Presse AM BODEN

Düsseldorfer Schauspielhaus


2027_sth1_amboden_001_stroux_fotosebastianhoppeFoto: Sebastian Hoppe

Ulf Goerkes Inszenierung von George Brants AM BODEN mit Louisa Stroux erntet nach der Premiere positive Besprechungen.

Annette Bosetti schreibt in der Rheinischen Post ein Loblied auf die Arbeit.

In der WZ schreibt Lars Wallerang eine überaus positive Kritik zu der Inszenierung.

Landestheater Tübingen


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Schwäbisches Tagblatt

(5. Dezember 2015, von Peter Ertle)

Bespielte Grauzonen

Die Drohne fliegt jetzt auch auf die LTT-Bühne – Laura Sauer als Pilotin „Am Boden“

Tübingen. Das ist schon raffiniert und realitätsnah: Da geht es in George Brants Stück „Am Boden“ letztlich um den Zwiespalt und die Traumatisierung einer Drohnenpilotin. Doch als erster und lange andauernder Zwiespalt stellt sich die Degradierung von der Kampfjetpilotin zur Joystickbedienerin heraus. Erst Kämpfernatur in der Bläue des Himmels, unter Einsatz des eigenen Lebens, als alleinige Beherrscherin ihres Jets. Dann am Boden im Schichtdienst am Bildschirm – wo sie nur ins Grau blickt, wo sich manchmal tagelang nichts tut in diesem Wüstengraubraun – diesen Konflikt stellt uns Brant, stellt uns Laura Sauer als LTT-Solo-Pilotin als erstes dar.

Noch zum Schluss wissen wir nicht, ob bei ihr jemals eine Reflexion über die Schrecken des eigenen Tuns eingesetzt hat. Oder ob es ein einfacher emotionaler Reflex war, der sie schließlich scheitern ließ. Und die ständige Anwesenheit einer unheimlichen Nähe – das ist nämlich auch so ein schöner Aspekt dieses Stücks: Es zeigt, dass die einerseits viel größere Distanz zum Kriegsgeschehen via Kamerazoom eine viel größere Intimität entstehen lässt als es vom Kampfjet aus möglich ist. Plötzlich sieht man Gesichter, sieht Körperteile herumfliegen. Regisseur Tobias Bernhardt hat einen Pilotenstuhl besorgt – naja, einen, der dafür gelten kann – und taucht den Hintergrund in wechselndes Licht. Mehr ist nicht vonnöten, den Rest besorgt Laura Sauer. Das Hauptproblem ihrer Pilotin wird bald die Monotonie des Nichts – Nichts – Nichts – Nichts, eine Minute lang, mit endlosen Pausen dazwischen kommen nur diese Worte. Vor dem Hintergrund dieser Ödnis muss man die Euphorie der Kampfeinsätze verstehen, die Freude, mit der das einschießende Adrenalin begrüßt wird. Der Rest ist selbtsberuhigende Ideologie: „Schuldig“ ist hier eines der häufigsten Worte: Wo früher Gottes Auge gemalt wurde, oben am Himmel, sitzt jetzt das Auge der Drohne – auch dieses Auge gehört einem obersten Richter.

Es gibt allerdings, das weiß die Pilotin da noch nicht, immer noch ein weiter oben oder woanders sitzendes Auge. Nicht nur im Casino, dem Arbeitsplatz ihres Mannes, nicht nur auf dem Spielplatz, wo sie als Mutter mit Tochter Sam unterwegs ist und dort natürlich für beide auf nicht schuldig plädiert. Nein, es gibt auch die Observation der Observation, als dem Team der Pilotin auffällt, dass die psychisch etwas labil wird.

Laura Sauer versteht es gerade, jene (in diesem Stück muss man es so nennen): „Grauzonen“ zu bespielen, in denen die Pilotin vom Mix aus Gewalt und Ödnis angegriffen wird, nach außen hin aber umso trotziger auftritt. Wir aber sehen die Saat des Zweifels aufgehen, dieses feine Rieseln hinter ihrer Stirn, wie gesagt keine Reflexionsleistung, eher etwas unbewusstes, körperliches, ein Riss, der sich auftut. Und dessen fortschreitendes Aufreißen der Zuschauer neugierig verfolgt. Der Lehrstückschluss, in der eine vom Saulus zum Paulus gewandelte Pilotin plötzlich den Zuschauern den Spiegel vorhält – wirkt zwar sehr befreiend, aber auch wie zu einem anderen Stück gehörend, aufgepeppte Moral. Wir sagen mal: Hm.

Was bleibt: Eine Pilotin, auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Komisch, ganz nebenbei: Drohnen wurden vor allem nach 9/11 zum Kriegseinsatz herangezogen. Die Twin Towers sanken zum ground, wo heute ein Denkmal namens Ground Zero steht. Unter dem Originaltitel „Grounded“ hatte dieses Drohnen-Stück großen Erfolg. Wenn da mal nicht ein unterbewusster Konnex im Spiel ist.

Unterm Strich

Sehr realistisches Psychodrama einer an die effektivste Waffe der Gegenwart – eine Drohne – versetzte ehemalige Kampfjetpilotin. Das aktuelle Stück zum Thema Drohne schlechthin.

