Lesung: TAGESTHEMEN. SABOTEURE.

Etwas größere und kleinere Fische – Lesereihe

Freitag, den 28.11.2014 um 20 Uhr

in der Nachbarschaftsgalerie, Karl-Kunger-Straße 15, 12435 Berlin (Alt-Treptow)

BuergeramFenster

TAGESTHEMEN. SABOTEURE.

Theatertext von Henning Bochert

Szenische Lesung mit Henning Bochert und Matthias Bernhold

Anschließend offenes Mikrofon


TAGESTHEMEN.SABOTEURE.

behandelt die elitäre Haltung einer neoliberalen wie auch extremen Rechten, die unsere Gesellschaft mit einer Ideologie der Verachtung sabotiert. Zu hören sind Auswirkungen in der Oberschicht, es sprechen die Täter, und schließlich die unfähigen Behörden sowie die Opfer.

Henning Bochert ist Autor, Dramaturg und Übersetzer. Er ist Mitglied von raum4 – netzwerk für künstlerische alltagsbewältigung e.V. und Teil von Drama Panorama: Forum für Übersetzung und Theater.

Eine Veranstaltung der KungerKiezInitiative e.V.

in Kooperation mit der Fahrbibliothek Treptow-Köpenick

www.kungerkiez.de

Gefördert vom Berliner Autorenlesefonds

Bildrechte: Matthias Bernhold

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Logbuch 2.3: Monster

DIE SCHLAFWANDLER, S. 342.

Broch beeindruckt weiter: für Esch löst sich die Sehnsucht nach eindeutig zuzuordnenden Gut-Böse-Strukturen nicht (mehr) ein, ebensowenig die Täter-Opfer-Dichotomie. Für ihn ist die Verhaftung des Sozialdemokraten und Gewerkschaftsaktivisten Martin Geyring bei einem Streik in Mannheim ein Opfer, und „wer sich opfert, ist anständig“ – was freilich nicht bedeutet, dass nicht „diese Sozialisten Schweine waren“.

Bei seinem Besuch im Gefängnis ist Martin aber guter Dinge und munter und ironisch und lacht ihn aus wegen seines heiligen Ernstes, mit dem Esch ihm erzählt, dass man den Unternehmer Bertrand, eigentlich töten sollte.

„Und da Esch solcherart mit großem Haß der Welt gedachte und der Schweine, die man abzustechen hätte, wie es Schweinen gebührt, haßte er immer deutlichen den Präsidenten Bertrand, haßte ihn ob seiner Laster und seiner Verbrechen. Er versuchte, sich ihn vorzustellen, wie er in seiner Üppigkeit, eine dicke Zigarre in der Hand, auf Polstermöbeln an der Tafel des Schlosses sitzt (…).“

Als er dann zu Bertrand geht, ist dessen Anwesen bescheidener als erwartet, der Mann normaler und freundlicher, und Esch selbst verwirrt und überhaupt nicht bereit, seinen absoluten Worten auch absolute Taten folgen zu lassen. Bertrand sitzt einfach freundlich und zeigt ihm den Garten und redet mit ihm und führt ihn hinaus und lässt ihn mit dem Wagen zum Bahnhof fahren, und diese erste Autofahrt Eschs ist sehr schön.

Da soll einer nicht verzweifeln, wenn die Kategorien derart durcheinander geraten, bzw. sich herausstellt, dass es sie nicht mehr gibt.

„Irgendwo kam es eben nicht mehr auf die Menschen an, die waren alle gleich und es verschlug nichts, wenn einer im andern verfloß und der einen auf dem Platz des andern saß, – nein, nicht mehr nach guten und bösen Menschen, sondern nach irgendwelchen guten und bösen Kräften war die Welt zu ordnen.“

Das sähe man heute sicher wieder anders, wo es darum geht, das fragwürdige System nicht zu stürzen, aber die individuellen Verbrecher genau zu identifizieren, leitet sich doch sonst daraus genau dies ab: „losgelöst vom Täter besteht das Unrecht und das Unrecht allein ist es, das gesühnt werden muß.“ – also eine Ideologie, die nach Gewalt, nach Opfer verlangt.

