Deipyla

Iss, sagt der Vater. Mit vierzig sind die Furchen in seinem Gesicht zu tief, um das Blut noch herauszuwaschen: das Blut ihres Geliebten und Mannes und das von tausend anderen. Ist je eine schneller Witwe geworden? Das Knacken der Knöchel zwischen den Zähnen des Vaters: Knochen eines Vogels, eines Lamms, die einzigen Geräusche im Saal. Die Schwester ist zum Essen nicht erschienen, auch sie noch in Trauer um ihren Mann. Hier ist ein Gast im Haus, sagt der Vater, den hast du eingelassen, der hindert dich jetzt am Essen. Guten Abend, Hass. Der Vater spricht mit der leeren Luft, denn ihre Ohren verschließen sich vor dem, was er zu sagen hat. Hat ihr Geliebter sie nicht Vögelchen genannt, mein Vögelchen? Nach Jahren des Zauderns, des Wartens auf seine Entscheidung hatte der Vater ihr und der Schwester vor einer Woche die Hochzeit angekündigt. Rasch wie Regen aus wolkenlosem Himmel fiel seine Wahl, wer aus dem missgünstigen Haufen der Männer Aigeia heiraten würde, wer Deipyla. Immer mehr waren gekommen, hatten um die Hände der Schwestern angehalten, und weil keiner gewählt wurde, waren sie alle geblieben. Der Vater musste sich entscheiden, um des Friedens willen, aber wie einen beglücken, ohne die anderen vor den Kopf zu stoßen? Er hatte ja nur zwei Töchter, mathematisch war Frieden unmöglich gewesen. Niedergedrückt war Adrastos nach Delphi gereist, um göttlichen Ratschlag zu suchen. Bald war er zurück und hatte die Wahl bekannt gemacht: Tydeus und Polyneikes sollten es sein. Vor einer Woche war das, sie war verliebt, voller Hoffnung, wusste sich nicht zu lassen vor Glück. Tydeus würde ihr Ehemann werden, sie hatte auf ihn gehofft. Das Fest wurde gerichtet. Tische und Bänke, ein Ozean an Wein, Berge saftigen Fleisches standen längst bereit. Musik erinnerte alle, dass die Zeit der drückenden Fragen vorbei war, Bräute und Bräutigame tanzten in ständigem Wechsel. Der Vater und die Töchter begruben allen Groll, der über die Zeit zwischen ihnen gewachsen war. Adrastos hatte allen Griesgram abgelegt, wie neu sah man ihn lachen und tanzen, seine Töchter umarmen, die Schwiegersöhne küssen, wie köstlich die Speisen waren im Angesicht von Vaters Erleichterung. Die Geschenke waren reich und beachtlich von allen Fürsten der hellenischen Reiche. Im Speisesaal lässt Deipyla den Kopf hängen über ihrem Teller. Noch sieht sie die Sonne scheinen im Wein von der Farbe von Lilienblüten, weiß sich noch ganz versinken im Genuss der Ereignisse, taumelnd wie Bakchen. Wann ist sie den Göttern derart nahe gewesen, eingetaucht in ihre Empfindung? Während Aigeia und ihr schon die Brüste wuchsen, waren die letzten Jahre zäh verflossen. Nun war die nächste Nacht jäh die erste der vier neuen Eheleute. Tydeus Haut war beinahe so weich wie Deipylas eigene, geölt und Behältnis starker Muskeln. Ganz in ihn hineingesunken bin ich, das alles noch neu und fragwürdig, er aber ihr bestmöglicher Führer in dem, was Liebende und Eheleute tun. Er hat sie wie einen Vogel in seinen Armen gehalten, die haben ihr jede Bewegung gezeigt wie bei einem Tanz. So soll die Welt sein, das steht ihr jetzt klar vor Augen. Ich habe in einem fort gelächelt bis zum Einschlafen, hinterher. Hinter der Wand im nächsten Zimmer hörten sie Polyneikes und Aigeia sich auf dieselbe Weise miteinander beschäftigen. Am nächsten Tag stand der Schlaf ihr noch in den Augen, als sie der Lärm in der Halle geweckt hat. Männer sind da gewesen, unter ihnen Polyneikes und Tydeus, eine Rüstung um den Körper, der ihr gehört hatte, ihr Vater hat von Krieg gesprochen. Meine Schwiegersöhne sind Könige, keine Verbannten. Theben und Kalydon werden bezwungen und die beiden Männer wieder in Würden eingesetzt, das ist die Mission. Unsere sieben Heere sind den Thebanern und Kalydoniern überlegen mit sieben großartigen Männern an der Spitze, was wollen die zwei Städte da ausrichten. Theben liegt näher, dies wird zuerst in Angriff genommen. Eteokles hat den Thron nicht gemäß der Abmachung an Polyneikes