Reutlinger General-Anzeiger

(5. Dezember 2015, von Heiko Rehmann)

Ferner Krieg ganz nah

Theater – Einpersonenstück »Am Boden« im LTT

»Ich hatte ihn nie ausziehen wollen. Den hatte ich mir verdient.« Laura Sauer steht am Donnerstag auf der oberen Bühne des LTT. Tough. Zackig. Wie man es von einer Soldatin erwarten kann. Von einer Frau, die tötet und liebt. Ihren Kampfanzug. Ihr Flugzeug. Das Blau des Himmels. Der US-Autor George Brant beschreibt in seinem Einakter »Am Boden«, den modernen Krieg und was er mit den Beteiligten macht. Der rund einstündige Monolog ist im Telegrammstil geschrieben. In einer Sprache, die so gnadenlos ist wie die Kriege, die Amerika in aller Welt führt. »Den meisten Typen passt nicht, was ich mache. Sie fühlen sich weniger als Mann in meiner Nähe.«

Doch dann kommt Erik. So plötzlich ohne Vorwarnung wie die Geschosse, die die Pilotin auf ihre Gegner feuert. »Er küsst mich. Wir ficken. Ist ganz ok.« Und damit ändert sich alles. »Ich nehme zu.« Für einen Augenblick erlebt diese realitätserfahrene Frau einen Anfall von Naivität: »Ich versuche weniger zu essen.« Als sie schließlich bereit ist, die neue Situation zu akzeptieren, passiert, womit sie am wenigsten rechnet: Erik kommt zu ihr, statt davonzulaufen. »Wir ficken. Erik zieht ein. Wir sind zu dritt.«

Inszenierung und Bühnenbild von Tobias Bernhardt beschränken sich aufs Essenzielle: ein Pilotensessel, eine Leinwand, die in unterschiedlichen Farben die Gefühle der Protagonistin spiegelt. Laura Sauer steht auf der Bühne, breitbeinig, ein echter Kerl. Ihre Sätze schleudert sie ins Publikum. In Mimik, Gestik und Sprachduktus verkörpert sie eindrücklich die Schroffheit der Rolle. Diese Frau wird so schnell nichts umwerfen. Umso eindrucksvoller sind die kurzen Momente, in denen sie lächelt, in denen sie einen Anflug von Gefühl zeigt. Wenn sie mit ihrer Tochter Sam spielt. Wenn sie davon träumt, wieder zu fliegen.

Doch daraus wird nichts. In ihrer Babypause hat sich die Kriegsführung geändert. Jetzt sitzt sie in einem Militärstützpunkt, den Stick in der Hand, den Bildschirm vor Augen und steuert eine Drohne. Krieg als Computerspiel. Ab und zu zerstört sie per Knopfdruck ein feindliches Objekt, ein Leben, das sie nicht kennt. Sie wundert sich, dass ihre Knie zittern, obwohl sie keiner Gefahr mehr ausgesetzt ist. Am Anfang quält sie der Verlust der Freiheit über den Wolken. Dann verändert sich ihr Leben, langsam, unaufhaltsam. Tags starrt sie in das Grau des Monitors, nachts huscht sie zu ihrer schlafenden Tochter ins Zimmer.

Über Wochen verfolgt sie den »Propheten«, die Nummer zwei des Terrornetzwerkes. Die Realität am Bildschirm und ihre eigene überlagern sich. Das Auto des »Propheten« sieht aus wie ihres. Als ein Mädchen an sein Auto tritt, erkennt sie darin ihre Tochter, verweigert den Befehl zu feuern. Je weiter der Krieg entfernt ist, desto näher rückt er ihr, weil die Trennung vom realen Geschehen, die Teilnahmslosigkeit dieser Kriegsführung, paradoxerweise die innere Trennung aufhebt.

Wolfgang-Borchert-Theater Münster

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Alles Münster, 14.12.15

Töten aus der Distanz, das UAV macht’s möglich. UAV steht für „unmanned aerial vehicle“, zu deutsch: Unbemanntes Luftfahrzeug. Als verlängerter Arm einer jungen Kampfpilotin der US Airforce in dem hochaktuellen Monolog „Am Boden (Grounded)“ wird es mittelbar zum Protagonisten. In bedrückend direkter Weise hat Meinhard Zanger den Text nun auf die Bühne des Wolfgang-Borchert-Theaters gebracht. In der Hauptrolle: eine furiose Hannah Sieh, die ihrem Publikum über eineinhalb Stunden lang kaum Zeit zum Durchatmen lässt.

Was für ein Trip! Dass dieses Stück kein Spaziergang ist, wird gleich zu Beginn deutlich. Hannah Sieh, sitzend auf einer Bühnenkonstruktion, die halb an ein Gefängnis, halb an einen Container erinnert, beginnt zu erzählen. Sie ist stolze Pilotin und sie liebt es, im Kampfeinsatz zu sein. „Allein in der Leere“, beschreibt sie das Gefühl, das sie überkommt, sobald sie sich in ihrem „Tiger“ in die Lüfte schwingt. „Man ist das Blau.“ Die Schrecken des Krieges? Verklärt in der patriotischen Überzeugung, das Richtige zu tun. Es gibt die Guten und es gibt die Bösen. Sie steht selbstverständlich auf der Seite der Helden.