Aber mit der Moral ist es eben schwierig: einerseits regt Esch sich darüber auf, dass der Direktor des Schaustellerunternehmens darüber jammert, wie er sich schindet, indem er seine Gewinne in einem Heftchen ermittelt, während draußen der Frauenringkampf ihm diese Gewinne beschert, er eigentlich also diese Frauen schindet; andererseits bagatellisiert Esch den eventuell bevorstehenden Mädchenhandel, wenn es darum geht, damit seinen Traum der Auswanderung nach Amerika zu ermöglichen.

Zur Schilderung des länger angekündigten Kulminationspunktes von Eschs Besuch bei Bertrand greift Broch zum ersten Mal zu einem formalen Stilmittel: die betreffenden Absätze über sind in einer altertümelnden, biblisch oder traumhaft anmutenden Sprache verklärt, und jedem Absatz steht ein kursiver Absatz voran wie ein Motto:

„Groß ist die Angst dessen, der erwacht. Er kehrt mit geringerer Berechtigung zurück und er fürchtet die Stärke seines Traumes, der vielleicht nicht zur Tat, wohl aber zu neuem Wissen geworden ist. Ein Ausgestoßener des Traumes, wandelt er im Träume.“

Und ganz richtig wird hier dann auch zum ersten Mal das titelgebende Motiv des Schlafwandlers benannt: „die Sehnsucht des Mannes, in dessen Schlafwandeln die Welt vergeht“.

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Logbuch 2.2: Monster

DIE SCHLAFWANDLER von Hermann Broch.

Tatsächlich erweist sich im zweiten Teil ESCH UND DIE ANARCHIE, dass Broch die Sprache epochengemäß gestaltet hat. Sie hat hier schon den Durchbruch in die Moderne geschafft. Dass der Autor immer noch „dessenungeachtet“ schreibt und dass es mir aber jetzt kaum auffällt, erzählt mehr über die unangemessene Wahl meines Beispiels. In diesem Teil kämen Sätze wie dieser nicht vor:

„Elisabeth blieb es nicht verborgen, daß der Eltern Leidenschaft, die verschiedenen Geschenkfeste des Jahres zu begehen, die Geburtstage zu feiern und ständig auf neue Überraschungen bedacht zu sein, eine tiefere Bedeutung besaß und mit der Freude, ja man konnte fast sagen Sucht, sich mit immer neuen Dingen zu umgeben, in einem tieferen, wenn auch schwer durchschaubaren Zusammenhang stand; zwar wußte Elisabeth nicht, daß jeder Sammler mit der nie erreichten, nie erreichbaren und doch unentwegt erstrebten lückenlosen Absolutheit seiner Sammlung hinauslangt über die gesammelten Dinge, in die Unendlichkeit hineinlangt, und daß er, aufgehend in seiner Sammlung, auch die Erreichung seiner eigenen Absolutheit erhofft und die Aufhebung seines Todes, Elisabeth wußte es nicht, aber umgeben von all den vielen schönen toten Dingen, die um sie angesammelt und aufgehäuft waren, umgeben von den vielen schönen Bildern, ahnte sie dennoch, daß die Bilder an die Wände gehängt waren, als sollten sie die Mauern verstärken, und als sollten all die toten Dinge etwas sehr Lebendiges bergen, vielleicht auch verbergen und schützen, etwas, dem sie selber so sehr verbunden war, daß sie manchmal denken mußte, es sei ein kleines Geschwister, wenn ein neues Bild gebracht wurde, etwas, was gehegt sein wollte und das die Eltern hegten, als ob ihrer aller Beisammensein davon abhängen würde: sie ahnte die Angst, die dahinter stand und die den Alltag, der das Altern ist, im Festlichen zu übertönen suchte, Angst, die sich immer wieder vergewisserte – stets neu erlebte Überraschung -, dass sie lebendig und geboren und definitiv beisammen waren und ihr Kreis ewiglich geschlossen.“

