Presse Übersee

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(FAZ v. Samstag, 06.03.04)

Sag zum Abschied lauthals Servus


Der Mann im Trenchcoat ist sauer, hat die Schultern hoch- und die Mundwinkel herabgezogen, bis es jählings aus ihm herausbricht: "Man muss doch nicht aus allem ein Drama machen!" Das muß man wirklich nicht. Aber man kann es, besonders wenn man eine Bühne unterstützen will, die zum Sommer geschlossen wird. Wie zum Beispiel Ralf N. Höhfeld mit dem Dramolettchen "Mein letzter Sexfilm meine letzte Puppe meine letzte Zigarette", einer bizarren Miniatur Über drei fremde Menschen, die per Inserat zusammentreffen, um sich mit vereinten Kräften leichter von etwas trennen zu können: die Frau von ihrem Beruf als Pornodiva; der erste Mann von seinem Puppenfetischismus; der zweite einfach von den Zigaretten.

    Das Schauspiel Leipzig hat acht jüngere Autoren eingeladen, sich mit dem Thema "Abschied" zu beschäftigen. Die Beiträge fielen so unterschiedlich aus wie es ihre Verfasser erwarten ließen: Hennig Bochert, Händl Klaus, Ralf N. Höhfeld, Ulrich Hub, Claudia Klischat, Ingrid Lausund, Falk Richter und Ulrike Syha. Die tiefere Ursache ihrer acht amüsanten Petitessen, uraufgeführt unter dem Obertitel "Lebt wohl! Und danke für den Fisch" im winzigen Theaterchen "Horch und Guck", ist hingegen weniger lustig. Denn das Schauspiel Leipzig, dem sein Intendant Wolfgang Engel ein verzweifelt strenger Kameralist ist, vermag unter den verschärften finanzpolitischen Bedingungen das "Horch und Guck" mit seinen sechzig Sitzplätzen nicht länger zu tragen. Um das stetig schrumpfende Budget einzuhalten und das Niveau an den drei anderen Spielorten trotzdem nicht unter die künstlerische Schmerzgrenze zu drücken, hat Engel die kleinste Bühne geopfert. Zu Beginn seiner Amtszeit im Herbst 1995 hatte er das schon zu DDR-Zeiten bestehende "Theater hinterm Tresen" als "Horch und Guck", wie einst das Ministerium für Staatssicherheit genannt wurde, neu eröffnet – durch seine Inszenierung von Peter Handkes "Wunschlosem Unglück".

    Mit einer kurzweiligen Aufführung zum langen Abschied beendet es nun der Regisseur und dessen letzter Leiter Ulrich Hüni. Er zeigt geschickt alles, was im niedrigen, kellertheaterhaften Eck zwischen dem Foyer des Großen Hauses und dem Seiteneingang möglich ist. Am Anfang schleppt Jörg Malchow als Hausmeister von der traurigen Gestalt Theaterfotos aus den Vitrinen, die sich an der Außenwand zur Straße hinwölben. Dank des entfernten Blickschutzes können die Passanten nun über die Köpfe des Publikums die Darsteller betrachten, die sich wie Schaufensterpuppen — ohne Preisschilder – fühlen müssen. Später dreht Hüni die Situation um und macht für Henning Bocherts "Übersee" die Passanten zu Statisten. Gespielt wird da nämlich draußen, während das Publikum aus dem dunklen Inneren die Akteure durch die Glasscheiben beobachtet, die zufälligen Fußgänger, Radfahrer und auch den Jungen, der Reklamezettel an Autotüren klemmt. Ein bisschen weiter weg sieht man die Mieter in einem Plattenbau, der wie direkt aus Bocherts Stück über ein ödes Grenzkaff zu kommen scheint, aus dem man sich nur durch Flucht oder Suizid retten kann: Abschied als Ultima ratio.

    Obwohl Scheiden weh tut, sind die Texte vorwiegend absurd bis burlesk gestimmt, versuchen das Ende von etwas mit dem Lachen über alles zu überwinden, egal, ob die Figuren die Provinz beschwären oder den Kosmos. Wie im "Neuen Nachbarn" von Klaus Händl, der einen Mann auf dem Mars ansiedelt. Ulrich Hüni verlegt ihn jedoch in eine Nervenheilanstalt, wo er sich an ein Infusionsgestell klammert und wie ein aufrichtig verrückter Simpel wirkt. Oder wie in Ingrid Lausunds "Schwank vom höflichen Leben", in dem eine Frau, die zuvor "407 Millionen Jahre zufrieden existenzlos durch das All" geschwebt war, plötzlich als Mensch auf die Erde gerät. Die frische Haut, in der sie dadurch steckt, bleibt ihr allerdings fremd. Also verabschiedet sie sich per Selbstmord – oder per Übertritt in eine andere Existenzform, die sie besser kennt als das irdische Wirrsal mit Tariferhöhungen, Subventionskürzungen, Theatergründungen, Theaterschließungen?