Es dauert jedoch nicht lange, dann ist dieses Kapitel ihres Lebens beendet. Die Pilotin wird schwanger, heiratet und wird künftig an der Steuerung einer unbemannten Drohne eingesetzt. […] Die Dinge geraten aus dem Ruder. […] Dies ist kein Computerspiel, es sind echte Menschen, deren herum fliegende Körperteile durch die Kamera noch zweifelsfrei zu erkennen sind. […]

In der punktgenauen Inszenierung von Meinhard Zanger, der[…] auch für Bühne und Kostüm verantwortlich zeichnet, erwacht der Monolog nun zum Leben. Gewehrsalvengleich feuert Hannah Sieh den Text über die Rampe, wechselt präzise von der Erzählebene in die von der Figur zur Sekunde erlebten Realität. […] Je mehr sie sich bemüht, die Struktur ihrer Routine zu halten, desto stärker verschwimmt ihre Wahrnehmung, desto mehr verschwindet auch die Distanz zum eigentlichen weit entfernten Kriegsgebiet. Maßgeblicher Aspekt in der Inszenierung ist auch die Lichtregie, bereichert durch Videoeinspielungen von Alexander Ourth. Ein eigenes fürs Borchert Theater entwickeltes digitales Modell der Drohne sowie Kamerabilder, die die Perspektive der Pilotin auf einige Bühnenelemente und die Rückwand zaubern, schaffen im abstrakten Raum klare Verortungen.

Nach eineinhalb Stunden Erstaunen im Saal: Die Zeit verging wie im Fluge. Eine grandiose Inszenierung, die zeigt wie tief berührend hoch politisches Theater sein kann. […]

Westfälische Nachrichten, 11.12.15

Sie war so stolz auf ihren Job. Durch das Blau fliegen, Ziele anvisieren, der Gefahr feindlicher Abwehr ausweichen, als Frau im F 16 ein ganzer Kerl sein. Doch jetzt, nachdem sie einen Mann gefunden und ein Kind geboren hat, darf sie nicht wieder ins Flugzeug zurück. Denn die Kriegszeiten haben sich geändert, und nun sitzt sie […] vor einem Monitor mit der Hand am Joystick, steuert eine Drohne und zerstört per Knopfdruck Fahrzeuge und Menschen in einem fernen Erdteil.

„Am Boden“ (Grounded) ist ein Solostück des Amerikaners George Brant, das genau in die aktuelle politische Lage passt. Denn die Pilotin […] erleidet beim distanzierten Töten im Team einen größeren psychischen Schaden, als wäre sie direkt mit dem Kampfflugzeug unterwegs. Ihre Autofahrten durch die Wüste bei Las Vegas und das Bild ihrer kleinen Tochter vermischen sich schließlich mit den Bildern auf dem Monitor: Sie glaubt, ihr eigenes Kind abzuschießen. […] Im Zentrum steht die Psyche der Pilotin: wie sie zunächst auf rustikale Art mit sich im Reinen ist und durch den Krieg vom Bürosessel aus zerbricht.

Meinhard Zanger hat das als Regisseur und Ausstatter mit den Videos von Alexander Ourth auf fantasievolle Weise ins Bild gesetzt: ein Gerüst, eine Zielvorrichtung, ein Käfig beherbergt und beherrscht die Heldin. Deren Textfluten hat sich Darstellerin Hannah Sieh in einer Weis angeeignet, die man gar nicht genug bestaunen kann: Ihr zeitweiliges Maschinengewehr-Stakkato kann schlagartig zu den zartesten Tönen wechseln, wenn es um die Familie geht – und wenn sie vom Bürostuhl aus auf den imaginären Monitor den einäugigen Propheten verfolgt, den es zu töten gilt, ist das mindestens so aufregend wie in jenen Filmen, die Hollywood den Kriegstreibern entgegensetzt. Grandios.

Die Glocke, 12.12.15

Die mörderische Technik, die sie bedient, wird nicht gezeigt. Wenn die Drohnen-Pilotin (Hannah Sieh) vom Bürostuhl aus auf den imaginären Bildschirm starrt und die eine Bewegung mit dem Joystick macht, stirbt 8000 Meilen entfernt der Feind. […] Bis der Schuss nach hinten losgeht.

Sie ist die Göttin der Lüfte. Bevor die Soldatin der US Air Force – schwanger – zum Dienst am Boden verdonnert wird, ergeht sie sich in leidenschaftlichen, derben Tiraden über Kampf und Sieg. […] Mit Ehemann und Kind sieht die Welt anders aus. […] Ein Wechsel der Realitäten, der ihr immer mehr zu schaffen macht und der zum psychischen Zusammenbruch führt. Diagnose: posttraumatische Belastungsstörung, bei Soldaten nicht unüblich. […]

Hannah Sieh […] brilliert in der Rolle der Drohnen-Pilotin ohne Namen. […] Sie spielt hochkonzentriert in einem Bühnenbild, das wie eine Gefängniszelle anmutet. Außer einem Bürostuhl hat sie keine Requisiten. Ein Übriges tut die Musik, die immer wieder kurz eingespielt wird. Die Videos und Bilder, die auf der Bühne eingeblendet werden, dürften dem Fernsehzuschauer bekannt vorkommen: Menschen stehen in Gruppen – vermutlich in Afghanistan – im Fadenkreuz einer Drohne, die über ihnen kreist. Parallel dazu verschwimmt vor den Augen der jungen Frau die Realität. […]

Theater Orchester Biel Solothurn

TOBS. Sabine BurgerGrechner Tagblatt, 18.09.16

Vorweg: Atina Tabé zeigt als No-Name-Kampfpilotin im Einpersonenstück «Am Boden» (Grounded, Erstaufführung 2013) von George Brant eine ausgezeichnete schauspielerische Leistung: kraftvoll, subtil, immer authentisch.

