Stille Post

 

Heute bist du wieder mit den anderen unterwegs. Mal sehen, wer überhaupt da sein wird. Es kommt zum Ausdruck, wie du sowohl Angst hast vor den ersten Minuten, wenn ihr euch trefft, die darüber entscheiden, wie der Nachmittag verlaufen wird, als es auch nicht erwarten kannst, diese Prüfung zu bestehen. Du bist dir fast sicher, dass dir heute kein Weh geschehen wird, wiewohl auch jedes Eintreten in diese Gemeinschaft einen unabsehbaren Verlauf nehmen kann. Dein Auftritt ist wie im Theater einer, der die Meute, das Publikum, die Jury für dich einnehmen kann. Nein, es müsste eher das Zirkusrund sein, in dem die Löwen auf dich warten oder die anderen Kämpfer. Für dich oder gegen dich, ein Drittes gibt es nicht. Kommt von außen jemand hinzu, muss augenblicklich entschieden werden, ob er dazugehört oder Feind ist, und beides wird mit gleicher Nachdrücklichkeit zu verstehen gegeben, besonders vor den jeweils anderen. Um der Gruppe feind zu werden, müsstest du nicht einmal etwas gegen sie unternehmen. Es genügt schon, nicht zu genügen. Zu erwarten ist, dass dir zum Auftritt einige herausfordernde Frechheiten entgegengeworfen werden, denen du nonchalant oder mutig wirst entgegnen müssen. Wer den Auftritt gut hinkriegt, der muss sich um den Rest nicht viele Sorgen machen. Gelingt dir das nicht recht, so bist du sehr schnell in einer schlechteren Position, als wärst du ganz zuhause geblieben und wirst die erstbeste Gelegenheit nutzen wollen, dich aus dem Staub zu machen. Dein Tag heute war aber zufriedenstellend, du stehst guten Mutes da und erwartest die tägliche Initiation. Dennoch gilt es, nachdem die Schwelle der ersten Prüfung überwunden und der übliche Platz im Inneren der Gruppe eingenommen ist, diesen auch zu halten. Die Wachsamkeit untereinander müsste sich in der Beschreibung widerspiegeln, die seitwärts schielenden Augen, die prüfen, wie die verwegene Replik gelandet ist, die versichernden Rücksichten, die der Sieger eines kleinen Stockgefechtes unternimmt, um sicherzugehen, dass der Unterlegene sich in sein Schicksal fügt, um sicherzustellen, dass der Unterlegene dies Spiel ebenfalls für beendet ansieht, um sicherzugehen, dass dir über den Moment hinaus selbst aus deinen großartigen Siegergebärden kein Nachteil entstehen wird, du nicht unversehens in ein Hintertreffen gerätst.

(…)

 

 

 

 

Auf Wunsch erhalten Sie den gesamten Text. Bitte schreiben Sie an contact (at) henningbochert (dot) de.

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