Armut

Die Reihe Armut wird durch unregelmäßige Beiträge ständig erweitert.

 

Armut I: Gebrauchtwagen

Zwei Männer kommen und schauen sich den Wagen an, sind geradezu begierig darauf, ihn für zwei Scheine zu kaufen. Sie wollen sogar Geld im Voraus zahlen, ohne Vertrag, ohne Wagen, während wir den Wagen nicht am selben Tag übergeben können. Beim Ausfüllen der Papiere schiele ich auf den italienischen EU-Ausweis und sehe einen arabischen Namen.

Die Autos gehen per Export nach Afrika, sagt der ernst und etwas angespannt dreinschauende junge Mann. In Europa hat der Wagen keine Chance, nur arme Leute in Afrika können sich den noch leisten. Sie hätten Hunderte von Wagen, die dann per Schiff nach Süden geschickt würden.

 

Armut II: Altpapier

Leo steht am Altpapiercontainer und sucht Zeitschriften heraus, Kataloge. Ich komme mit Lebensmitteln für hundert Euro vom Supermarkt. Leo ist Rumäne aus einer kleinen Stadt hundert Kilometer von Bukarest entfernt, sagt er. Ein Freund hat ihm gesagt, komm nach Deutschland, hier gibt’s super Arbeit. Er ist gekommen, arbeitet über eine Gewerbeanmeldung auf dem Bau, aber er klagt, dass er sein Geld nicht bekommt: Ich arbeite, dann sage ich, Chef, wo ist mein Geld. Drei Tage, vier Tage – kein Geld. Dann sage ich, tschüss Boss.

Er sammelt Altpapier. Lohnt das, frage ich ihn. Das ist gut, sagt er. Er kann hier 9 oder 10 Euro am Tag verdienen. In Rumänien kommt er bestenfalls auf 100 Euro im Monat. Ob ich nicht Arbeit für ihn hätte. Kleiner Endzwanziger, netter Typ. Der große und ein bisschen dickere Kollege steht beim Einkaufswagen auf der Straße.

 

Armut III: Müll

Hallo, ich bin Müllsammler.

Ich sehe, Sie waren ja schon bei uns.

Ich hab was vergessen.

Wo kommen Sie her?

Bosnien.

Der freundliche Herr ist klein, die kurzen, schwarzen Haare ordentlich zurückgekämmt, Hemd, Pullunder. Er humpelt mit einem Klumpfuß. Vor der Tür steht sein Fahrrad mit Anhänger, darauf ein paar Plastiksäcke.

Sind Sie schon lange hier?

Ach –

Gerade erst gekommen?

Nein, mein Gott. Achtzehn Jahre.

Ah, im Krieg.

Ja, ich bin jetzt hier seit 1994.

Da mussten Sie weg.

Ja, jetzt ja noch schlimmer. Aber Kinder Schule jetzt, Kinder Praktikum. Ich nie zur Schule. Kinder 9, 13, 16 Jahre.

Und kommen Sie zurecht?

Geht irgendwie. Kinder gut, Schule, ich nie Schule. Früher Schule 15 km, zu Fuß. Kein Bus.

Fahrrad?

Er reißt die Augen auf: So hoch Schnee (zeigt die Hüfte), was willst du machen mit Fahrrad? Waren weit weg auf dem Land, morgens fünf Uhr aufstehen, müssen gehen eineinhalb, zwei Stunden. Manchmal Leute mit Wagen, mit Pferden, Kisten, freundliche Leute nehmen Kinder mit, aber nicht immer. Ich nicht zur Schule.

Und im Krieg, waren Sie gefährdet?

Ja (Geste: was denkst du denn), ich bin Roma. Immer gefährlich. Kein Land, keine Heimat. Jetzt noch schlimmer in Bosnien, kriegst du zwanzig Mark im Monat vom Staat, keine Versicherung, Krankenhaus teuer, Arzt teuer. Kannst du nichts machen.

Und hier leben Sie in Berlin? Wo hier?

Kottbusser Tor.

Da in den Hochhäusern? Und, geht das?

Geht, aber (vage Geste) … mit den Leute kannst du nichts machen. Alles Türken, Araber. Tür zu, Fenster zu (Geste des Abschließens).

Viel Glück.

Danke.

Er wendet sich dem Müllcontainer zu.

 

