kaum zu unterscheiden sind und deren Bewohner uns ehrfürchtig betrachten, oft mehr Furcht als Ehre. Dennoch geben sie uns ihr Brot, ihren Fisch, und hören dem Mann zu. Die meisten schweigen. Wir gelangen in Städte, wo der Handel blüht und ferne Länder herwehen in anderen Sprachen und Gesichtern. Märkte und Häfen bringen viel Volk zueinander, Scharlatane und Kinder, Weise und Obst. Mit einer scheinbaren Leichtigkeit und Geradheit geht der Mann auf alle zu, aber in Momenten der Abgewandtheit ist ihm ein Schatten anzusehen, die Kosten seiner Taten. Ich betrachte ihn immer, selber spreche ich nie mit dem Menschen, immer ist eine Entfernung zwischen ihm und mir, und andere junge Männer stehen dazwischen. Aber auch auf einige Meter hin und in der Beobachtung über einen Zeitraum ist zu sehen, daß der Mann in schwerem Kampfe liegt. Ein Feldherr muss so aussehen, nur kämpft der um Härte, während hier ein Mann sich weich macht unablässig. Er ist klein, fällt mir auf, und nicht rasiert, seine schwarzen Haare sind kurz und hart. Sein rundes Gesicht erinnert mich an jemanden. Eine Bürde ist das, sagt er mir schließlich einmal, als wir rasten vor einem anderen Silbersee, in dessen gleißender Oberfläche kein, in dessen Tiefe allein ein Trost liegt, wenn man lange hinsieht. Eine Bürde, von der ich zu niemandem spreche. Wieso zu mir? frage ich und freue mich über die Nähe. Er sieht mich kauend an, sieht wieder weg, zuckt die Schultern. Dann sieht er sich um und wieder zu mir und lacht ein wenig. Wir sind Freunde, scheint mir, Brüder im Geiste. Und wirklich sieht er meinem Bruder sehr ähnlich. Ich weiß aber, er ist es nicht. Plötzlich ist, was er ißt, Erbsensuppe, ich rieche den großen Topf, um den die Versammelten lose herumstehen und sich in Gruppen unterhalten, moderne Kleidung und eine neuzeitliche Entspannung in den Körpern, von Arbeit nicht verbraucht. Der Mann wird immer verschwörerischer: Und die Frauen? sagt er mit vollem Mund zu mir. Er zieht vielsagend die Augenbrauen hoch. Wie Schuljungen lachen wir und sehen uns vor, daß die anderen nicht hersehen, einer möglichen Zwietracht wegen. Ich werde wohl noch eine Weile mitziehen. Der Mann kehrt nach der Pause in die Öffentlichkeit zurück, an die Arbeit. Ich möchte nicht er sein.
*
Wir stehen am Fenster und schauen in das Morden. Vor dem Haus die Front: das ist unsere Kenntnis der Straße. Feindlich sind uns die jähen Wechsel dort, die Unmäßigkeit von Wind und Licht und Regen. Hierher aber ist immer Rückkehr möglich, die Dinge dienen uns. Hier, zwischen den Wänden, bleibt, was wir gestalten, länger. Hier wachsen wir. Zugleich. Die Straße ist uns nichts als grenzenlos Vergängliches. Wir fürchten den Hass derer außen und bauen dickere Mauern.
Wir finden uns vor starren Mauern. Aus dunklen Fenstern schauen uns Augen an. Im Wogen der Ereignisse reisen wir mit, unser ist die ganze Weite des fliehenden Augenblicks, sein Strahlen unser Glück. Wir behaupten unser Recht auf Versammlung in unserem Weg. Wir suchen die Reise, wir sind hier und machen sie zu Heimat, keine Straße lang genug. Wären wir Fische, wir bräuchten zum Leben die ständig fließende Zeit um unsere Kiemen, im bloßen Verharren enden wir schon. Vor diesen Mauern.
Im Herzen des Kampfes der Straße mit den Zimmern steht die Luft zum Atmen stille. Wir wissen nicht, wo wir stehen, versteht sich.
(Im Zimmer wird man immer sagen, dass die Straße bloßer Raum sei; wir wissen sie aber als Ort. Auf der Straße wird man immer sagen, dass die Zimmer eng seien; wir wissen sie als geborgen.)