    Das ewige Kommen und Gehen ereignet sich quer durch den ganzen Raum, den Ricarda Döring und Bianca Zausch mit Umzugskartons, Abdeckfolien, halb gestrichenen Wänden, Tellern auf dem komplett mittels Zeitungspapier geschützten Boden als akute Aufbruchszone präpariert haben. Auch die drei Schauspieler Melika Foroutan, Andreas Keller und Michael Schrodt befinden sich in steter Mobilität und tauschen flugs die rund zwanzig Rollen, acht Geschichten, mannigfachen Konstellationen aus. Ulrich Hüni ist ihnen ein phantasievoller Cicerone, der froh und munter allerlei Fortbewegungsarten, Stilrichtungen, Regiesprachen beherrscht. Frei nach Douglas Adams, von dem der Titel der Aufführung geliehen ist, reisen sie nicht per Anhalter, sondern per Garderoben- und Gestuswechsel durch die Galaxis dieser Abschiedssymphonie. Sie lösen sich in "Gestern" von Claudia Klischat als locker inzestuöse Geschwister von der alkoholsüchtigen Mutter und erfahren schmerzhaft den Verlust der Kindheit. Oder streiten in Ulrich Hubs "Was mache ich hier eigentlich?" völlig abgehoben über einen nicht näher bezeichneten Vorgang, bis es irgendwie anzüglich klingt. Dabei bilden ihre riesigen Kostüme ein Spiegelei, ein Brötchen, eine künstlerisch wertvolle Tomatensuppendose: Henkersmahlzeit mit schwarzem Humor.

    Ein sarkastischer Kommentar zu Werden und Vergehen ist ebenfalls "The king survived the war, the pig didn't" von Ulrike Syha. Bei einer Schweineschau läuft das siegreiche Tier vor ein Auto, worauf die menschlichen Doubles von Elvis Presley, Arnold Schwarzenegger und Marilyn Monroe um ihre Gage bangen, weil die Abschlussfeier, für die sie engagiert wurden, abgesagt wird.

    Wie das Phänomen Trennung durch beherzte Repetition seinen Schrecken verlieren kann, demonstriert ganz leicht und heiter Falk Richter in "Kein Abschied, niemals! (o my baby don't cry)". Zwei Männer und eine Frau planen jede Nacht, dass einer von ihnen die gemeinsame Wohnung verlassen muss, und vereinbaren dann jeden Tag niemals weg-, niemals auseinander zu gehen. Das vor allem werden wir uns merken.

IRENE BAZINGER

 

(Leipziger Volkszeitung vom Samstag, 6. März 2004)