Vielmehr ist es ein wunderbarer Spaß, mit dem Angestellten Esch einen Umzug von Köln nach Mannheim zu erleben und bald auch wieder zurück. Es fällt auf, das der allerdings sexuell ungleich aktivere Protagonist, für den die Fleischeslust an sich kein problematisches Thema ist (vielmehr ist der möglicherweise noch jungfräuliche Ladenbesitzer Lohberg ridikül), ebenfalls zwischen zwei Frauen abwägt, deren eine, wie Pasenow im ersten Teil die Elisabeth, ihm von deren Bruder peinlich deutlich anempfohlen wird. Allerdings ist er weniger Opfer seiner Gedanken, sondern eher ruhig abwägender, informierter Wähler, dessen kalkulierende Gedankengänge wir genau verfolgen. Ihn bewegt im Innersten sein Stolz. Schon gleich zu Anfang zeigt der Autor, dass der moderne Mensch schon seinen gleichwertigen Platz in der Gesellschaft beansprucht, während diese – immerhin noch im Kaiserreich – die Arbeiterbewegung, die sozialistischen Bewegungen, die Streiks mit Polizei und Handschellen ersticken kann. Das wird, wissen wir, nicht mehr lange so selbstverständlich möglich sein. Schon tut der Angestellte ohne Schmerzen den Schritt aus der Anstellung (im Handelsunternehmen des – bislang allerdings unsichtbaren Bertrand aus Teil Eins) heraus in eine unternehmerische, quasi freiberufliche Tätigkeit – in die soziale Unsicherheit hinaus also. Und hier gab nichts Größeres den Ausschlag als eine Kränkung durch Entlassung nach einer Verleumdung.

Gleichermaßen zeichnet sich der zweite vor dem ersten Teil durch vollkommen anders gestaltete Stellen aus wie meine bisherige Lieblingspassage, wo Broch ausgesprochen elegant die Entscheidung des Esch motiviert, auch diese Mannheimer Stelle – eindeutig eine karrieremäßige und finanzielle Verbesserung gegenüber der kölner Stelle – aufzugeben und zurück nach Köln zu ziehen:

„Wieder wollte ihm irgend etwas nicht stimmen. Er hatte auf Ilona verzichtet, nun aber musste er zusehen, wie sich Erna von ihm abwandte und ihr Herz jenem Idioten anbot. Das war gegen alle buchhalterische Regel, die bekanntlich zu jeder Post ihrer Gegenpost verlangt. Allerdings – unternehmend schwenkte er den Rock in seiner Hand -, wenn er wollte, würde ein Lohberg ihn nicht so rasch ausstechen, mit dem nahm er es schon noch auf, nein, so eine arge Mißgeburt war der August Esch noch lange nicht, und er machte schon einige Schritte zur Tür hin, blieb jedoch stehen, ehe er öffnete: ach was, er wollte ja gar nicht. die Person dort drüben könnten sonst meinen, er käme aus lauter Dankbarkeit für ihre lumpigen tausend Mark zu ihr gekrochen. Esch ging zum Bett zurück, setzte sich und schnürte die Schuhe auf. Soweit war alles in Ordnung. Und dass es ihm im Grunde leid tat, nicht mit Erna schlafen zu dürfen, das war auch in Ordnung. Opfer ist Opfer. Trotzdem blieb ein ungeklärter Buchungsfehler übrig, auf den er nicht gleich kommen konnte: schön, man wird nicht zu dem Weibstück hinübergehen, man wird auf den Spaß verzichten; allein warum tat man dies? Etwa, um sich der Heirat zu entziehen? Man nimmt also das kleinere Opfer auf sich um dem wirklichen Opfer zu entgehen und nicht mit der eigenen Person bezahlen zu müssen. Esch sagte: „Ich bin eine Sau.“ Ja, eine Sau war er, keine Spur besser als der Nentwig, der sich gleichfalls der Verantwortung entzog. Eine Unordnung, in der sich der Teufel auskenne mochte!