abgetreten, sondern den eigenen Bruder wie einen Verbrecher aus der Stadt gejagt. Das fordert Sühne. Polyneikes hat zu den Kriegsherren gesprochen. Mein geliebter Bruder hat sich in eine Bestie verwandelt. Wie konnte das geschehen? Wir waren eins, ganz zusammengeschmiedet durch die Schläge des Schicksals gegen unseren Vater? Liebster Eteokles, der du warst, wo irrt deine Seele? Welcher Dämon hat dich ergriffen, dass du dich wendest gegen dein eigenes Blut, gegen mich, deinen liebst-verschworenen Bruder? Welcher Gott hat dir die Sinne neblig gemacht? Ihr Vater hat weiter gesprochen. Wir werden Theben schnell einnehmen. Wir wissen alles über die Stadt, kennen jede Mauer, jeden Durchgang, ihren ersten Sohn haben wir hier bei uns. Hinter Deipyla ist die Schwester aus dem Zimmer gekommen, auch sie noch halb schlafend. Der Vater hat Polyneikes den Arm um die Schulter gelegt, dem Schwiegersohn. Ein Krieg ist dies gegen den Usurpator, nicht gegen das thebanische Volk oder das kalydonische, denen wir wie eh in Freundschaft verbunden sind. Herbeigeredet und bis jetzt ohne Beweise ist die Anklage von Kalydons Regierung, ihr König Tydeus hätte seinen eigenen, geliebten Bruder erschlagen. Warum sollte er das tun? Aufgrund eines Gerüchts, eines Orakelspruches? Feindliche Desinformation. Wir werden die Übeltäter davon abhalten, weiterhin ihre feigen Angriffe auf die zu unternehmen, die in Freiheit leben möchten. Treffsicher wie der Seeadler werden unsere willigen Heere vorstoßen gegen die Städte, dem thebanischen Reich den rechten Kopf aufsetzen, den Willen der Götter auch in Kalydon wieder herstellen und ohne Verzug nach Argos zurückkehren. In zwei Wochen werden wir hier unseren Sieg feiern. Mit der Morgensonne sahen sie die stillen Schiffe auf der Wasserfläche weg vom Land gleiten nach Theben. Iss von den Wachteln, sagt der Vater und winkt dem Sklaven. Der trägt ihr das Häufchen Vogelfleisch hin. Sie wendet den Kopf ab. Tydeus hatte seinen Bruder getötet bei der Jagd im Wald bei Kalydon. Hinter den Ställen hatte er es ihr einmal gesagt, wo sie einander berührt hatten. Er war nicht mehr mein Bruder, hatte er ihr erklärt. Das Orakel hat vorausgesagt, dass er mich töten werde, seitdem war er immer schon mein Mörder. Aber schlimmer noch war es für ihn. Ich halte es nicht mehr aus, hat er da im Wald bei der Stadt gefleht. Stoß mir die Lanze für den Eber in mein Herz, damit ich dich später nicht morden muss. Tydeus hatte selbst geweint hinter den Ställen. Wer weiß, ob es so gewesen ist und wofür seine Tränen standen. Deipyla schaut über den Teller mit kalten Speisen in die Flamme der Kerze, dahinter vage des Vaters gern essendes Gesicht. Ein Brudermörder hat mich entjungfert, das ist mir egal. Der Vater; beim Hochzeitsfest hat ihm der Glaube an den guten Ausgang so wahrhaftig im Gesicht gestanden. Mit der Last der Eheschließung von seinen Schultern haben wir gewusst, alles wird gut. Wie ist das möglich? Hat es ihm geschmeckt, der Hammel, der Wein? Er hat also gut gegessen und aber das Schlachten schon kommen gesehen? Nach sieben Tagen ist Adrastos gestern mit wenigen Männern in den Hafen eingelaufen, ernst, schweigend über den Verbleib der vielen, ihr Mann darunter. Deipyla hat sich den Hergang der Schlacht von einem Soldaten erzählen lassen. Zuerst, hat der gesagt, hat Tydeus mit seinem Schwert in einer Folge von Zweikämpfen alle Feldherren Thebens erschlagen. Ihm gebührt aller Ruhm, war seine Sache doch Kalydon, nicht Theben. So in der Enge, haben die Thebaner einen Ausfall unternommen. Sechs der Sieben hatten sie bald erschlagen. Parthenopaios. Hippomedon. Polyneikes, nun auch Brudermörder und gemordet durch den Zwilling. Amphiaraos. Tydeus. Deipyla sieht seine Haut, weich, weit aufgeschnitten vom Schwert des sterbenden Eteokles, auf ihrem Teller ein Spieß erkalteten Hammelfleischs. Als einziger überlebt hat der Vater am anderen Ende des Tisches. Ich kann nicht essen, während meinem Ehemann auf offenem Feld sein Blut in fremden Boden