Armut IV: Wohnen

Wochen-, wenn nicht monatelang wohnten gegenüber neben der Grundwasserdialyseanlage am alten Bahndamm in einem unscheinbaren Wohnwagen Leute. Abends lief ein Generator, daran habe ich es überhaupt erst gemerkt, denn durch die Einfriedung der Anlage waren sie vor den Augen der Passanten geschützt. Von der Jordanstraße her fuhr ich eines Tages per Fahrrad, als mir der graue Wohnwagen entgegen- und bekannt vorkam. Um die Ecke herum stand er dann auch nicht mehr, sondern da saßen und standen jetzt Menschen mit dunklen, faltigen Gesichtern, ein Mann auf einem Campingstuhl, zwei Frauen mit langen Röcken. Ich hatte immer schon aus dem Augenwinkel geschaut und mich gewundert, wohnen die da? Das ist doch bestimmt nicht in Ordnung oder gestattet. Da mir aber nichts weiter Störendes auffiel, wandte ich meine Empörung wieder empörenderen Dingen zu. Und dann waren sie weg, die paar Menschen. Ich bin zu spät, um sie nach ihrer Geschichte zu fragen, woher sie kommen, was sie tun oder vorhaben. Aber was werden sie schon tun? Wer immer sie sind, sie werden ein paar Hundert Meter weiter einen anderen Stellplatz gefunden haben. Und dann wieder einen anderen. Vielleicht unter der S-Bahnbrücke an der Straße Am Treptower Park. Dort stehen schon lange mindestens zwischen fünf und fünfzehn Wohnmobile, Wohnwagen und Lieferwagen, aus denen morgens Menschen herauskommen, sich davon fertig anziehen. Auch ein Stück weiter auf dem Parkstreifen entlang dem Park steigen morgens aus PKWs immer wieder junge Frauen und Männer aus, öffnen den Kofferraum und waschen sich mit Wasser aus Kanistern. Ihre Kleidung sieht nicht aus, als hätten sie die gerade erst an- oder am Abend ausgezogen. Wie sieht ihr Tag aus, frage ich mich? Zu welchen Tätigkeiten schlagen sie die Augen auf? Essen beschaffen? Arbeit suchen? Die meisten haben Berliner Kennzeichen, zwei kommen aus Süddeutschland, München und Friedrichshafen, einer aus Spanien. In der Beermannstraße steigen aus einem VW-Bully zwei etwas verpennt aussehende Anfangdreißigjährige in Trainingsklamotten, aus der offenen Schiebetür ist eine Mädchenstimme zu hören, vielleicht fünf bis acht Jahre. Sie zünden sich beide etwas an, was nach erster Fluppe am Morgen aussieht.

 

Armut V: Geruch

Der Mann in der U8 steht im Gedränge, um ihn ein freier Raum, ein Geruch, der sich gewaschen hat, hält alle auf Armeslänge fern vom lange Ungewaschenen, Schweiß steht ihm auf der Stirn, die Füße in kaputten Turnschuh-Schlappen, eines der dicken Cordhosenbeine hochgezogen, um einen verbundenen Knöchel und ein unnatürlich dunkel gefärbtes Bein zu enthüllen, das zu kommerzialisieren er sich schon lange nicht mehr zu gut ist. Ein Pappbecher in der Hand, murmelt er kaum hörbar: „…kleine Spende… ohne Krankenversicherung behandeln einen die Ärzte nicht… bisschen was erübrigen… zu Essen…“ Wie im Delirium spricht er wirklich leiser als die Umstehenden, macht es ihnen einfach, ihn nicht zu bemerken. Dennoch sind auf magische Weise die Schlüsselwörter seiner Klage den überkonditionierten Ohren der Metropolenbewohner unmissverständlich und lösen den hilflosen Abwehrreflex aus: seh ich ihn nicht, sieht er mich nicht. Auf der Ringbahn zwischen Frankfurter Allee und Greifswalder Straße lösen sich die Bettler ja ganz nach Dreigroschenmanier ab, und ähnlich dem Tourismus, der z. B. in Mitte oder Prenzlauer Berg genau jene Phänomene vernichtet, die ihn ausgelöst haben: Originalität, günstige Preise, heimelige, individualistische Freiheit, vernichtet das Überangebot an Betteldiensten die Bereitschaft, dafür zu zahlen bzw. sich für ein Almosen erweichen zu lassen. Schon spricht man über seine speziellen, fortgeschrittenen Methoden, um sich dennoch barmherzig zu zeigen: ich gebe nur Frauen, ich gebe jedem Dritten, ich gebe nur dienstags und freitags. Ich will auch etwas anders machen und schaue dem Murmelmurmelmann ins Gesicht. Er, geprügelter Hund, krank, elend, blickt zurück, zu kraftlos, sich abzuwenden, zu kraftlos aber auch, sein Anliegen angesichts des aufmerksamen Publikums zu wiederholen; und ist es denn auch notwendig? Herrmannplatz steigt er aus.

 

Armut VI: Wut

Der Mann in besten Jahren
im Park morgens vor acht
neben ihm sein Handwagen
wohlgefüllt schon mit dem Ertrag seiner ehrlichen Arbeit
hantierend jetzt mit dem Dreikantschlüssel am Riegel des nächsten Mülleimers
fummelt
nächster Schlüssel
fummelt
ächzt
richtet sich auf
nächster Versuch
beugt sich
fummelt
ächzt
richtet sich auf
sieht sich um
und schlägt mit morgenstilleerschütterndem Scheppern auf den Deckel des Mülleimers
des neuen Modells
hier überall aufgestellt
vom Gartenbauamt bei der Sanierung des Parks
mit anderem Riegel als die alten Container
mit Standardmüllcontainerschlüssel nicht zu öffnen
so dass der Mann
parkweit um sein mögliches Einkommen gebracht
den jungen Tag und die Welt gleich mit
aus tiefstem Herzen verflucht

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