Presse / Reviews SumSum

MIR TV

Im russischen Fernsehsender MIR TV ist ein Beitrag zur Produktion SumSum2 gesendet worden und hier online zu sehen:

http://mirtv.ru/content/view/17410


Language of Love

(Übersetzung des russ. Originals/translation of Russian original)

The language of love is an odd thing. Two people chirp, coo, tweet and babble to each other like exotic birds. They point to each other out of nowhere. Sometimes, they start to hop around and mutter incomprehensible tales of sea-creatures, fairies, and nymphs… 

No, not like birds. It’s more like listening to some sort of magical creatures whose ways of communication you don’t understand.

After a while, you suddenly realize that you can actually sense subtle inflections in their babble: first, caution and apprehension, then curiosity, then they seem to be chirping in harmony, and that is when you, to your great surprise, begin to understand. You understand that they’re speaking! Speaking about love. Speaking the language of love. And you can’t believe it, could it be that you’ve forgotten this magical language? You used to speak it, it used to come to you so easily! And now?

Being young and in love is so wonderful… and so terrible… And the people in this play are no different. They’re afraid, shy, so at first, the results of their efforts are awkward: instead of magical creatures they make a papier-mâché firebird in a cage, a hardboiled egg in an incubator. Incidentally, one of the characters keeps trying to play a convoluted tune – using an egg slicer for a musical instrument!

Their older sisters seem able to be more productive, but their time has already passed.  There was a time when they, too, sang the enchanted birdsong of love, but no one answered their call. It’s a shame, really…

But then, everyone is singing. And it’s coming out well. And it doesn’t matter that some are belting out folk songs, some are singing choral chamber music, and others are breaking into a jazzy big band tune. It works.

The play is in two languages: Russian and German. However, you cease to notice this after ten minutes, so enthralling is this painfully banal story of young people in love.  They met each other on the web – we know lots of these stories, everyone has a friend of a friend who met someone online and… etc. The intentional un-interestingness of this love story is underscored by the laconic set design by Danila Korogodsky. The curtain is roughly made of drawing paper; the windows are crooked cutouts; there is a random collection of cardboard boxes.

There is also a glass cage that occupies half the space on the stage, and takes on various roles throughout the play. It’s an airport terminal, a hotel bathroom, and occasionally, it even plays itself: a cage, where the mutual lack of understanding imprisons our infatuated main characters. Sometimes, it’s a giant window into a vibrant world with sun and sea, museums and churches. Other times, it’s a wall, inexorably blocking the way into love.

When it’s a wall, the lovers draw their worlds onto it, including their museums, churches, sun and sea. They explore this world and present it to each other as gifts. They even draw themselves into this world, but the sad thing is that then, one half of a couple is a living breathing human being, and the other is a nothing but a chalk sketch. On stage, the sketched lover even seems to move, thanks to tricky lighting and fancy projectors, but no matter how he tries, he cannot get off the glass wall, cannot embrace his flesh and blood other half. He cannot keep their love warm. And so, the lovers pace around the stage carrying silly articles of clothing, as though trying to substitute human warmth with wool.

The creators of this play only needed simple materials to relate this eternal and beautiful Love Story. It’s almost sad how simple. We already discussed the cardboard boxes and curtain, the chalk and the lighting.

But the sounds! While one is humming, the other is barking, the third is using a kitchen pan for a drum, someone else is starting to sing… Sax and electrical guitar show up as accompaniment – and here you have a delicate harmony, a symphony of loneliness and love, mutual understanding and unfortunate disunity.

You definitely feel pity for the young lovers with their wool and fake firebird. Although, of course, they still have a chance. They will know a new love. Much sadder are those who have forgotten the language of love, who not only no longer speak it, but also, have lost all ability to heed its heavenly sounds…

by Maria Brusovani 


Sportlicher Sprachabtausch

 „Das Erlanger Theater Garage versucht sich mit „SumSum²“ an Kommunikationsproblemen – und landet mit einer gedoppelten Aufführung in einem unterhaltsamen Bühnen-Zweikampf

Die Schwierigkeit von Kommunikation will das Erlanger Theater Garage mit „SumSum²“ vermitteln – ein Mann lernt per Internet eine Frau in der Ferne kennen, fliegt zu ihr, stößt dort mangels passender Sprachkenntnisse auf allerlei Hindernisse. Die die Erlanger teils beeindruckend darstellen – auch und gerade durch die im Namen angedeutete Verdoppelung des Stücks.