So geht man über den Jordan: Jung, frech, neugierig


Der Abschied hat begonnen und sieht aus wie immer. Zeitungspapier bedeckt den Boden im Horch und Guck. Die Maler können nicht weit sein. Irgend jemand hat Flaschen und benutztes Geschirr stehen lassen. Umzugskisten warten auf letzte Dinge. Chaos as usual. Die Tatsache, dass es sich hier nicht um einen Auszug handelt, sondern um ein Begräbnis, ist nur akustisch wahrnehmbar: Chopins Trauermarsch dringt beim Einlass aus den Lautsprechern. Vielleicht holen die Maler gerade ihre schwarzen Anzüge.
Sagen wir's gleich: Es ist ein Begräbnis erster Klasse, mit dem das Horch und Guck, die kleinste der vier Spielstätten des Leipziger Schauspiels, seine Abschiedsmonate einläutet. Spielstättenleiter Ulrich Hüni (Regie) und seine Mannschaft nutzten ihre letzte Premiere für ein bittersüßes Bye bye in eigener Sache. Acht Stückchen aus der Feder junger deutschsprachiger Dramatiker. Alle handeln von Abschieden – wobei man sich darunter kein dramatisiertes Winkewinke auf Raten vorzustellen hat. Jeder Abschied ist sein eigenes Drama, ganz egal, ob er sich im Äußeren oder Inneren vollzieht. Manchmal besteht er darin, dass jemand nie wirklich ankommt. Manchmal ist es ein Sterben.
Die kleinen und großen Tode, die in diesen zwei Stunden gestorben werden, sind weder Selbstbeweinungs-Spektakel noch Abrechnung. Das Horch und Guck hat sich selbst Reverenz erwiesen. Die eigene Arbeit, wie sie in den letzten Jahren durch alle künstlerischen Hochs und Tiefs entwickelt wurde, stellt sich noch einmal zur Schau: Neugierig, frech, kritisch, konventionsvergessen, jung, selbstverliebt, lebenshungrig und unverdrossen dem Zeitgeist und seinen Verrücktheiten auf der Spur, so geht man über den Jordan. Die Ansage ist deutlich: "Lebt wohl! Und danke für den Fisch." (Titel). Sie trifft auch die Mischung aus Ernst, Witz und Absurdität, in dem sich der Abend bewegt.
Viel Zeit für Wehmut bleibt nicht in diesem Szenen-Stakkato mit Pausen füllendem Tempoumziehen auf offener Bühne. Dazu ist alles viel zu turbulent. Trotzdem tut es weh. Ein bisschen geht es einem wie einst dem Kandidaten bei Rudi Carrell: Das wär' Ihr Preis gewesen, ruft das Horch und Guck dem Rest der Stadt samt Rathaus und Intendanz zu.
Auf der Bühne wird das Geschirr bald weg geräumt. Die vier Darsteller treten in Aktion. Im ersten, ziemlich sperrigen Stückchen – "Gestern" von Claudia Klischat – spielen Melika Foroutan und Michael Schrodt ein Geschwisterpaar, das sich in der eigenen Existenz verirrt hat. Mit Anfang 20 haben Jo und Johanna, in angedeutet inzestuöser Liebe verbunden, mehr beunruhigende Bilder und Lebensfetzen in sich, als sie verdauen können. Mutter ist nur noch "Rettum", ein Fall zum Rückwärtslesen. Jo, der Soldat, hat Krieg im Kopf. Die beiden verlieren sich in Orientierungslosigkeit.
Szenenwechsel: Hektisches Umziehen. Perückenstress. Das zweite Szenario – "The king survived the war, the pig didn't" von Ulrike Syha – ist eine farcenhafte Show-Bizz-Groteske über das Ende der Authentizität. Drei Doubles treffen sich bei einer Preisschwein-Prämierung (Gegrunze aus dem Off) in der Garderobe: Zwei "Profis" (die obigen) und eine vom Arbeitsamt geschickte dick bebrillte, durch und durch ahnungslose Aushilfe (Andreas Keller). Gleich sollen sie Arnie, Elvis und Winona Ryder sein. Über den Gräben der Selbstvermarktung im Dienst totaler Unterhaltung geraten sie aneinander. Der Streit endet mit Gebrüll, Türenknallen und tödlichem Verkehrsunfall.
So rollt der Abend schwungvoll an und bleibt in Fahrt. Die Minidramen sind hintersinnig, schräg, komisch, oft alles zusammen. Zum Beispiel "Mein letzter Sexfilm meine letzte Puppe meine letzte Zigarette" von Ralf N. Höhfeld, in dem drei anonyme Bekenner Abschied nehmen von mehr oder weniger existenziellen Lebensinhalten. Oder der WG-Rauswurf-Disput "Kein Abschied, niemals!" von Falk Richter, in dem das gesprochene, mit allen Wassern nassforscher Begriffshuberei gewaschene Wort über das nackte Schweigen herfällt, bis am Schluss wieder alles ganz anders wird.
Die Schauspieler müssen Spaß haben an dieser Theatersause. Sie spielen, wenn sie nicht gerade Hosen durch den Raum fetzen, gut, oft wunderbar. Der vierte Mann im Quartett heißt Jörg Malchow. Er ist der Anti-Pausenclown mit den Arbeitshandschuhen in der Gesäßtasche. Als Hausmeister vom Dienst stiefelt er verlegen und stumm durch die Kulisse, während sich die anderen abstrampeln. Alle Stücke sind Uraufführungen. Nicht alle werden das Horch und Guck überleben. Doch sind sie Teil eines engagierten und opulenten Finales. Bis in den Sommer hinein ist es zu sehen. Begräbnisse können dauern.

Ralph Gambihler
 

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