gießt. Alles schmeckt, als äße ich ihn selbst. Adrastos lässt die Keule auf den Prunkteller fallen. Ah, man spricht wieder mit mir. Er wäscht seine Hände in der Schale, die der Sklave hinhält. Jetzt nach dem Krieg schmeckt mir hingegen das Essen besser, die Sonne scheint klarer im Wein als zuvor. Ich kenne den Wert der Genüsse wieder genauer, je näher der Tod rückt, je größer die Schmerzen, die ich gelitten habe, je schwerer die Last meiner Fehler. Ich kann nicht mehr, erklärt Deipyla, ganz in den Freuden aufgehen. Das Blutwissen macht mir den Gaumen taub, die Augen trüb. Nichts schmeckt, nichts leuchtet, alles ist dumpf. Nein, sagt Adrastos, das Gegenteil ist der Fall. Erst jetzt hast du die Freiheit, das Fleisch wirklich zu genießen, das fetttriefende. Jetzt erst kannst du jede Pore dem Genuss zuwenden. Jetzt hast du eine Ahnung von seinem Preis. Er nimmt seinen Wein und steht auf und geht um den Tisch herum. Ich erzähle dir eine Geschichte von deinem Mann, mal sehen, ob du mich danach noch hasst für seinen Tod. Denn so ist es, richtig? Du schaust mich an, deinen Vater, und siehst den Mörder deiner Liebe. Du hast vielleicht hier und da etwas gehört. Ich sage dir, was wirklich geschehen ist. Als Zeus mit seinen Blitzen unsere Leitern von Thebens Mauern kippte und Kapaneus in den Tod stürzte, erbrachen die thebanischen Tore Soldaten auf uns, stinkende, heulende thebanische Meute, und drei von unseren Feldherren wurden erschlagen. Das war vor fünf Tagen. Ein Niemand sprang heran aus dieser Menge, ein Melanippos, wie ich dann erfahren habe, und schlug deinen Tydeus, so dass er nicht mehr sehr lebendig dalag. Da habe ich die Göttin gesehen, Deipyla. Athene stand da neben deinem Mann mit Tränen in ihren göttlichen Augen und flog dann rettenden Schrittes davon, wohl um ein Heilmittel zu holen. Ich war aber nicht der Einzige, der sie gesehen hat. Amphiaraos, der verdammte Seher, von dem deine Meinung so hoch war, hat Tydeus gehasst, der ihn und sein Volk in diesen Krieg gezerrt hatte. Er hatte Athene gesehen wie ich und stand starr und sammelte seine Gedanken wieder zusammen, die die göttliche Erscheinung zerstreut hatte, und er richtete seinen Hass wie je auf die Halbleiche Tydeus. Amphiaraos lief zu dem Melanippos, der auch am Boden lag, und schlug ihm den Kopf von toten Körper. Amphiaraos’ Augen und Stimme waren verdreht, als er zu Tydeus kam und Rache schrie und den losen toten Kopf in seiner Hand schlug, die Knochenschale schlug er mit dem Schwert auf wie eine große Nuss, dass das Hirn herausquoll. Melanippos hatte gerade eben noch geschrieen, sein Maul stand noch offen mit Gedanken vielleicht an seine Kinder in Theben, das wir nun doch nicht erobert haben, Gedanken an seine Familie in eben diesem Hirn, das Amphiaraos deinem Tydeus jetzt über hielt und schrie, schlürfe dieses Hirn, das soll die Rache sein, und Tydeus griff die Masse mit der Hand, das letzte, was noch heil war an ihm, und stopfte sie in seinen Mund und schluckte sie, auf dem offenen Schlachtfeld, das sein Grab ist, schluckte viel davon. Im Rücken von Amphiaraos sah ich, weiter weg stehend, Athene wieder in Erscheinung treten mit einer Schale. Sie hat von da zugesehen, wie ihr Liebling Tydeus das Hirn seines Mörders verschlingt, und hat sich voller Ekel abgewandt, ganz in Amphiaraos’ Sinn, das letzte Heilmittel für deinen Mann achtlos vergießend in thebanischen Boden, und weg war sie, die Göttin. Der Mörder Amphiaraos ist kurz darauf ebenfalls erschlagen worden. Und hier sitze ich mit dir vor guter Nahrung, spät in meinem Leben, aber nicht zu spät. Meine Töchter, die mich hassen, liebe ich mehr als zuvor und bin so voll von Appetit wie nie. So frei kannst du jetzt sein. Du hast dich der Umklammerung der Erscheinungen entledigt, stehst über ihnen. Jetzt bist du eine Frau, ein ganzer Mensch. Noch Wein? Hol deine Schwester her, ich möchte mit euch über eure Hochzeit sprechen.

 

 

 

 

 

Berlin, März 2003

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