In der Garage fliegt nicht nur Urs-Peter (Patrick Serena) zur Russin Alina (Anastasia Toshcheva), sondern auch Pyotr (Vladimir Postnikov) zur Deutschen Selina (Gitte Reppin). Beides wurde getrennt und in zwei Sprachen inszeniert und erst in Erlangen zusammengefügt. Und die teilweise Verdoppelung, die parallele Aufführung der Handlung, die zusätzliche Überlagerund mit Livemusik bewirkt tatsächlich jenes bizarre Gefühl, das einen im fremdsprachigen Ausland überkommt: Eine Überfütterung mit Informationen, die einen phasenweise in den Wahnsinn treibt.

Doch dann verlagert sich der Erkenntnisgewinn. Anfangs hilft die zweisprachige Aufführung ähnlicher Szenen noch inhaltlich auf die Spur. Doch je mehr man selbst von der Handlung ahnt, desto öfter ertappt man sich, wie man zunehmend Interpretationen und Leistungen der Teams Petersburg und Erlangen vergleicht. Der sprachlich-darstellerische Schlagabtausch dürfte zwar nicht beabsichtigt sein, erhöht aber den Reiz.

Da schlägt daann der berührende Postnikov den bemühten Serena deutlich, Reppin gegen Toshcheva endet remis, in der Nebenrolle der Braut-Schwester bläst die krawallige Linda Foerster die stille Elena Polyakova vom Platz – andreerrseits kann das beim Rückspiel schon anders aussehen.

Was zuverlässig begeistert, ist die phantasiereich-preiswerte Bebilderung: Da huschen Pappflugzeuge durchs Bild wie nur im Kino bei Michel Gondry, die Brandung stammt von Knistertüten und Sprühflaschen, simple Projektoren, Leuchtstifte und Videokameras illustrieren alles vom Flugplan bis zum Sprachkurs. Prädikat: Ziel knapp verfehlt – aber unterhaltsam.

Nürnberger Abendzeitung, 26./27.06.2010, mur


 

SumSum – Beziehungskrise im Doppelpack auf der Bühne

Postkarte SumSum zum QuadratErlangen. Ein doppelsprachiges Theaterstück um eine grenzenlose Liebes- und Sprachverwirrung feierte gestern in Erlangen seine Premiere. Sprachirritationen und Klischees inklusive – und auch ein tieferer Sinn.

Das Theater Erlangen hat sich die Mühe gemacht, ein und dasselbe Stück zweimal zu inszenieren. Die Ergebnisse wurden zusammengefasst und werden nun auf Feutsch und auf Russisch zur gleichen Zeit auf der Bühne aufgeführt. Man braucht keinen Dolmetscher, der tiefere Sinn erschließt sich beim Blick auf die „Bühnensprache“.

Boulevardeske Handlung zum Nachdenken

Laura de Weck, die Autorin des Stücks, stellte sich die Frage, ob es denn einen Sinn mache, das gleiche Werk doppelsprachig und zur gleichen Zeit aufzuführen. Ja, sagt das Theater Erlangen und beschritt einen ziemlich ungewöhnlichen Weg.

„Wir spielen manche Szenen doppelt, manche wiederum parallel“, sagt die Dramaturgin Stefanie Symmank. „Wir wollten, dass die sprachlichen und kulturellen Unterschiede möglichst groß sind“.

Deutsch-Russische Gemeinschaftsarbeit

So wurde die Handlung nicht etwa in das westeuropäische Ausland exportiert, sondern gleich ins russische St. Petersburg. In dieser Kulturmetropole knüpfte das Erlanger Ensemble auch die Bande zum dort ansässigen Teatr Pokolenii.

Zwei der Schauspieler nahmen sie sofort mit – sozusagen als Ost-West-Import. Durch die beiden wirkt das Theaterstück deshalb auch so authentisch und greifbar lebendig für den Zuschauer. Es wird ein Theaterabend der besonderen Art.

Interkulturelle Neugier als Triebfeder

„Wir wollten wissen, wie es ist, im Ausland zu arbeiten, welche Bedeutung Sprache hat und wie weit unsere Vorurteile zutreffen“, so Symmank. Das Resultat: Die Klischees sind an den Haaren herbeigezogen und stiften oft nur mehr Verwirrung als nötig.

Mit dieser Erkenntnis sind acht Wochen Probezeit wie im Flug und vor allem nicht spurlos vergangen. Jedoch, „Lampenfieber ist nicht kultur- und sprachabhängig, es ist ein globales Gefühl“, meint das Multi-Kulti-Ensemble unisono vor der Premiere.