Stille Post
Heute bist du wieder mit den anderen unterwegs. Mal sehen, wer überhaupt da sein wird. Es kommt zum Ausdruck, wie du sowohl Angst hast vor den ersten Minuten, wenn ihr euch trefft, die darüber entscheiden, wie der Nachmittag verlaufen wird, als es auch nicht erwarten kannst, diese Prüfung zu bestehen. Du bist dir fast sicher, dass dir heute kein Weh geschehen wird, wiewohl auch jedes Eintreten in diese Gemeinschaft einen unabsehbaren Verlauf nehmen kann. Dein Auftritt ist wie im Theater einer, der die Meute, das Publikum, die Jury für dich einnehmen kann. Nein, es müsste eher das Zirkusrund sein, in dem die Löwen auf dich warten oder die anderen Kämpfer. Für dich oder gegen dich, ein Drittes gibt es nicht. Kommt von außen jemand hinzu, muss augenblicklich entschieden werden, ob er dazugehört oder Feind ist, und beides wird mit gleicher Nachdrücklichkeit zu verstehen gegeben, besonders vor den jeweils anderen. Um der Gruppe feind zu werden, müsstest du nicht einmal etwas gegen sie unternehmen. Es genügt schon, nicht zu genügen. Zu erwarten ist, dass dir zum Auftritt einige herausfordernde Frechheiten entgegengeworfen werden, denen du nonchalant oder mutig wirst entgegnen müssen. Wer den Auftritt gut hinkriegt, der muss sich um den Rest nicht viele Sorgen machen. Gelingt dir das nicht recht, so bist du sehr schnell in einer schlechteren Position, als wärst du ganz zuhause geblieben und wirst die erstbeste Gelegenheit nutzen wollen, dich aus dem Staub zu machen. Dein Tag heute war aber zufriedenstellend, du stehst guten Mutes da und erwartest die tägliche Initiation. Dennoch gilt es, nachdem die Schwelle der ersten Prüfung überwunden und der übliche Platz im Inneren der Gruppe eingenommen ist, diesen auch zu halten. Die Wachsamkeit untereinander müsste sich in der Beschreibung widerspiegeln, die seitwärts schielenden Augen, die prüfen, wie die verwegene Replik gelandet ist, die versichernden Rücksichten, die der Sieger eines kleinen Stockgefechtes unternimmt, um sicherzugehen, dass der Unterlegene sich in sein Schicksal fügt, um sicherzustellen, dass der Unterlegene dies Spiel ebenfalls für beendet ansieht, um sicherzugehen, dass dir über den Moment hinaus selbst aus deinen großartigen Siegergebärden kein Nachteil entstehen wird, du nicht unversehens in ein Hintertreffen gerätst. Du versuchst die Bedenken zu schlichten, indem du dir regelmäßig vorhältst, dass du jederzeit frei bist zu gehen – die Speere im Rücken, die Schmach auf deinem Haupt. Das müsste auch mitgeteilt werden: dass es eben keinen Abzug gibt, dass das die schlechteste aller Möglichkeiten ist, unter Beschimpfungen abzutreten. Dass es Beschimpfungen geben wird, das ist sicher. Gejohle stärkt, da ist jede Gelegenheit eine gute. Ständig werden Schläge ausgeteilt, unablässig gilt es, zu parieren, bis es dir zur Natur geworden ist, bis du parierst, wenn auch gar niemand schlägt. Weiter findest du schnell heraus, dass Parieren lange nicht so viel wiegt wie der Erstschlag. Wer weit vorlegt, dem wird Tribut gezollt. Wenn einer dem Druck nicht standhält, wenn einer weicht, dann ist das so eine Gelegenheit. Dann bist schnell du derjenige, auf den geschimpft wird, und du kannst dir nie sicher sein, ob dir die guten Antworten einfallen, die dich schlagfertig und stark erscheinen lassen. Aber zu schnell: denn wie fällt der Trupp auseinander? Wann geht jeder seiner Wege? Schon ist das Wort des Aufbruchs gefallen, einer muss gehen, hat noch etwas vor, ist verabredet, hat etwas nachzuholen, zieht betrübt von hinnen, nicht ohne sich zu versichern, morgen zur selben Zeit hier oder an anderem Ort wieder alle anzutreffen. Mit einem Mal fasst sich jeder wieder ein wenig, und mit seinem Abgang und der Frage nach dem Morgen reißt euch der Verräter unweigerlich aus der Augenblicklichkeit der vergangenen Stunden. Schon wenden sich deine Gedanken dem zu, was du anschließend tun wirst, was dich in deinem Leben wieder erwartet, aus dem dir diese Zeit hier ein Entkommen geboten hat. Tatsächlich, es wird nicht mehr lange