Münchner Verfahren: Keupstraße

Gelegentlich gelangen Meldungen vom NSU-Prozess in München an die Nachrichtenoberfläche. Seit dem 12. Januar läuft der Prozess in diesem Jahr weiter, berichtete auch die Süddeutsche. Die Berichterstattung ist in den Hintergrund gerückt, wer nicht selbst auf Seiten wie NSU-Watch die Geschehnisse verfolgt, läuft Gefahr zu glauben, dass diese Geschehnisse in der Gegenwart keine Relevanz mehr haben. In den nächsten Tagen und Wochen will sich das Münchner Gericht mit dem Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße 2004 befassen. Alle 22 Opfer sollen befragt werden, meldet die Tagesschau heute.

Die Aktivitäten rechtsradikaler Gruppierungen haben die Nation bisher überwiegend untergründig beschäftigt. Der Untersuchungsausschuss des Bundestages konnte auf Grund mangelnder Kooperation der Verfassungsschutzorgane (sprich: verweigerte oder massiv geschwärzte Unterlagen) und sprachlos machender, spontaner Gedächtnisverluste vieler Zeugen an bestimmten Punkten seiner Untersuchungen keine weiterführenden Erkenntnisse gewinnen – ein frustrierendes, fortgesetztes Demokratieversagen der Behörden. Wie die Zusammenhänge zwischen Verfassungsschutzbehörden und den staatsfeindlichen und mörderischen Aktivitäten der ganz Neonazis aussahen, kann nur vermutet werden.

Mein Text TAGESTHEMEN. SABOTEURE. könnte einen Beitrag zu der fortgesetzten Diskussion darstellen.

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Logbuch 3.1: LIEBEN

LIEBEN_DeckelKnausgård, LIEBEN, S. 135

Nachdem Knausgård, dessen zweites Buch in der wohl sechsbändigen autobiographischen Reihe ich erwartungsfroh mit Jahresbeginn aufschlage, mir detailgetreue sechzig Seiten lang erläutert, wie scheiße das Leben mit kleinen Kindern ist, selbst wenn man sie so abgöttisch liebt wie er selbst („Das alles langweilte mich zu Tode.“ S. 93); dass einen (preisgekrönten Schriftsteller wie in) dieses Leben mit all seinen Banalitäten nur ablenkt vom Eigentlichen*; und wie erst die Menschen, diese schrecklichen Menschen, denen er zwanghaft immer so superfreundlich begegnen muss, dass niemand merkt, wie gleichgültig sie ihm an sich sind („von meinen zahlreichen Gefühlen für die Menschen, mit denen ich soeben mehrere Stunden verbracht hatte, war nichts mehr geblieben. Sie hätten allesamt verbrennen können, ohne dass ich das Geringste für sie empfunden hätte.“ S. 86), ja wie er eigentlich unter ihnen leidet, nicht an dem oder jener im Speziellen, sondern daran, dass sie als Einzelmenschen zutage treten, wenn er sich zu lange in ihrer Nähe aufhält, oder vielleicht wäre es angebrachter zu sagen: in ihrer Nähe sonnt, denn andererseits badet Knausgård geradezu in der Anonymität der Großstadt, in der zu leben er sich entschieden hat („Distanz, Distanz, ich konnte nie genug Distanz haben.“ S. 114); nachdem er mir weiter berichtet hat, wie er unter der „Verweiblichung“ durch seine aufopfernde Vatertätigkeit leidet und die anderen Väter verachtet; wie er sich fragt, wieso er es nicht lassen kann, anderen Frauen hinterherzusehen und wie er darunter leidet, ein solcher Macho zu sein; wie ihn aus dem Spiegel sein Gesicht so frustriert ansieht, dass er erschrickt, da habe ich es begriffen: er möchte mir sagen, dass er ein Arschloch ist.

