Logbuch 3.3: AUS HARTEM HOLZ

Eine Geschichte, die über Jahrhunderte im Gebiet des heutigen US-Bundesstaates Maine und der angrenzenden heutigen kanadischen Provinz New Brunswick angesiedelt ist, muss nicht nur eine politische Geschichte widerspiegeln, sondern bildet notwendig auch eine Sprachgeschichte ab. Zunächst war das Gebiet von mehreren indianischen Stämmen besiedelt, von denen in Proulxs Buch die Miqmaq oder Mi’kmak (es gibt mehrere Schreibweisen) im Zentrum stehen. Zu ihrem Stamm gehört Mari, die bei Sels vorgesetztem oder Fronherrn eine gemischte Rolle als Dienerin und Geliebte oder Lebenspartnerin spielt (und rasch mit Sel verheiratet wird, als jener Trépagny eine Adelige aus Frankreich heiratet und in sein Waldschloss lockt – wo es ihr freilich mitnichten gefällt). Im späten 17. Jahrhundert, als die Geschichte beginnt, gehörte als Nouvelle France zu Frankreich, um dann von Süden her zunehmend anglifiziert und annektiert zu werden. Die Grenze war lange schwimmend (recht buchstäblich in ausgedehnten Sumpfgebieten), dann umkämpft zwischen Engländern und Franzosen; den Preis zahlten die Mi’kmak, deren Bevölkerung stark dezimiert wurde durch Arbeit, Krieg, Vertreibung und Krankheit. In Bildbänden der kanadischen Ureinwohner von vor hundert Jahren sind noch Fotos von immer heruntergekommen aussehenden Personen dieser Herkunft zu sehen, in Reservaten, schon am Ende ihrer Dezimierung. Auch die Benennung der Gebiete ist Geschichte. Die Halbinsel, die heute Nova Scotia heißt, hieß französisch zuerst Acadie und war strategisch wichtig für das absolutistische Frankreich. Proulx siedelt ihre Geschichte nicht nur im groben Grenzgebiet an, sondern präzise am Penobscot, einem Fluss mit großer, von tausend Inseln und Schären gesprenkelter Mündung, kaum 150 km von der Grenze zwischen Kanada und Neuengland in den USA. Der Name der Duquets selbst wird rasch zu Duke anglifiziert, sobald sich dies als im Geschäftsinteresse opportun erweist und der Firmensitz 380 km weiter südwestlich an der Küste nach Boston verlegt wird. Die eigene Identität wird je nach Bedarf auch über Landes- und Sprachgrenzen hinweg angepasst, wenn die Profitinteressen es erfordern. Diese Einstellung steht in krassem Gegensatz zu den in der nicht mehr so Neuen Welt ausgefochtenen Nationalkriegen, in die die kolonisierten Bevölkerungen hineingedungen oder –gezwungen werden. Eine Zeit, in der Weichen gestellt und Grenzen gefestigt werden, in der sich nicht nur Nationalstaaten, sondern auch persönliche Identitäten neu erfinden können, weil die Referenzrahmen sich auflösen und vieles mit roher Gewalt bestimmt wird – an der George Duquet/Duke auch zugrunde geht.

Im Übrigen beschränkt sich die Geschichte, um das schon vorwegzunehmen, nicht auf diese Weltregion und diese Sprachen. In einer erzählerisch wichtigen Volte im VII. Teil des Buchs werden die Handelstätigkeiten des Holzkonzerns auf Übersee nach Neuseeland ausgedehnt, wo sie – wie schon 150 Jahre zuvor – die angestammte Bevölkerung der Maori um das Holz der ihnen heiligen Kauri-Bäume bringen. Um die Parallelität der Angriffe auf die indigene Kultur durch die Engländer in Nordamerika und in Neuseeland zu veranschaulichen, lässt Proulx auf sprachlicher Ebene – wie schon zu Beginn des Buches – auch hier Maori-Fremdwörter aus den kulturell wichtigen Bereichen einfließen: Begriffe für Gebäude und Festlichkeiten, für Werkzeuge und Pflanzen. Und ganz am Schluss des Buchs, als sich auch noch ein deutschstämmiger Herr Breitsprecher in die Familiengeschichte eingeschrieben hat, reist dessen Sohn nach Brasilien, um hier den Urwald zu erforschen, und so fließen selbstredend auch Portugiesische Brocken in die Erzählung mit ein.

Foto: Pinterest

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