Sie geht so weit, dass man ihren empathischen Ehemann Eric, ihre niedliche Tochter Samantha, den etwas verschlagenen Vorgesetzten vor sich zu sehen meint, obwohl Atina Tabé nur von ihnen erzählt. Und man sieht das Blau des Himmels, das Grau des Bildschirms, spürt Mitleid, fühlt Betroffenheit, wird unbeantwortete Fragen nicht los: Achtzig Minuten hervorragendes, spannendes Theater – zu einem leider aktuellen Thema.

Töten vom Container aus

Die Frau ist Kampfpilotin mit Leib und Seele. Sie liebt ihr Flugzeug, die Beschleunigung, den Umgang mit «ihren Jungs», schreckt vor einer derben Sprache, aber auch vor einer poetischen Überhöhung ihres Tuns nicht zurück: «Man ist das Blau des Himmels, allein in der Leere.» Dass sie im Einsatz auf der Erde einiges «zur Wüste» macht, scheint eher Nebensache, ist zu weit weg.

Aber sie ist sich bewusst, dass sie jederzeit abgeschossen werden kann. Eric, ihr verständnisvoller Mann, kann «den Himmel in ihr spüren» – mit der Folge, dass die Pilotin schwanger wird und ihre Karriere am Himmel beenden muss. Sie wird zu der von ihr verachteten «Chairforce», zu den «Sesselfurzern» versetzt, lernt das Fliegen «mit dem Arsch auf der Erde»: Sie bedient im Team eine hochkomplexe Kampfdrohne über Pakistan – von einem klimatisierten Container in der Wüste Amerikas aus, Tausende von Kilometern vom Zielort, aber nur 1,2 Sekunden vom Befehl bis zur Ausführung entfernt.

Das Blau des Himmels ist dem Grau des Bildschirms gewichen, auf den in 12-Stunden-Schichten gestarrt wird.

Die Pilotin versucht, die Drohne als «Familiengeschenk» zu betrachten: Die Bedrohung durch den Tod ist verschwunden, nach der Arbeit kann sie ihre Familienidylle, «meinen Kitsch», geniessen. Die Pilotin jagt jetzt «Schuldige», durch das Zoom kann sie sie identifizieren; sie haben Gesichter, Beine, Arme.

Eine Nähe, die die Pilotin im Cockpit des Kampfjets nicht kannte. Jetzt ist sie das «Auge am Himmel», ist Gott. Das Grau aber bleibt nicht auf dem Bildschirm, sondern kriecht in ihr Herz. So wird bei der Verfolgung von «Nummer Zwei»* des Terrornetzwerks, des «Propheten», sein Auto zu ihrem. Zu Hause wird Samantha plötzlich grau, der Sex wird grau; die Pilotin sieht sich von oben, sieht sich überall überwacht.

«Am Boden» angekommen

Als der «Prophet» sein Auto schliesslich verlässt, wähnt sie sich euphorisch am Ziel und wartet auf den Befehl zum Abschuss. Doch sie meint in dem Kind auf dem Bildschirm, das der Prophet in den Armen hält, Samantha zu erkennen und kann den Befehl nicht ausführen.

Sie dreht die Drohne auf den Rücken, erhascht zum letzten Mal ein Stück blauen Himmel … Dann wird alles grau: Die Betonwände des Militärgefängnisses. Die namenlose Pilotin ist «am Boden» angekommen. Namenlos, da kein Einzelschicksal? Wann ist Krieg Krieg? Ist sie ein Kriegsopfer? «Wisset, Ihr seid nicht in Sicherheit», so ihre letzten Worte ins Publikum.

Stimme der Kritik, 18.09.16

Eine leere Bühne. Darauf eine Art Fliegersitz. Sonst nichts. Eine ehrliche, aber auch grausame Anlage fürs Theater. (Bühne: Marco Brehme.) Kein Requisit kommt dem Spiel zuhilfe. Auch kein Partner. Während ihres Monologs, der gute Fünfviertelstunden dauert, ist die Darstellerin dem Zuschauerauge schutzlos preisgegeben. Auf der Bühne steht eine junge Frau, deren Ehrgeiz grösser ist als ihr Können. Man erkennt bald, dass sie keine grosse Karriere machen wird. Aber sie lässt sich nicht unterkriegen. Sie kämpft sich nach oben bis zu mittlerem Rang.

