Koffje Haus

Aspekte grenzübergreifender Theatertätigkeit

Mit einer Gruppe von Bühnenbildstudenten aus den USA war ich in einer Vorstellung vom Teatr Pokoleniy, einer freien Theatergruppe in St. Petersburg. Die Amerikaner sind für drei Monate hier zu Gast und arbeiten mit dem Ensemble. Nach der Vorstellung wollte ich noch etwas trinken gehen, und wenn es nicht Wodka sein soll, ist die Franchisegruppe „Koffje Haus“ einer der raren Orte, wo man in St. Petersburg gute Espressogetränke bekommt. Es ist fast elf Uhr nachts, es ist Herbst, auf den Straßen treibt kalter Oktoberwind die letzten Erinnerungen an den schwülen St. Petersburger Sommer aus den Knochen. Die russischen Schauspieler haben sich vor dem Café überraschend verabschiedet, nun sitzen doch nur die neun Studenten aus den USA über Cappuccino und heißer Schokolade. Mir gegenüber wärmen sich Harriet und Corinne, zwei junge Frauen aus Taiwan, an ihren Getränken. Harriet lebt seit 20 Jahren in Los Angeles. Corinne ist gerade erst von Taiwan nach Kalifornien gezogen und teilt sich mit Harriet eine Wohnung.

Harriet: In Los Angeles kenne ich fast nur Menschen aus Taiwan oder vom chinesischen Festland. Ich kann nach wenigen Worten sagen, ob jemand 1992, 1999, 2005 oder jetzt eben aus Taiwan gekommen ist. Die Leute sprechen anders, verwenden andere Wörter, beziehen sich auf andere Ereignisse. In den Neunzigern sind vor allem Menschen aus Taiwan ausgewandert, inzwischen kommen mehr Leute vom chinesischen Festland.

Seit langem strebt Taiwan die politische Unabhängigkeit von der Chinesischen Volksrepublik an. China verhindert diese Tendenzen unter anderem durch militärische Drohgebärden. Draußen vor den Fensterscheiben drängen sich immer noch Passantenmengen über den Petersburger Gehweg. Vor zwanzig Jahren hat sich der Warschauer Pakt durch die Gorbatschow-Politik aufgelöst. Vor allem die mittel- und osteuropäischen Blockstaaten haben sich binnen weniger Monate aus dem sowjetischen Staatenverbund gelöst. Zuvor hatte Gorbatschow die polnischen Oppositionskräfte unterstützt, und spätestens, nachdem er keine Einwände geltend machte, als sich die beiden Deutschlande als neues Nato-Mitglied vereinigten, gab es keinen Zweifel mehr, dass Russland seinen Anspruch als Kontrollmacht aufgegeben hatte und sich Sezessionsbestrebungen nicht widersetzen würde. Es folgten Rumänien, Bulgarien, Georgien und die anderen Kaukasusstaaten. Es folgten sogar die Staaten des Baltikums, die russisches Territorium bildeten. Es folgten Usbekistan, Tadschikistan und viele andere Staaten, die erst eine eigene, dann eine sinnvolle Position auf der politischen Landkarte suchten und zum Teil immer noch suchen.

Allein China hat die Macht der kommunistischen Partei blutig verteidigt. Von dem Massaker darf heute nicht mehr berichtet werden. China behält seine Ländereien und lässt auch für Taiwan keinen Zweifel an der Eindeutigkeit seiner Hegemonialbestrebungen aufkommen.

Unter Emigrantengruppen werden infranationale Konflikte häufig konserviert und vergrößert, Kämpfe im Exilausland weitergeführt. Oft brechen sie hier auch erst aus, weil das im Ursprungsland selbst nicht möglich ist. Ist das zwischen Chinesen vom Festland und Taiwanern im Ausland ein problematisches Thema?

Harriet und Corinne verneinen: Wir sprechen nicht über Politik. Auch mit den übrigen Chinesen in Kalifornien nicht. Wir kennen die Unterschiede, wir bleiben – was das angeht – auf Distanz. Wir begegnen uns vor allem in den kulturellen Unterschieden.

