Logbuch 2.5: DIE SCHLAFWANDLER

DIE SCHLAFWANDLER S. 700

Ein großer Sprung, während dessen Huguenau erfolgreich versucht hat, den Major v. Pasenow und den Drucker Herrn Esch gegeneinander auszuspielen, sobald sich eine Allianz im Glauben zwischen den beiden von der Moderne eingeholten und gebeutelten Gestalten zu bilden begann, die seinen Interessen zuwiderlief. Im November kommt es im kleinen Städtchen dann zu einer umstürzlerischen Revolte, das Gefängnis wird geöffnet, die Gefangenen befreit, das Rathaus niedergebrannt, jedoch können die Unruhe, die nach diesem Brand geschockt anhalten, mit aus Trier herangeholten Truppen gestoppt werden. Die Situation hat Huguenau jedoch nicht nur dazu verwendet, sich seines Widersachers Esch zu entledigen und dessen Verdienste um das Leben des Majors sich selbst zugute zu halten, sondern auch der gesamten instabilen Situation nach der Kapitulation des deutschen Reiches in seine colmarische Heimat zu entkommen und sein gutbürgerliches Leben wieder aufzunehmen.

Broch schafft es also am Ende des Romans, die prototypisch aufgestellten Positionen der wilhelminischen Epoche zusammenzuführen und zu konfrontieren, wobei derjenige unter die Räder gekommen ist, der sich mit der alten Situation nicht mehr und der neuen noch nicht hat arrangieren können, der die zerfallenden Werte noch herbeigesehnt, aber nicht mehr gefunden hat.

Formal wird der Abstand des Erzählers zu seinen Figuren immer größer, aber auch die verschiedenen aufgeführten Formate fließen zunehmend zusammen. Im zehnten Teil der „Exkurse“ mit dem Titel „Zerfall der Werte“, der auch als Epilog bezeichnet ist, beschreibt der Autor schon eingehend die Position seiner Figur Huguenau anstatt, wie zuvor, abstrakte ästhetische, moralische, oder philosophische Aspekte des Zeitenwechsels.

Es war alles gut. (…)

Hat er einen Mord begangen? hat er einen revolutionären Akt vollführt? Er brauchte darüber nicht nachzudenken und er tat es auch nicht. Hätte er es aber getan, er hätte bloß sagen können, daß seine Handlungsweise vernünftig gewesen war (…).

Auf seine spezielle, genaue, aber auch einer Ironie nicht entsagenden Art vermag Broch es hier am Ende weiterhin, uns noch einige Gedanken über den Wert dieser „Werte“ mitzugeben, indem er erläutert, wie all diese Glaubens- und Narrationssysteme (im Sinn von Harari) nur dazu dienen, unsere irrationalen Handlungen abzusegnen und in einen sinnvollen Kontext zu stellen. Dass dieser sich von jetzt auf gleich widersprüchlich ändern kann, tut dem Zweck des Vorgangs keinen Abbruch. Schließlich gehe es eben nicht um Schlüssigkeit oder Logik, sondern um Beruhigung und Sinnhaftigkeit im Moment.

Einer Autorin und einem Autor stellt sich in der Komposition des Buches stets die Frage, wie die Leserschaft mit ihren oder seinen Gedanken möglichst direkt anzusprechen sei, ohne ihr aber den Spaß an und die Erwartung auf die sinnliche Erfahrung von Handlung, Figur etc. vorzuenthalten.

An den SCHLAFWANDLERn beeindruckt vor allem die Dringlichkeit, mit der Broch seine vielen Gedanken dem Leser sowohl in essayistischer und zuweilen vielleicht auch anstrengender Form theoretisch vorträgt und außerdem aber eine Handlung zu gestalten vermag, die den Ansprüchen an eine fiktionale Prosa vorderhand genügt (wenn sie diese Erwartungen auch explizit unterläuft). So nutzt er die dem Genre eigene Sinnlichkeit, seine Gedanken dem Leser auch exemplarisch und damit noch – sagen wir – dreidimensionaler deutlich machen, ohne die Illusion der Figuren und Handlung aber je vollkommen die Oberhand gewinnen zu lassen. So enden die ersten beiden Teile nicht etwa mit dem Ende der jeweils erzählten Begebenheit, sondern mit dem Ende des zu vermittelnden Gedankens und dem Hinweis, dass das Leben dieser Figuren nun so und so weiterginge.

Es geschah eben. Wie sich das zugetragen hat, muß nicht mehr erzählt werden. Nach den gelieferten Materialien zum Charakteraufbau kann sich der Leser dies auch allein ausdenken.

Das Glanzstück dabei ist selbstverständlich, dass die gewählte, sich allmählich auflösende Form das Thema widerspiegelt bzw. sich aus ihm begründet. Dies geschieht gerade so viel auf Kosten des Stoffs und Inhalts, dass dem Leser noch genügend Vergnügen bleibt, jedoch die Fadenscheinigkeit der Illusion dieses Vergnügens auch schon aufgezeigt wird. Damit – und so schließe ich die Lektüre der SCHLAFWANDLER – wird der Leserin und dem Leser die Klugheit und Intelligenz zugesprochen, die ihnen gebührt. Mit weniger möchte man sich kaum zufrieden geben.

 

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