Atina Tabé ist diese junge Frau. Sie spielt eine Pilotin, deren Ehrgeiz grösser ist als ihr Können. Aber sie lässt sich nicht unterkriegen. Sie beisst sich durch. Weil sie nach oben kommen will, hält sich aufs strikteste an die Befehle, die von oben kommen. Das macht sie zur guten Soldatin. Ohne nach links und rechts zu schauen, nimmt sie alle Selektionshürden: „Gring abe u seckle!“ Daneben intrigiert sie nicht und schleimt nicht. Sie ist ein Muster an Pflichterfüllung. Aber sie schöpft nicht aus dem vollen. Sie hat keine Begabungsreserven.

Die Verbissenheit, in der ihre Stärke liegt, macht sie also auch beschränkt. Und die Beschränktheit wiederum macht sie zum Spielball dessen, was ihr zustösst. Nicht sie bestimmt über ihr Leben, sondern die andern. In diesem Punkt gleicht die ehrgeizige Majorin der U.S. Air Force dem unterwürfigen Hilfssoldaten Woyzeck. Beide sind Ausgelieferte – und damit Verlorene.

So im Stück. Aber nicht im Theater. Da wird der Zuschauer zum Zeugen eines Wunders. Eines Besetzungswunders. Atina Tabé, der man Maria Stuart nicht zutrauen möchte, und auch nicht Hedda Gabler, spielt jetzt die Rolle ihres Lebens, als wäre ihr die Figur der Pilotin auf den Leib geschrieben worden. Das Eigenste der jungen Frau wird zum Eigensten der Figur. Rolle und Darstellung fallen in eins. Und nichts fehlt. Nichts stört. Nichts irritiert. Pures Theaterglück.

Der Erfolg trägt – kann es denn anders sein? – die Handschrift von Katharina Rupp. Man merkt es an der Sorgfalt, mit der Atina Tabé geführt wird. Die Gebärden, die Gänge, die Gestaltung des über einstündigen Monologs haben die Stimmigkeit einer mozartschen Partitur. Kein Ton zuviel. Kein Ton zuwenig. Alles aufs akkurateste gesetzt. Wieder einmal bestätigt sich die exzeptionelle Sensibilität der Solothurner Schauspiel­direktorin fürs künstlerisch Richtige.

Das zeigt auch der subtile Einsatz von Klängen und Videoprojektionen (Florian Barth). Kein Gefuchtel. Kein Gezappel. Kein Trash. Sondern, durch die ganze Aufführung hindurch, mit Bedacht gesetzte Zeichen, die das Gesagte weiterführen, unterstützen, deuten.

Unter diesen Bedingungen kann es sich ereignen (und hier ereignet es sich), dass nicht nur die Figur lebendig wird, die spricht. Auch die abwesenden Figuren, über die bloss berichtet wird, bekommen Profil, Charakter, Eindringlichkeit. Am packendsten der Ehemann der Pilotin (mit Gold nicht aufzuwiegen) und die unschuldige kleine Tochter, die nolens volens die Katastrophe verursacht, in die das Stück führt. Damit hat George Brant eine dramaturgische Verstrickung geknüpft, die ihn auf eine Stufe hebt mit den Altmeistern Ibsen und Zola.

Die Alten sagten, damit ein literarischer (und szenischer) Erfolg zustandekomme, müsse uns ein Werk fesseln, geistig weiterbringen und emotional bewegen: delectare, docere, movere. Das gelingt George Brant mit der Wahl des Sujets, also der Geschichte einer Drohnenpilotin in der Wüste Nevadas, die sich Gott gleich fühlt, sobald sie in ihrem klimatisierten Container mit ferngesteuertem Kriegsgerät den „Propheten“, das heisst die Nummer zwei einer gegnerischen Organisation, in der irakischen Wüste verfolgt, um ihn, sobald er aus dem Auto steigt und einwandfrei identifiziert werden kann, auszulöschen. Von dieser Verfolgungsjagd wird das Publikum gefesselt und mitgerissen (delectare).

Die Beschreibung des elektronischen Tötens, mit dessen Organisation sich die meisten Besucher nicht einmal zwanzig Minuten lang abgegeben haben, macht nun den Theaterbesuch zur Informationsquelle und damit zum Mittel der Aufklärung (docere). Gleichzeitig erfüllt George Brant mit seinem exakt geschriebenen Stück die Forderung der Erfolgsautorin Rebecca Solnit. In ihrem am 13. September geposteten Leitfaden „How to be a writer“ steht unter Punkt 7: „Niemand wird dir etwas glauben, wenn du falsche Fakten bringst. Egal, womit du dich befasst, du bist verpflichtet, faktentreu zu schreiben.“

Mit dieser Faktentreue in „Grounded“ rückt uns die Zeitgeschichte, ach was: die Gegenwart so unheimlich nah auf die Pelle, dass unser träges Denken und Fühlen in Bewegung gesetzt wird (movere). Und nach der Aufführung sehen wir die Welt mit neuen Augen. Das beweist: Gutes Theater kommt nur zustande, wenn der Autor ein Anliegen hat. Nochmals Rebecca Solnit: „Finde ein Anliegen. Talent wird überschätzt. Das Schreiben fängt mit einer Leidenschaft an, noch bevor es mit Wörtern anfängt.“

An der Schweizer Erstaufführung von „Am Boden (Grounded)“ kommt also zur Entfaltung, was sich die frühere Schauspiel­chefin von Bern, Stephanie Gräve, am 3. Oktober 2015 in ihrem Arbeitsjournal gewünscht hat: „Das Theater als Akupunktur an der Gesellschaft. Mit einer feinen Nadel pieksen wir an der richtigen Stelle und setzen einen Denkprozess in Gang, der – hoffentlich – zur Besserung führt.“ Bei Theater Orchester Biel Solothurn wird dieser Wunsch glanzvoll und beeindruckend realisiert.