Und ohne Ordnung in den Büchern gab es auch keine Ordnung in der Welt, und solange keine Ordnung war, würde Ilona weiter den Messern ausgeliefert sein, würde Nentwig sich weiterhin frech und gleisnerisch der Sühne entziehen und Martin würde ewig im Kerker schmachten. Er dachte scharf nach, und wie er jetzt die Unterhose fallen ließ, ergab es sich zwanglos: die anderen hatten ihr Geld dem Ringkampfunternehmen zur Verfügung gestellt, also musste er, der kein Geld besaß, nun eben doch mit seiner eigenen Person zahlen, zwar nicht durch Heirat, wohl aber, indem er sich dem neuen Unternehmen zur Verfügung stellte. Und weil dies bedauerlicherweise mit seiner Mannheimer Stellung unvereinbar war, so musste er eben kündigen. Auf diese Art konnte er zahlen. Und wie als Probe aufs Exempel erkannte er in diesem Augenblicke, daß er bei einer Gesellschaft, die Martin ins Gefängnis gebracht hatte, nicht länger bleiben durfte. Und keiner hatte das Recht, ihm deshalb eine Untreue vorzuwerfen; selbst der Herr Präsident wird einsehen müssen, dass der Esch ein anständiger Bursche ist. Jetzt dachte Esch nicht mehr an Erna, und er legte sich beruhigt zu Bett.“

Überhaupt verfolgen wir Eschs Motivationen und Gedankengänge viel näher als die der Personen im ersten Teil. Ein raffinierter Trick (siehe Knausgård), der dem Leser stets eine objektive Bewertung der Situation überlässt und ihn so eigentlich mündiger macht als der distanziertere Erzähler, der dem Leser eine Deutung der Ereignisse stärker aufnötigt.

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Übersetzer und der Kampf um Kobane

Der VdÜ (Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V.) hat aus immer noch gegebenem Anlass den Aufruf des türkischen Übersetzerverbands ÇevBir (über CEATL) verbreitet.

 

SPENDENAKTION FÜR KURDISCHE FLÜCHTLINGE AUS SYRIEN

Über den CEATL bittet der türkische Literaturübersetzerverband ÇevBir europaweit um Spenden für die kurdischen Flüchtlinge aus Syrien.

Anlass ist der Tod des kurdischen Soziologen und Literaturübersetzers Suphi Nejat Ağırnaslı, der im Kampf um Kobanê fiel:

http://www.ceatl.eu/literary-translator-and-sociologist-suphi-nejat-agirnasli-killed-in-kobane

Ursprünglich waren die Spenden für die Bestattungskosten unseres Übersetzerkollegen vorgesehen, doch bisher konnte sein Leichnam nicht aus dem vom IS kontrollierten Gebiet geborgen werden. Deshalb hat man bei ÇevBir beschlossen, die Spenden im Andenken an Suphi Nejat Ağırnaslı für die Flüchtlinge aus dem belagerten Kobanê zu verwenden, die angesichts des bevorstehenden Winters dringend auf Hilfe angewiesen sind.

Die Spenden gehen direkt an die Flüchtlinge aus Kobanê im Süden der Türkei. Als zuverlässiger Mittler wurde sorgfältig eine Organisation ausgewählt, die der Kommunalverwaltung der Stadt Diyarbakır, im Südosten der Türkei nahe den Lagern in Suruç, angegliedert ist. ÇevBir garantiert für die direkte Weiterleitung der Spenden.

Für die Verwaltung unseres Spenden-Kontos hat sich Hartwig Mau engagiert, dem wir dafür sehr danken. Bitte überweist Eure Spende auf das Konto:

Hartwig Mau

Sparda-Bank West eG

IBAN: DE06 36060591 0311004381

BIC: GENODED1SPE

Die Aktion läuft bis zum 12. Dezember.

Bitte spendet reichlich, auch kleinste Spenden sind willkommen,

die Not ist unfassbar.

Danke.