Die jungen Frauen und Männer beginnen mit diesem Aufenthalt in der Ostseemetropole ein Studium für Bühnenbilddesign an der California State University Long Beach, der Hafenstadt von Los Angeles. Der dortige Professor leitet hier in St. Petersburg das Teatr Pokoleniy, das Theater der Generationen. Gerade mal zwei der Studenten stammen aus den USA: einer aus Kalifornien und eine aus Buffalo im Bundesstaat New York an den Großen Seen. Die wir teilen, sagt Adelina – denn sie wiederum kommt aus Kanada, dessen blaue Grenze mit Amerika durch die Seen verläuft.

Adelina ist in Quebec aufgewachsen, im französischsprachigen Teil Kanadas. Erst vor kurzem, sagt sie, hat sie sich mit größerem Interesse dem Iran zugewandt, jenem Land, aus dem ihre Eltern nach der Kulturrevolution ausgewandert sind. Ach, du hast Persepolis gelesen? Die Gruppe ist noch zu frisch, als dass Adelina die Exilerfahrungen in ihrem Familienhintergrund mit denen der anderen hätte austauschen können. In diesem Café kommt das Thema zum ersten Mal zur Sprache – in Russland, das für alle Ausland ist. Die politischen Vorgänge in Iran interessieren sie. Dort wird jetzt viel Alkohol getrunken auf Parties, sagt sie, das ging lange nicht, aber die Jugend sucht nach Gesten der Freiheit.

Das Studium führt alle diese Studenten in den USA zusammen – einem Land, dass seine Expansion nach Westen mit einem andauernden Genozid verband. Der Begriff von kulturellen Minderheiten und deren Partizipation in der Gesellschaft wäre in einer kolonisierenden Sklavengesellschaft, nun, dystop gewesen. Harriet und Corinne  gehören auch in den USA zu einer Minderheit, die vor hundertfünfzig Jahren die Eisenbahn durch Gebirge und Wüsten von Küste zu Küste getrieben hat und deren Gettoisierung heute noch in Form der Chinatowns der großen Städte zu den Touristenattraktionen der USA gehört. Ironischerweise verhilft dieselbe Staatsmacht, die in China unterdrückt und Menschen zum Exil zwingt, als explodierende Wirtschaftsmacht möglicherweise selbst dem Exilanten zu einem anderen Selbstbewusstsein in den kriselnden USA.

Hier in Russland steht für die jungen Bühnenbildner ein Arbeitsprojekt mit dem Partnertheater auf dem Stundenplan. Das Thema ist die Stadt rundherum: St. Petersburg. Die russischen Schauspieler haben sich uns aus finanziellen Gründen nicht angeschlossen, wie uns später gesagt wird. Sie können sich das „Koffje Haus“ schlicht nicht leisten. Ihre Scham darüber hat verhindert, dass wir sie vielleicht hätten einladen und mehr über ihre persönliche Situation erfahren können.

Harriet sieht bei dem Projekt ihr Augenmerk auf die ethnische Vielfalt Petersburgs gelenkt. Weite Teile Russlands gehören zu Asien, auf den Straßen sehen Harriet und Corinne in Gesichter, die eher an Taipeh als an Paris erinnern. In Russland wird ein Rassismus gegen Aserbaidschaner, Tschetschenen und andere kaukasische Bevölkerungsgruppen genährt, die Polizei wird bei Kontrollen von kaukasisch anmutenden Passanten beobachtet, während sie an der brutalen Schlägerei an der Panteleymonovskiy-Brücke einfach vorüber fährt, der wir in der Nacht lieber ausweichen. In den USA verhält sich die Regierung zunehmend offener im Umgang mit den kulturellen Minderheiten und ihrer eigenen Geschichte. Corinne nippt an ihrem Cappuccino. Die Zeit der ethnisch einheitlichen Nationalstaaten ist vielleicht auch vorüber, meint sie. Diese ganze Grenzbürokratie bei der Einreise, das ist doch Horror. Als Emigrantin hat sie von Papierkram sicher genug gesehen.