Der Bund, 16.09.16

Krieg per Knopfdruck
Das Stück «Am Boden (Grounded)» handelt vom Realitätsverlust einer Drohnenpilotin. In der Schweizer Erstaufführung am Theater Biel-Solothurn wirkt das wenig glaubwürdig.

Jetzt kann man sich endlich vorstellen, wie das ist: wenn Krieg ist und keiner hingeht. Drohnen machen es möglich. Ein Knopfdruck, und alles explodiert, während sich der Verursacher selbst weit weg von der Gefahrenzone, wenn nicht sogar auf einem anderen Kontinent befindet. Der Akt des Tötens geschieht für ihn rein virtuell, die bittere Realität muss er nicht miterleben.

Was macht das mit einem Menschen? Um diese Frage dreht sich «Am Boden (Grounded)» des Amerikaners George Brant, der im angelsächsischen Raum mit dem Stück bereits mehrere Preise gewonnen hat. Es handelt von einer jungen Kampfpilotin, die wegen einer Schwangerschaft in einen Bunker in die Wüste Nevadas versetzt wird. Fliegen soll sie immer noch, nur jetzt eben Drohnen über Afghanistan. Ein Szenario, das auf wahren Begebenheiten beruhen könnte, befahl US-Präsident Barack Obama doch zahlreiche Drohneneinsätze im Mittleren Osten, alle im Kampf gegen den Terrorismus.

Wie ein böser Traum

Nun befinden wir uns aber im Stadttheater Solothurn und nicht in Amerika; hier hat Schauspieldirektorin Katharina Rupp das Stück als Schweizer Erstaufführung auf die Bühne gebracht. Eine richtige Entscheidung? Ja, weil «Am Boden» eben nicht nur von neuen Formen der Kriegsführung handelt, sondern von einem Weltverlust im Allgemeinen. So entfaltet das Stück auch hierzulande seine Dringlichkeit. Denn wie sich die Protagonistin am Schluss verzweifelt an alles Echte klammert, während die Virtualität wie ein böser Traum ihre Sinne benebelt, kann nicht nur eine amerikanische Drohnenpilotin nachvollziehen.

Allerdings hilft diese Tatsache dem Stück auch nicht über seine Schwächen hinweg. Die Pilotin zum Beispiel, die einzige auftretende Figur, ist ein wandelndes Klischee. Wer sich zu Beginn über durchlässige Geschlechterrollen gefreut hat, wird enttäuscht: Hier werden sie lediglich umgedreht. Der Mann der Pilotin ist nun die Heulsuse, der Häusliche, der ihr Mixtapes bastelt und zur Tochter schaut, während sie am liebsten mit ihren männlichen Pilotenfreunden saufen geht und vulgär daherredet.

Rasen zu AC/DC

Kommt hinzu, dass man so gut wie nichts über die Motivation der Pilotin erfährt, Tötungsbefehle auszuführen. Sieht sie ihre Einsätze als Dienste fürs Vaterland, machen sie ihr sogar Spass? Oder ist sie einfach abgeklärt? Der Antrieb der Figur bleibt seltsam unbeleuchtet. Auch Regisseurin Rupp scheint sich nicht dafür zu interessieren, sondern kurbelt stattdessen die Spirale des Wahnsinns an: Lichtwechsel, Drohnenaufnahmen (Video: Florian Barth), Soundschnipsel. So gelingen Rupp ein paar starke Bilder, etwa als sich der Fliegersitz mit der Pilotin in die Höhe schraubt (Bühne und Kostüm: Marco Brehme) oder sie mit dem Auto zu AC/DC durch die Wüste rast. Fassbar wird dann sowohl ihre Sehnsucht nach Schwerelosigkeit wie auch ihr allmählicher Verlust von geistiger Bodenhaftung.

Beeindruckend ist auch die Leistung von Schauspielerin Atina Tabé im grauen Fliegeranzug, neunzig Minuten alleine einen Monolog zu stemmen und die Spannung dabei fast durchgehend zu halten. Allerdings wirkt sie als Pilotin zu wenig tough, als dass man ihr den Blutrausch abnehmen würde. Sie spielt die Rolle mit viel Feuer, aber wenig Nerven. Einer Charaktermischung, mit der sie im richtigen Leben kaum als Schützin zugelassen würde. Der Realitätsbezug, so scheint es, fehlt ironischerweise nicht nur der Drohnenpilotin im Stück, sondern auch der Inszenierung.