Eine eigentlich simple Geschichte

Die Handlung des Stücks ist an sich wohl so alt wie die Menschheit, hat jedoch durchaus einen zeitgenössischen Bezug. Menschen lernen sich im Internet kennen, besuchen sich in ihrem Heimatland und stehen unvermittelt vor mächtigen Beziehungs- und Sprachproblemen.

Pjotr aus St. Petersburg verliebt sich in die deutsche Selina, Urs-Peter in die Russin Alina. Bereits am Flughafen fangen die ersten Probleme an, die beileibe nicht die letzten bleiben sollen.

Der einfache Weg zur Kommunikation

Die beiden Frauen holen jeweils die beiden Männer gemeinsam mit ihren geschäftstüchtigen Schwestern ab. Eine Konstellation, die die beiden Burschen zunehmend nervt, scheint es doch unmöglich, sich direkt mit den auserkorenen Partnern verständigen zu können.

Aber, und das ist am Ende auch der Schlüssel des Erfolges, sie alle finden letztendlich einen Weg der Kommunikation. Sie versuchen mit wenigen Worten herauszufinden, ob und wie der Traum vom gemeinsamen Glück zu verwirklichen sei. Sie sehen, im „SumSum-Universum“ gibt es immer einen Weg der Verständigung.

Aufführungen in Deutschland und in Russland

Und weil es nun einmal ein interkulturelles Gemeinschaftsprojekt ist, erklärt es sich bald von selbst, dass auch Russland in den Genuss dieser Premiere kommen wird. Nach den Aufführungen in Erlangen geht es unverzüglich weiter auf die Partnerbühne. Vom 8. bis 11. Juli findet die Premiere während des Theater-Festivals „Baltiyskiy Dom“ in St. Petersburg statt. Denn: Das Verbindende ist die Erfahrung dessen, was trennt.

Russland Aktuell (www.russland-aktuell.de), Freitag, 25.06.2010


Das "Sumsum" der Liebe

Erlangen (DK) Die grenzenlose Liebe über Grenzen hinweg stößt recht schnell an ihre Grenzen, wenn der Sprache der Liebe die Worte fehlen. Ein Mann aus Russland und eine Frau aus Deutschland lernen sich via Internet kennen – und fliegen nicht nur aufeinander, sondern per Flugzeug auch zueinander. Aber die Verständigung ist nur über dritte Personen möglich, was die Beziehung bald unmöglich macht. Das ist die banale Geschichte von "Sumsum", einem Stück der 1981 geborenen Schweizer Autorin Laura de Weck.

 

Deutsch-russisches Spiegel-Theater: Serrhii Mardar und Gitte Reppin in "Sumsum". – Foto: Quast

Das Theater Erlangen hat daraus – gefördert von der Bundeskulturstiftung – ein einmaliges Theaterexperiment gemacht, das jetzt auf auf der Studiobühne, dem "Theater in der Garage", seine Uraufführung erlebte, um danach im "Theater der Generationen" in Sankt Petersburg gespielt zu werden. Gespiegeltes Theater; denn mit dieser russischen Bühne tauschte das Erlanger Theater sich gleichsam aus, schickte drei Schauspieler nach Petersburg, die dort das Stück in der Regie des russischen Regisseurs Valentin Levitskiy mit drei russischen Kollegen probten, während zeitgleich Eberhard Köhler "Sumsum", jetzt mit drei russischen Schauspieler-Gästen, in Erlangen inszenierte. Erst zur Erlanger deutsch-russischen Uraufführung wurden jetzt die beiden Inszenierungen "fusioniert" und zu einem ebenso gewagten wie hinreißend experimentellen Theaterabend zusammengefügt.

Denn auf der durch zwei Sandstrände zweigeteilten Bühne (Bühnenbild: Daniela Korogodsky) entwickelt sich ein sprachverwirrendes "Spiegel-Theater" mit komisch verschränkten Parallel-Aktionen, in denen die Schauspieler gleichsam "live" aneinander vorbeireden – und schon beim Zähneputzen am Morgen der Sprache der Liebe die Worte ausgehen, weil mit dem "Sumsum" der Bienensprache der Bühnensprache auch nicht auf die Beine zu helfen ist.