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Leseliste 2014

1.    Thomas Pynchon/Bleeding Edge

2.    Florian Illies/2013

3.    Harper Lee/Wer die Nachtigall stört (To Kill a Mockingbird, Ü: Claire Malignon)

4.    Franz Kafka/Briefe an Milena

5.    Christian Kracht/Imperium

6.    Uwe Timm/Vogelweide Lesen Sie mehr »

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Logbuch 2.5: DIE SCHLAFWANDLER

DIE SCHLAFWANDLER S. 700

Ein großer Sprung, während dessen Huguenau erfolgreich versucht hat, den Major v. Pasenow und den Drucker Herrn Esch gegeneinander auszuspielen, sobald sich eine Allianz im Glauben zwischen den beiden von der Moderne eingeholten und gebeutelten Gestalten zu bilden begann, die seinen Interessen zuwiderlief. Im November kommt es im kleinen Städtchen dann zu einer umstürzlerischen Revolte, das Gefängnis wird geöffnet, die Gefangenen befreit, das Rathaus niedergebrannt, jedoch können die Unruhe, die nach diesem Brand geschockt anhalten, mit aus Trier herangeholten Truppen gestoppt werden. Die Situation hat Huguenau jedoch nicht nur dazu verwendet, sich seines Widersachers Esch zu entledigen und dessen Verdienste um das Leben des Majors sich selbst zugute zu halten, sondern auch der gesamten instabilen Situation nach der Kapitulation des deutschen Reiches in seine colmarische Heimat zu entkommen und sein gutbürgerliches Leben wieder aufzunehmen. Lesen Sie mehr »

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Logbuch 2.4: DIE SCHLAFWANDLER

DIE SCHLAFWANDLER S. 560

Das Buch setzt seinen Triumphzug durch die Landschaft meiner Leseerfahrung fort, während meine eigenen Versuche gaffend Spalier stehen.

Die bisherigen Figuren tauchen, entsprechend gealtert und ohne zu erläutern, wie sie hier gelandet sind, in dieser linksrheinischen Gegend Kurtrier auf. Esch ist Drucker, stets gnatzig, weil seine „Buchungen“ nicht aufgehen, die er der Welt in Rechnung stellt, während Major von Pasenow in Alter und Würde erstarrt eine längst vergangene Welt repräsentiert, die nichts mehr zu melden hat, nach deren Werten sich die Esch’sche Generation noch sehnt angesichts der komplett merkantilistisch orientierten Welt des neuen Protagonisten Wilhelm Huguenau. Natürlich ist dieser gleich am ersten Tag von der Front davonmarschiert in der Erkenntnis, dass es hier nichts zu gewinnen gäbe. Als Hochstapler möchte man den Betrüger nicht bezeichnen, schafft er doch qua Behauptung die Verhältnisse hinreichend genug, derer er bedarf für seine Geschäfte. Lesen Sie mehr »

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Danke!

Die Lesung von TAGESTHEMEN. SABOTEURE. gestern in der Nachbarschaftsgalerie war ein schöner Erfolg. Herzlichen Dank an jede_n Einzelne_n im Publikum, die den Abend zu einem Erlebnis gemacht haben, das wir alle genießen konnten, und für Eure wertvollen Rückmeldungen und Kommentare, die dem Text sicher auf einen guten Weg helfen werden. Danke zuerst natürlich an Katrin Heinau und den Berliner Autorenlesefonds, die das organisiert und ermöglicht haben.

Hier geht's zum gestrigen TAZ-Artikel zum Thema des Stücks.

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Logbuch 2.3: DIE SCHLAFWANDLER

DIE SCHLAFWANDLER, S. 342.

Broch beeindruckt weiter: für Esch löst sich die Sehnsucht nach eindeutig zuzuordnenden Gut-Böse-Strukturen nicht (mehr) ein, ebensowenig die Täter-Opfer-Dichotomie. Für ihn ist die Verhaftung des Sozialdemokraten und Gewerkschaftsaktivisten Martin Geyring bei einem Streik in Mannheim ein Opfer, und „wer sich opfert, ist anständig“ – was freilich nicht bedeutet, dass nicht „diese Sozialisten Schweine waren“.