Kleines Theater Landshut

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Landshuter Zeitung, 24.10.16

Vom Blau ins Grau

„Am Boden“ mit Louisa Stroux im Kleinen Theater Landshut

„Thunderstruck“ von AC/DC tönt aus den Lautsprechern, während die junge Frau genießerisch lächelnd, schwelgend den Kopf in den Nacken legt. Sie fühlt sich selbst wie ein Rockstar. Im Hintergrund sind Kriegsbilder zu sehen: Die Frau ist Kampfpilotin aus Überzeugung. Ihren Anzug der US Air Force trägt sie voller Stolz. Wie es ist, im Krieg von hoch oben aus Geschosse abzuwerfen, in ihrem Tiger-Jet durch den blauen Himmel zu jagen mit dieser Macht und Freiheit, im Zusammenhalt des Teams, im entscheidenden Moment aber allein „im Blau“: Davon erzählt die Pilotin, und Louisa Stroux macht das für das Publikum über die Worte hinaus spürbar.

In George Brants „Am Boden“, das am Samstag im Kleinen Theater Premiere hatte, spielt sie diese Frau so stark, dass man mitlachen und mitweinen möchte. 75 Minuten lang trägt sie das Ein-Personen-Stück und schafft es, die Zuschauer zu berühren.

Dabei verspricht das Thema keine seichte Samstagabendunterhaltung. Diese Pilotin hadert mit sich und ihrem Leben, als die veränderte Kriegsführung ihre Arbeit und ihren Alltag aus den Fugen bringt: Nach einer Babypause fliegt sie nicht mehr in ihrer geliebten Tiger durch den Himmel, sondern sitzt in einem Container ohne Tageslicht am Bildschirm, nur virtuell verbunden mit einer Kampfdrohne. Vom Blau ins Grau. Von der Air Force zur Chair Force, zu den Sesselfurzern, wie sie sagt.

Es gibt durchaus einiges zu Lachen, die Hauptfigur verfügt über einen burschikosen Humor. Den braucht sie auch in ihrem tödlichen Männerjob. Daheim läuft alles gut mit Mann und Kind, im Container wird es schwieriger. Anfangs fühlt sie sich wie Gott, wenn sie aus der Entfernung per Joystick tötet. Doch auch mit Sarkasmus kann sie sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies ein Mörderjob ist. Dass andere per Ferndiagnose Todesurteile fällen. Dass das jeden treffen kann. Und während sie in der Tiger schon längst weitergeflogen war, als ihr Geschoss einschlug, kann sie ihre Opfer nun sehen. Das Drohnenauge bleibt unbarmherzig dran.

Um das darzustellen, genügen ein Stuhl und ein Mikro auf zwei fast bühnenbreiten Holzplatten als Spiel- und Projektionsfläche. Darauf ist im Hintergrund Wüstensand zu sehen, spielen sich Kriegsszenen ab, wird der Bauplan der Drohne eingespielt. Doch tagsüber Krieg im Schichtdienst und abends abschalten und das Kind ins Bett bringen, das funktioniert nicht. Schließlich ist sie außerstande, Beruf und Privatleben zu trennen. Der Pilotin kommen Zweifel. Sie hat Wahnvorstellungen, Verfolgungswahn.

Ulf Goerke inszenierte „Am Boden“ bereits als deutsche Erstaufführung am Düsseldorfer Schauspielhaus, nun in Landshut; jeweils mit Louisa Stroux. Ihr genügen kleine Gesten, ein feines Mienenspiel und ihre ausdrucksstarke Stimme, um die Veränderung zu zeigen, den Bruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Realität und Kriegsvirtualität. Großartig !

Das Stück geht so unter die Haut und rührt an einem brandaktuellen Thema, über das keiner gern nachdenkt. Ob deshalb so wenige Zuschauer in die Premiere gekommen waren? Schade, denn kaum sonst wo können diese Themen so dicht verhandelt werden und so nah kommen. Wer es am Samstag nicht geschafft hat, sollte das nachholen. Ein starker Theaterabend!

Katrin Filler

Schauspielhaus Bochum



Nachtkritik

Die Realität ist löslich

von Sascha Westphal

Bochum, 3. Dezember 2016. Das Bühnenbild, das Raimund Bauer für diesen Doppelabend über den Terror in der Welt und den nicht weniger terroristischen Krieg gegen ihn geschaffen hat, ist eigentlich ungeheuer simpel. Den glänzenden schwarzen Boden teilen grüne Leuchtstoffröhren in kleine Quadrate. An den Seitenwänden und der Hinterwand gehen die Röhren dann in grüne Fäden über, die auch einige Meter oberhalb der Spielfläche gespannt sind. Der ganze Raum wird damit zum Käfig, aus dem es praktisch kein Entkommen gibt. (…)

„Am Boden“: ins Grau der Wüste schießen

Während Akhtar [in DIE UNSICHTBARE HAND] erzählt, wie Geld zu Terror wird, der wiederum neue Geldquellen sprudeln lässt, konzentriert sich George Brant in seinem Monologstück „Am Boden“ ganz auf die Kämpfer*innen, die das US-Militär in seinen „War on Terror“ schickt. Bis zu ihrer Schwangerschaft war die von Sarah Grunert gespielte Kampfpilotin immer mitten im Kriegsgeschehen. Doch nun bekommt sie eine neue Aufgabe. Von einem Air-Force-Stützpunkt in Nevada aus soll sie eine Reaper-Drohne steuern. Nur kann das Grau der Monitorbilder aus der Wüste am anderen Ende der Welt kein Ersatz für das Blau des Himmels sein, das sie früher so berauscht hat.