Ein verzauberndes Theater, bei dem vor allem die beiden Darstellerinnen der Selina alias Alina (Gitte Reppin und ihr gleichsam russisches Double Anastasia Toshcheva) mit ihrem Spiel begeistern. Ihre Pendants der Liebhaber (Patrick Serena und Vladimir Postnikov) beherrschen zwar das Liebesspiel, stehen als Männer aber dem feinen "Spiel der Liebe" eher hilflos gegenüber. Ein herrlich skurriles, wehmütig endendes "Theater ohne Grenzen", das sich viel Beifall einheimste, der ihm auch in Petersburg sicher sein kann.

von Friedrich J. Bröder/Donaukurier, 29.06.2010


 

Kuckucksuhren aus St. Petersburg

von Matthias Weigel

Erlangen, 24. Juni 2010. Wie viel Theaterpädagogik darf eigentlich in einer professionellen Stadttheaterproduktion stecken? Oder anders gefragt: Wie weit kann sich ein Theaterabend durch den vorangegangenen Prozess rechtfertigen? Und fördert der Wanderlust-Fonds der Kulturstiftung des Bundes nicht einfach nur Selbsterfahrungs-Abenteuer-Trips deutscher Theatermacher?

Im vorliegenden Fall hatte das Stadttheater Erlangen Lust, für eine Kooperation zum Teatr Pokoleniy in St. Petersburg zu wandern. Für solch eine "Austauschpartnerschaft" über drei Spielzeiten gibt es vom Bund bis zu 150.000 Euro Förderung. Erstes gemeinsames Ausflugsziel ist die zweisprachige Inszenierung des Stückes "SumSum" von Laura de Weck, die nun in Erlangen und später in St. Petersburg zu sehen ist.

Ursprünglich geht es in dem Stück um einen einsamen Deutschen, der im Internet eine Frau in der Ferne kennenlernt und zu ihr reist, um sie, naja, wahrscheinlich noch besser kennen zu lernen. Dort stellt sich aber heraus, dass die Frau (doch) nicht seine Sprache spricht, es gibt Missverständnisse und die Schwester muss dolmetschen. Leider verliebt sich der Mann nicht in die Frau und er fährt wieder heim. Allein für Stücke dieser Klasse sollte es eigentlich einen "Liegenlassen-Fonds" zur Schadensbegrenzung geben, aber darum soll es an dieser Stelle nicht gehen.

Deutsch-russische Verständigungsschwierigkeiten

Von den wanderlustigen Erlangern wurde das Stück gedoppelt: Der Deutsche Urs-Peter (Patrick Serena) fährt zu Alina (Anastasia Toshcheva) nach Russland, während der Russe Pyotr (Vladimir Postnikov) zu Selina (Gitte Reppin) nach Deutschland fährt. Die erste Variante wurde unter der Regie von Eberhard Köhler am Petersburger Theater einstudiert (der zusammen mit Dramaturg Henning Bochert auch die Idee zu allem hatte), die zweite unter Valentin Levitskiy in Erlangen. Während bei de Weck das Sprachproblem einmal auf Deutsch/Englisch abläuft, gibt's hier zweimal deutsch-russische Verständigungsschwierigkeiten, natürlich jeweils spiegelverkehrt.

Nun mag es sein, dass sich für die Beteiligten spannende Einblicke in das jeweils andere Theater-Verständnis ergaben, fremde Institutionen und Systeme kennengelernt wurden, und nicht zuletzt einige deutsch-russische Bekanntschaften geschlossen wurden. Für die Aufführung wurden die beiden Teile aber einfach zusammengeklatscht, und herausgekommen ist – oh Wunder – ein gedoppelter, zusammengeklatschter Theaterabend von zähen zweieinhalb Stunden.

Kanons, Projektionen, Filzstiftmalereien

Die gezwungenermaßen immer häppchenweise nachgelieferte Übersetzung stiehlt jegliches Tempo, genauso wie grobe Übergänge mit unzähligen Blacks und Auf- und Abgängen. Ein Fluss kann durch die Zweisprachigkeit und Handlungsverdopplung nicht ins Spiel kommen, und so werden die spröden Gerüste mal nacheinander, mal synchron abgeliefert, das Stück pointenlos wie Parkett verlegt, immer nur darauf bedacht, dass ja das Muster nicht durcheinander gerät. Als Leim taugen die eingestreuten Kanons, Projektionen oder Filzstiftmalereien auch nicht.

Bei einem so stark konstruierten Stücktext hätte den Schauspielern eine intensive Beschäftigung mit ihren Figuren(-biographien) gut getan, um die teils absurden Handlungen wenigstens ansatzweise zu motivieren. So aber wirkt Patrick Serena (verständlicherweise) verloren, wenn er als Urs-Peter seiner Alina seinen Pulli anbietet, weil ihr bestimmt kalt sei; dass Alina aber eh schon warm ist, versteht Urs-Peter nicht und wird durch die Ablehnung so wütend, dass ihm entfahren muss: "Was soll das, bist du bescheuert, Schlampe. Du sollst meinen Pulli anbehalten." Selbst Gitte Reppin, die Anfang der Spielzeit als Gretchen brillierte, nimmt man nicht ab, warum in aller Welt sie ausgerechnet von Pyotr in seine russische Heimat mitgenommen werden will.

