Kapuścińskis THE EMPEROR am Theater for a new audience in Brooklyn

Kathryn Hunter | Foto: H. Bochert

Das Theater for a new audience in Brooklyn zeigt eine wunderbare Kathryn Hunter in einer interessanten Bühnenadaption (Colin Teevan) von Ryszard Kapuścińskis THE EMPEROR (dt. Titel: „König der Könige. Eine Parabel der Macht“), einem Werk über Haile Selassie I., den letzten Kaiser Äthiopiens. Die Inszenierung von Walter Meierjohann beweist sicheres Stilbewusstsein und Gefühl für Rhythmus und das rechte Maß.

Das Stück lässt entsprechen dem Buch ehemalige Diener und Funktionäre im Palast des Kaisers über ihre Tätigkeiten und die Eigenheiten des Kaisers während seiner Amtszeit sprechen. Über den Kaiser, über Äthiopien, über den polnischen Journalisten Kapuściński oder über das Theater weiß ich nichts. Daher kann ich Kathryn Hunters virtuose Darstellung aller elf aus dem Buch ausgewählten Figuren mit deutlich abgesetzter Diktion und Körperlichkeit sowie die begleitende Musik von Temesgen Zeleke genießen. Die Figuren geraten aberwitzig nicht erst durch die meisterhafte Darstellung. Die Aufgabe eines Dieners bestand darin, die Schuhe der Besucher sauber zu wischen, wenn bei der Audienz einer der kaiserlichen Hunde sie vollgepinkelt haben sollte. Ein anderer war „die Uhr“ und kündigte mit devoter Subtilität jeweils die nächsten Termine an. Auch der Sicherheitschef tritt auf und beklagt der nach dem Militärputsch, dass er keine Rolle mehr spielt.

Nach der Vorstellung fächert ein Publikumsgespräch, kundig moderiert vom Dramaturgen Jonathan Kalb, mit Yemane Demissie, äthiopischstämmiger Filmmacher, und Krystyna Lipinska Illakowicz, Professorin für Polonistik an der Yale University, die komplexe Diskussionslage um das Buch und die Produktion so informativ wie kontrovers auf. Demissie kritisiert (wie sehr viele andere) Kapuścińskis Ansatz des „literarischen Journalismus“, der Fakten verzerrt und erfindet. Illakowicz setzt Kapuścińskis Schreiben in den Zusammenhang des sozialistischen Polens Mitte der Siebzigerjahre, in dem sich Autor*innen genötigt sahen, ihr Schreiben zu kodieren und so z. B. über Äthiopien schreiben, wenn sie Polen zu meinten. (Allerdings scheint Kapuściński in den Berichten über seine Reisen die sowjetischen und sozialistischen Interessen durch Schönungen und Auslassungen geschützt zu haben.) Demissie hingegen hält es für unethisch und unprofessionell, gerade in Zeiten von „Fake News“ und „alternativen Fakten“ namentlich über Personen und ein ganzes Land zu schreiben, um auf anderes abzuzielen, insbesondere, wenn der Bericht dem beschriebenen Gegenstand nicht gerecht wird. Er beschreibt, wie durch die Inszenierung die von Kapuściński herangezogenen Figuren noch stärker verkürzt und zu Karikaturen werden als im Buch schon – ein Umstand, den auch die Kritik von Jesse Green in der New York Times bemerkt. Diese Kritik hebt allerdings vor allem auf die einseitige Darstellung des Regimes und seines Kaisers durch die ehemaligen Funktionäre und Diener ab, weil sie den Abend undramatisch machten.

Zunächst tut das dem Genuss des künstlerischen Abends jedoch keinen Abbruch und ist auch, wie die Besprechung später einräumt, so nicht ganz richtig – der Abend lässt in der skurrilen Darstellung der Figuren durchaus eine kritische Sicht durchblicken; allerdings ist es gerade diese Verzerrung der Figuren, denen echte Menschen zugrunde liegen, die Demissie als billig abstößt. Da das Buch das geschichtliche Vorher und Nachher des Kaiserregimes komplett ausblendet, wird seine Herrschaft verharmlost und so in gewisser Wiese entschuldigt. Demissie informiert mich Unwissenden, dass der Kaiser mit Blick auf die Zustände vor seiner Herrschaft tatsächlich Verbesserungen eingeführt hat, die angesichts seiner rücksichtslosen Herrschaft allerdings stark relativiert werden. Die Herrschaftszeit selber wird wiederum in ein anderes Licht gerückt, wenn man weiß, dass der Militärputsch und die folgenden 17 Jahre Militärherrschaft mit noch mehr Toten die Dinge im Land nicht eben besser, sondern noch weitaus schlimmer gemacht haben.

Vielleicht ist die Empörung über die Faktenverzerrung angesichts eines vom Präsidentengeführten Kampfes gegen seriösen Journalismus besonders hochfliegend. Die gesamte Diskussionspiegelt exemplarisch die Bandbreite von interessanten und tiefgreifenden biszu ideologisch gefärbten Aspekten der Diskurse in Amerika wieder, einem Land,das derzeit weit entfernt ist von der ehemals selbstsicheren Stärke der Nationund dem offenen Selbstbewusstsein seiner Bürgerinnen und Bürger. Ein für die USA bezeichnender Zug der Debatte ist zum Beispiel die Frage nach der Besetzung. Die gesteigerte Sensibilität von Kritik und Publikum richtet sich auf den Schwarzen Schauspielers/Musikers, der in diesem Stück über Äthiopien in einer Ecke Musik spielt. Ist das angemessen?, fragt auch Jesse Green in der Times. Ebenso stellt er in Frage, ob die (obschon virtuose) weiße Schauspielerin Kathryn Hunter den afrikanischen Kaiser darstellen sollte und hat gleich mehrere Schwarze Kolleginnen parat, die ebenso geschickt zu Werke gegangen wären. Eine Zuschauerin stellt die Frage, obsich in Kapuścińskis Blick auf Äthiopien nicht ein kolonialistischer Blick fortsetze. Dem ist gewiss zuzustimmen.

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