Natürlich ergänzen sich die beiden Stücke thematisch. Doch reizvoll wird das Doppel durch eine eher unterschwellige Verbindung: Auch Brant löst eine realistische Situation Schritt für Schritt auf. Die Pilotin verliert an ihrem Bildschirm mehr und mehr den Kontakt zur Realität. Die ständige Überwachung und ein Krieg, der eben nicht mehr auf dem Schlachtfeld geführt wird, gebären paranoide Phantasien und Wahnvorstellungen – die Sarah Grunert allerdings nur ansatzweise mit Leben füllen kann. In der nicht einmal eine Stunde dauernden Inszenierung von „Am Boden“ muss sie von einem Gefühlszustand zum nächsten hetzen. Aus einem graduellen Prozess wird so ein plakatives Psychodrama, das die Fragen, die es aufwirft, viel zu schnell beantwortet.

Lokalkompass Bochum

Eindrucksvolle Doppelpremiere: „Die unsichtbare Hand“ und „Am Boden“ befassen sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Krieg gegen den Terror

In seiner letzten Spielzeit am Schauspielhaus bietet Intendant und Regisseur Anselm Weber dem Publikum etwas ganz Besonderes: Mit Ayad Akhtars „Die unsichtbare Hand“, das in Bochum als deutschsprachige Erstaufführung zu sehen ist, und George Brants „Am Boden“ präsentiert er direkt hintereinander zwei hochaktuelle Theaterstücke, die den Zusammenhang zwischen dem islamistischen Terror und dem US-geführten Krieg gegen ihn in den Blick nehmen.
(…) Heiko Raulin und Sarah Grunert überzeugen

Schauspielerisch weiß vor allem Heiko Raulin zu überzeugen. Dagegen überspannt Matthias Redlhammer bei seiner Darstellung des vorgeblich sanftmütigen Imams den Bogen ein ums andere Mal.
Die Bedrohung durch US-amerikanische Drohnen ist in „Die unsichtbare Hand“ stets gegenwärtig. Der US-Amerikaner George Brant lässt in seinem Stück „Am Boden“ eine Drohnenpilotin (Sarah Grunert) zu Wort kommen, die vom sicheren Las Vegas aus im Zwölf-Stunden-Schichtbetrieb gezielte Tötungen vornimmt. Die junge Frau hat ihre Karriere in einem Kampfflugzeug begonnen, in dem sie unter Lebensgefahr dem Kampf gegen den Terror gedient hat. Nach der Geburt ihrer Tochter ist ihr die Rückkehr in diese Position verwehrt und das Ausbleiben des mit dem Kampfeinsatz verbundenen Freiheitsrausches schmerzt sie sehr.
Hinter dem Steuerknüppel einer Kampfdrohne rückt ihr der Tötungsakt auf eine kaum mehr zu ertragende Weise nahe: Sie erkennt das ungefähre Alter und das Geschlecht der Zielpersonen und sieht in ihnen irgendwann Abbilder ihrer Tochter Samantha. Der Krieg lässt sich nicht mehr auf Abstand halten und infiltriert den Alltag.
Die ausdrucksstarke Sarah Grunert stellt hier einmal mehr ihre Klasse unter Beweis. Sie liefert mit ihrer Interpretation des Monologs „Am Boden“ ein sprachgewaltiges Gegenstück zu „Die unsichtbare Hand“.

Westfälischer Anzeiger

In den Kammerspielen des Schauspielhaus Bochum wird das Stück „Die unsichtbare Hand“ von Ayad Akhtar in Erstaufführung gespielt, deutsch von Barbara Christ. Und wer glaubt, dass Intendant Anselm Weber ein psychologisches Duell inszeniert, dass das alte Spielchen zwischen Geisel und Erpresser variiert, der verkennt die Kulturfrage, um die es letztlich in Akhtars Arbeiten geht. (…)

Das grollende Grundrauschen in den Kammerspielen ist schon die Klangkulisse des Drohnenkriegs (Osterhoff/Dosch), um den es exemplarisch dann im zweiten Stück geht. Anselm Weber dimmt die atmosphärische Angst herunter. Es bleibt aber das Koordinatensystem für George Brants Monolog „Am Boden“. Hier darf eine US-Pilotin nach der Geburt ihrer Tochter nicht zurück in den Kampfjet, sondern muss eine Viper-Drohne führen. Statt Mut, Schweiß und Grips zu beweisen, fühlt sie sich als „Sesselfurzer“. Brants Stück misst die Fallhöhe im Militärbetrieb der USA ab, und Sarah Grunert gibt eine taffe Soldatin, die selbstbeherrscht über ihre Erfahrungen spricht. Wie sie letztlich von dem „Grau“ der Monitorarbeit fern des Schlachtfelds derangiert wird, fesselt als spannender Bericht. „Bumm“ – der Realitätsverlust forciert Halluzinationen bei der Pilotin, die erkennt, dass sie permanent überwacht wird: beim Einkaufen, ihr Mann bei der Arbeit und vom Team im gekühlten Gefechtsstand nahe Las Vegas. Nur wer die allgegenwärtige Überwachung führt und ihr den Schiessbefehl gibt, dass weiß die Pilotin nicht. Sie tötet anonym. Und wen? Viel Applaus für beide Stücke.

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