Nicht der Weg ist das Ziel

Trotz alledem hat man das Gefühl, dass dem Abend großartiges Potential innewohnt. Es ist die Begegnung zweier Theater aus Deutschland und Russland, das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Traditionen und Kulturen, das sich aber nur erahnen lässt. Dass sich im Vorfeld so einiges Spannendes zugetragen hat, ist im Produktionsblog nachzulesen, aber nicht mehr auf der Bühne zu sehen. Durch eine behumste "SumSum"-Geschichte wird das, was wirklich erzählenswert gewesen wäre, zugedeckt. Anstelle des echt durchlebten, interkulturellen Austausches wird eine olle Vorurteilsplattitüde wiedergegeben.

So hat der Wanderlust-Fonds den Theatermachern sicher schöne Erlebnisse und reiche Erkenntnisse beschert, aber seit wann ist im professionellen Stadttheater der Weg das Ziel? Muss hier nicht vielmehr der Theaterabend für sich alleine bestehen können? Am Ende bleibt das schale Gefühl, von einem Weltreisenden als Mitbringsel eine Kuckucksuhr geschenkt bekommen zu haben.

auf: nachtkritik.de, 24.06.2010


 

Zähe Langeweile im Quadrat

Die misslungene deutsch-russische Theaterkooperation „SumSum²“ in Erlangen

In Erlangen ist die deutsch-russische Theaterkooperation „SumSum² – eine grenzenlose Liebes- und Sprachverwirrung“ zu sehen. Anschließend folgen Aufführungen in St. Petersburg.

Liebe im Zeitalter des Internets: Pyotr mailt mit Selina, Urs-Peter mit Alina. Der eine fliegt nach Russland, der andere nach Deutschland. Die Sprache ihrer Angebeteten sprechen sie nicht. Das führt zu peinlichen Situationen. Nein, hier wird nicht die Kurzversion einer SAT1-Komödie oder einer Vorabend-Daily-Soap erzählt, sondern der Inhalt von „SumSum² – eine grenzenlose Liebes- und Sprachverwirrung“ von Laura De Weck. So ein Plot muss ja jenseits der seichten TV-Unterhaltung nicht unbedingt in die Niveaulosigkeit führen. Mit beherzter Regie und Mut zu Übertreibung oder Ironie könnte selbst so eine Vorlage noch einen spannenden Theaterabend bescheren.

Leider fehlen der Inszenierung von Valentin Levitskiy und Eberhard Köhler im Erlanger „Theater in der Garage“ diese Zutaten fast vollkommen. Zu, nenne wir es mal, gewissenhaft, macht sich das deutsch-russische Regie-Paar a die platte Vorlage. Natürlich ist es nicht einfach, sich an zwei verschiedenen Orten – das „SumSum²“-Team wurde halbiert und probte parallel in Erlangen und St. Petersburg – auseinanderzusetzen und dann eine offensichtlich schwache Stück-Vorlage wieder zusammenzufügen. Doch bei solche einem mit hohen Zuschüssen gesponsorten Projekt hätte man sich schon mehr erwarten dürfen als eine zähe Parade von blutleeren Charakteren, deren Handeln und Probleme meist mehr als voraussehbar sind.

Diesen Langweilern möchte man – trotz aller Bemühungen der engagierten Schauspieler – eigentlich nicht sonderlich lange zuschauen. Doch damit nicht genug. Um statt der dramaturgischen Verwirrung zumindest die Sprachverwirrung zu beseitigen, wir die Handlung gespiegelt. Wenn man sich schon beim deutschen Part gelangweilt hat, folgt noch mal die russische Zugabe. Langeweile hoch zwei!

Da nützt eine Handvoll netter Regieeinfälle wenig. Vor allem die eineinhalb Stunden bis zur Pause ziehen sich wie ein Kaugummi. Danach wir ein wenig aufs Tempo gedrückt. Dass das Happy End ausbleibt, war bei dieser Seifenoper im Zweikanalton – schließlich sind wir eben doch nicht im Privatfernsehen – absehbar. Vielleicht folgt ja bei den nächsten Produktionen dieser auf drei Jahre angelegten Kooperation das große Theater-Glück.

 Erlanger Nachrichten, 26./27.06.2010, smö

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