hell sein. Ähnlich einem Strudel macht sich die Stimmung breit, dass die Stimmung eigentlich vorbei ist. Hier ist ein Tonartwechsel zu verzeichnen, wenn die Sonne an Strahlkraft und die Gruppe an Zusammenhalt verliert, wenn sich jeder vom sinkenden Boot des Tages noch rechtzeitig abstoßen will, dass es ohne ihn sinke. So schön es auch war, es muss untergehen, und bevor es einen mit hinabzieht, sucht man lieber das Weite. Auch du verabschiedest dich rasch und laut von allen, die noch dort sind, schon ohne noch genau hinzusehen, wer das nun wäre, denn du gehörst nicht mehr dazu. Diese Gruppe ist nur noch ein Rest, das Eigentliche findet woanders statt, und dorthin bist du schon unterwegs. Uneingestandenermaßen sind alle an sich auf die besonderen Momente aus, die sich erst nach dem gemeinsamen Tag vereinzelt einstellen, auf den Heimwegen, wenn die Gruppe wieder zerfällt unter euch. Der Freund begleitet dich (oder du ihn) noch das Stück gemeinsamen Wegs, und eure Sätze verlieren schnell die Schärfe, mit der sie sich bisher Rücken an Rücken gestellt haben und bekommen etwas Weiches, eine andere Melodie als die der Blankwaffen und Rührtrommeln sollte vernehmbar werden, vielmehr das Knirschen des Kieses unter eurem gemächlicheren Zweiergleichschritt durch die Grünanlagen. So dringend ihr auch fort wolltet vom vorherigen Schauplatz, so wenig habt ihr es eilig, euer Ziel zu erreichen. Ihr genießt diese Frist, die nun ohne Bedrohung oder Risiko daherkommt, ihr kostet das kurze Schweigen des Einverständnisses aus, wenn all das verständlich wird, was zu sagen ihr keine Worte habt, wenn du mehr darauf achten kannst, was du sagst, als dass es eine gute Wirkung hat, die dir die anderen vom Leib hält. Ihr nehmt den langen Weg um den See herum, über dem du die Säule der Mücken bemerkst. Du zeigst sie deinem Freund, und er erklärt dir, dass man an der Form der Wolke erkennen könnte, ob es sich um Mückenweibchen oder Mückenmännchen handelt. Ob aber die Wolke die Männchen und die Säule die Weibchen anzeigt oder umgekehrt, das habe er vergessen. So langsam ihr auch geht, es kommt die Straßenecke, wo er in die eine, du in die andere Richtung gehen musst. Ihr vereinbart, euch morgen hier wieder zu treffen und den Weg bis zum Treffpunkt mit den anderen zusammen zu gehen. Während du das letzte Stück allein zurücklegst, bemerkst du, dass dieser Zustand zu schnell vorüber gegangen ist und du gerne noch länger darin verweilt hättest. Mit Einbruch des Abends trägst du dich über die Zeit bis morgen Nachmittag und zum eurem Wiedersehen mit der Freude darauf hinweg.
*
Die Fischerei ist ein hartes und nicht ertragreiches Brot, und seit einiger Zeit ist es besonders schlimm. Der Himmel ist ein schillernder, das Licht vibriert von jedem Wellenkamm zurück und läßt uns mit Kopfschmerz die Augen zusammenkneifen auf dem Wasser oder am Ufer. Dieser Mann holt uns da weg auf eine seltsame Weise. Er redet mit den anderen, wie wir im Boot sitzen, das von den Uferwellen leicht geschaukelt wird, wir essen Brot und Wurst, und vieles ist abgefallen von ihnen und von mir auch durch reines Zuhören. Er hat von Dingen gesprochen, für die schon mancher schlimme Schläge erhalten hat. Er sagt, er habe Angst vor uns, und als wir lachen und ihn heranholen, mit ihm essen, da hat er auch gelacht und war sehr froh, und wir haben uns gefürchtet vor diesem Menschen, der uns Schauer die Arme hinaufschickt mit seinen Blicken und Worten und uns schamvoll schweigen läßt, wo wir laut und derb Witze und Geschichten erzählen wollen. Wir haben kein Bedürfnis, roh zu lachen oder zu fluchen, plötzlich ist es schön und gut, wenn wir uns sagen, wie wichtig wir uns sind, unter oder hinter all dem schon seit langem, und manchen steigen plötzlich die Tränen in die Augen, sie sind verwirrt, wir sind verwirrt, aber wir lachen und sind glücklich, und keiner hat bösen Willen. Es ist nicht verwunderlich, daß wir mit ihm mitziehen. Letztlich ist es ja auch egal, schlimmer kann es nicht werden, und Vater hat noch andere Söhne, die Netze werfen können.