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Logbuch 2.2: DIE SCHLAFWANDLER

DIE SCHLAFWANDLER von Hermann Broch.

Tatsächlich erweist sich im zweiten Teil ESCH UND DIE ANARCHIE, dass Broch die Sprache epochengemäß gestaltet hat. Sie hat hier schon den Durchbruch in die Moderne geschafft. Dass der Autor immer noch „dessenungeachtet“ schreibt und dass es mir aber jetzt kaum auffällt, erzählt mehr über die unangemessene Wahl meines Beispiels. In diesem Teil kämen Sätze wie dieser nicht vor:

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Übersetzer und der Kampf um Kobane

Der VdÜ (Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V.) hat aus immer noch gegebenem Anlass den Aufruf des türkischen Übersetzerverbands ÇevBir (über CEATL) verbreitet.

 

SPENDENAKTION FÜR KURDISCHE FLÜCHTLINGE AUS SYRIEN

Über den CEATL bittet der türkische Literaturübersetzerverband ÇevBir europaweit um Spenden für die kurdischen Flüchtlinge aus Syrien.

Anlass ist der Tod des kurdischen Soziologen und Literaturübersetzers Suphi Nejat Ağırnaslı, der im Kampf um Kobanê fiel:

http://www.ceatl.eu/literary-translator-and-sociologist-suphi-nejat-agirnasli-killed-in-kobane

Ursprünglich waren die Spenden für die Bestattungskosten unseres Übersetzerkollegen vorgesehen, doch bisher konnte sein Leichnam nicht aus dem vom IS kontrollierten Gebiet geborgen werden. Deshalb hat man bei ÇevBir beschlossen, die Spenden im Andenken an Suphi Nejat Ağırnaslı für die Flüchtlinge aus dem belagerten Kobanê zu verwenden, die angesichts des bevorstehenden Winters dringend auf Hilfe angewiesen sind.

Die Spenden gehen direkt an die Flüchtlinge aus Kobanê im Süden der Türkei. Als zuverlässiger Mittler wurde sorgfältig eine Organisation ausgewählt, die der Kommunalverwaltung der Stadt Diyarbakır, im Südosten der Türkei nahe den Lagern in Suruç, angegliedert ist. ÇevBir garantiert für die direkte Weiterleitung der Spenden.

Für die Verwaltung unseres Spenden-Kontos hat sich Hartwig Mau engagiert, dem wir dafür sehr danken. Bitte überweist Eure Spende auf das Konto:

Hartwig Mau

Sparda-Bank West eG

IBAN: DE06 36060591 0311004381

BIC: GENODED1SPE

Die Aktion läuft bis zum 12. Dezember.

Bitte spendet reichlich, auch kleinste Spenden sind willkommen,

die Not ist unfassbar.

Danke.

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Armut IV: Wohnen

Wochen-, wenn nicht monatelang wohnten gegenüber neben der Grundwasserdialyseanlage am alten Bahndamm in einem unscheinbaren Wohnwagen Leute. Abends lief ein Generator, daran habe ich es überhaupt erst gemerkt, denn durch die Einfriedung der Anlage waren sie vor den Augen der Passanten geschützt. Von der Jordanstraße her fuhr ich eines Tages per Fahrrad, als mir der graue Wohnwagen entgegen- und bekannt vorkam. Um die Ecke herum stand er dann auch nicht mehr, sondern da saßen und standen jetzt Menschen mit dunklen, faltigen Gesichtern, ein Mann auf einem Campingstuhl, zwei Frauen mit langen Röcken. Ich hatte immer schon aus dem Augenwinkel geschaut und mich gewundert, wohnen die da? Das ist doch bestimmt nicht in Ordnung oder gestattet. Lesen Sie mehr »

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