Während das sowjetische Staatengebilde zerfallen ist und die neuen Staaten in der Welt herumdümpeln; während China bemüht ist, sich mit Goldzähnen und brilliantenbesetzten Klauen zusammenzuhalten, geht man in Europa allerdings den umgekehrten Weg. Dieser historisch neue Weg erscheint umso mehr in besonderem Licht. Hier sind die Bevölkerungen in den kleinen Nationalstaaten kulturell gesehen tatsächlich noch verhältnismäßig einheitlich. Der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund mag prozentual recht hoch sein; dieses Wort ist jedoch sehr offen in alle historischen und Interpretationszusammenhänge, und die zugewanderten Menschen sind im Vergleich zu den drei Großstaaten USA, Russland oder China verhältnismäßig trefflich integriert. Darüber hinaus sinken die Einwanderungszahlen seit Jahren. In Europa haben die kleinen Staaten erkannt, dass sie mit Abgrenzung und nationaler Politik nicht weit kommen und eine überwiegende Zahl der Probleme überhaupt nur gemeinsam mit den unmittelbaren und mittelbaren Nachbarn zu lösen sind. Die Idee von Europa ist eine Revolution der Politikgeschichte: ein kontinentaler Staatenbund aus gemeinsamem Interesse – ohne gewaltsame Aneignung, ohne Eroberungskrieg, ohne Unterworfene. Vielleicht hat Europa diesen Weg schon zu oft gesehen, mit den Römern, den Hunnen, den Ostgoten, den politischen Kämpfen im Heiligen Römischen Reich, mit Napoleon und Hitler. Waren das Erfahrungen zum Abgewöhnen? Versuchen wir doch mal was Neues! Hier wird also der mühsame, umständliche, aufgeklärte Weg beschritten, in Europa redet man mit einander.

Plötzlich aber haben alle auch eine gemeinsame Grenze mit Ländern jenseits der europäischen Staatenvereinigung. Ungewohnt: es gibt eine politische Landgrenze der Türkei, mit Belarus, mit Marokko, mit Russland. Diese Grenzen sind allerdings deutlich dichter als die bisherigen. So trägt das deutsche Konsulat in St. Petersburg nun nicht nur Verantwortung für die Einreise nach Deutschland, denn ein Schengenvisum gilt für den gesamten EU-Bereich. Überhaupt Grenzen: politische Konflikte fokussieren sich gelegentlich geradezu symbolisch auf sehr kleinen geographischen Grenzgebieten. Der Druck wird dichter, und Mauern müssen her, wie zwischen Israel und Palästina, zwischen den USA und Mexiko, und nun hat die EU auch ein solches Gebiet, in dem sich das arge Gefälle zeigt, dass die Stabilität innerhalb der EU nach außen erzeugt. Die Außenstelle Ceuta in Marokko ist einer der schamvoll umdrucksten Orte auf der Kehrseite der EU. Schämen kann man sich nur der Dinge, die bekannt sind. Ceuta war und ist in den aktuellen Nachrichten, ebenso wie der Friedhof, zu dem das Mittelmeer zunehmend wird. Was aber ist mit den stilleren Vorgängen im Zusammenhang mit der gewonnenen Freizügigkeit der EU-Bürger? Einer der jungen Schauspielerinnen von Pokoleniy wurde im Sommer 2009 die Einreise von den deutschen Behörden nicht gewährt, wiewohl sie das zuständige Konsulat in St. Petersburg viermal besucht hat. Einen Grund ist ihr nicht genannt worden. Auf dem Hintergrund der russischen Obrigkeitserfahrung deutet die junge Frau diese Begebenheit als Gefährdung ihrer persönlichen Freizügigkeit, als Angriff auf ihre Person. In den Nachrichten ist von dergleichen nichts zu hören.

Die Arbeit im Theater kann Grenzen überwinden oder unterwandern. Immerhin sitzen hier in St. Petersburg viele Nationen an einem Tisch, die sich austauschen. Aber auch die gute alte Tasse Kaffee weist auf finanzielle und kulturelle Differenzen. An dieser Stelle wartet noch Arbeit.

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