Wir kommen durch kleine Ansiedlungen, deren geduckte Häuser vom unbehauenen Fels kaum zu unterscheiden sind und deren Bewohner uns ehrfürchtig betrachten, oft mehr Furcht als Ehre. Dennoch geben sie uns ihr Brot, ihren Fisch, und hören dem Mann zu. Die meisten schweigen. Wir gelangen in Städte, wo der Handel blüht und ferne Länder herwehen in anderen Sprachen und Gesichtern. Märkte und Häfen bringen viel Volk zueinander, Scharlatane und Kinder, Weise und Obst. Mit einer scheinbaren Leichtigkeit und Geradheit geht der Mann auf alle zu, aber in Momenten der Abgewandtheit ist ihm ein Schatten anzusehen, die Kosten seiner Taten. Ich betrachte ihn immer, selber spreche ich nie mit dem Menschen, immer ist eine Entfernung zwischen ihm und mir, und andere junge Männer stehen dazwischen. Aber auch auf einige Meter hin und in der Beobachtung über einen Zeitraum ist zu sehen, daß der Mann in schwerem Kampfe liegt. Ein Feldherr muss so aussehen, nur kämpft der um Härte, während hier ein Mann sich weich macht unablässig. Er ist klein, fällt mir auf, und nicht rasiert, seine schwarzen Haare sind kurz und hart. Sein rundes Gesicht erinnert mich an jemanden. Eine Bürde ist das, sagt er mir schließlich einmal, als wir rasten vor einem anderen Silbersee, in dessen gleißender Oberfläche kein, in dessen Tiefe allein ein Trost liegt, wenn man lange hinsieht. Eine Bürde, von der ich zu niemandem spreche. Wieso zu mir? frage ich und freue mich über die Nähe. Er sieht mich kauend an, sieht wieder weg, zuckt die Schultern. Dann sieht er sich um und wieder zu mir und lacht ein wenig. Wir sind Freunde, scheint mir, Brüder im Geiste. Und wirklich sieht er meinem Bruder sehr ähnlich. Ich weiß aber, er ist es nicht. Plötzlich ist, was er ißt, Erbsensuppe, ich rieche den großen Topf, um den die Versammelten lose herumstehen und sich in Gruppen unterhalten, moderne Kleidung und eine neuzeitliche Entspannung in den Körpern, von Arbeit nicht verbraucht. Der Mann wird immer verschwörerischer: Und die Frauen? sagt er mit vollem Mund zu mir. Er zieht vielsagend die Augenbrauen hoch. Wie Schuljungen lachen wir und sehen uns vor, daß die anderen nicht hersehen, einer möglichen Zwietracht wegen. Ich werde wohl noch eine Weile mitziehen. Der Mann kehrt nach der Pause in die Öffentlichkeit zurück, an die Arbeit. Ich möchte nicht er sein.
*
Wir stehen am Fenster und schauen in das Morden. Vor dem Haus die Front: das ist unsere Kenntnis der Straße. Feindlich sind uns die jähen Wechsel dort, die Unmäßigkeit von Wind und Licht und Regen. Hierher aber ist immer Rückkehr möglich, die Dinge dienen uns. Hier, zwischen den Wänden, bleibt, was wir gestalten, länger. Hier wachsen wir. Zugleich. Die Straße ist uns nichts als grenzenlos Vergängliches. Wir fürchten den Hass derer außen und bauen dickere Mauern.
Wir finden uns vor starren Mauern. Aus dunklen Fenstern schauen uns Augen an. Im Wogen der Ereignisse reisen wir mit, unser ist die ganze Weite des fliehenden Augenblicks, sein Strahlen unser Glück. Wir behaupten unser Recht auf Versammlung in unserem Weg. Wir suchen die Reise, wir sind hier und machen sie zu Heimat, keine Straße lang genug. Wären wir Fische, wir bräuchten zum Leben die ständig fließende Zeit um unsere Kiemen, im bloßen Verharren enden wir schon. Vor diesen Mauern.
Im Herzen des Kampfes der Straße mit den Zimmern steht die Luft zum Atmen stille. Wir wissen nicht, wo wir stehen, versteht sich.
(Im Zimmer wird man immer sagen, dass die Straße bloßer Raum sei; wir wissen sie aber als Ort. Auf der Straße wird man immer sagen, dass die Zimmer eng seien; wir wissen sie als geborgen.)
Frankfurt am Main, 16. Januar 1999