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Armut IV: Wohnen

Wochen-, wenn nicht monatelang wohnten gegenüber neben der Grundwasserdialyseanlage am alten Bahndamm in einem unscheinbaren Wohnwagen Leute. Abends lief ein Generator, daran habe ich es überhaupt erst gemerkt, denn durch die Einfriedung der Anlage waren sie vor den Augen der Passanten geschützt. Von der Jordanstraße her fuhr ich eines Tages per Fahrrad, als mir der graue Wohnwagen entgegen- und bekannt vorkam. Um die Ecke herum stand er dann auch nicht mehr, sondern da saßen und standen jetzt Menschen mit dunklen, faltigen Gesichtern, ein Mann auf einem Campingstuhl, zwei Frauen mit langen Röcken. Ich hatte immer schon aus dem Augenwinkel geschaut und mich gewundert, wohnen die da? Das ist doch bestimmt nicht in Ordnung oder gestattet. Da mir aber nichts weiter Störendes auffiel, wandte ich meine Empörung wieder empörenderen Dingen zu. Und dann waren sie weg, die paar Menschen. Ich bin zu spät, um sie nach ihrer Geschichte zu fragen, woher sie kommen, was sie tun oder vorhaben. Aber was werden sie schon tun? Wer immer sie sind, sie werden ein paar Hundert Meter weiter einen anderen Stellplatz gefunden haben. Und dann wieder einen anderen. Vielleicht unter der S-Bahnbrücke an der Straße Am Treptower Park. Dort stehen schon lange mindestens zwischen fünf und fünfzehn Wohnmobile, Wohnwagen und Lieferwagen, aus denen morgens Menschen herauskommen, sich davon fertig anziehen. Auch ein Stück weiter auf dem Parkstreifen entlang dem Park steigen morgens aus PKWs immer wieder junge Frauen und Männer aus, öffnen den Kofferraum und waschen sich mit Wasser aus Kanistern. Ihre Kleidung sieht nicht aus, als hätten sie die gerade erst an- oder am Abend ausgezogen. Wie sieht ihr Tag aus, frage ich mich? Zu welchen Tätigkeiten schlagen sie die Augen auf? Essen beschaffen? Arbeit suchen? Die meisten haben Berliner Kennzeichen, zwei kommen aus Süddeutschland, München und Friedrichshafen, einer aus Spanien. In der Beermannstraße steigen aus einem VW-Bully zwei etwas verpennt aussehende Anfangdreißigjährige in Trainingsklamotten, aus der offenen Schiebetür ist eine Mädchenstimme zu hören, vielleicht fünf bis acht Jahre. Sie zünden sich beide etwas an, was nach erster Fluppe am Morgen aussieht.

 

–> Armut

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Logbuch 2.1: Monster

SchlafwandlerDeckelBroch lesen ist überraschend. Die Romantrilogie DIE SCHLAFWANDLER von 19331/32 sind mein erster Eindruck überhaupt von ihm. Länger schon lag er auf dem Stapel zu lesender Bücher. Dann fiel in Knausgårds LEBEN sein Name irgendwo, und schon griff meine Hand als nächstes zu diesem Dünndruckwälzer. Auffällig im ersten Teil PASENOW UND DIE ROMANTIK ist die etwas altertümliche Sprache, in der Wörter wie „dessenungeachtet“ geläufig verwendet wären, als wären sie normal. Dieser Teil spielt 1880, und nun stellt sich mir in Unkenntnis der beiden Folgeteile die Frage, ist die Erzählsprache dem erzählten Zeitpunkt angepasst, oder hat Broch sich in den 30ern etwa noch dieser Sprache bemüht. Schwerpunkt der Handlung ist die moralische und psychologische Verkorkstheit und Befangenheit der Hauptfigur in geschlechtlichen Dingen, oder wie es wohl zur Zeit der Entstehung des Romans hieß: in Fragen des Triebs. Er ist gefangen in seinen anstrengend wirkenden moralischen Vorstellungen, die ihn weit fortbringen von seinem eigenen Wollen und Brauchen. Das Bild dieser Befangenheit ist seine militärische Uniform, die ihn wie eine Konservendose eckig einhüllt, nach deren Halt er sich aber fortwährend sehnt, während das „Zivilistische“ ihm auch und besonders in der Kleidung fortwährend Angst macht, unschicklich und sündig erscheint. Die Zerrissenheit zwischen seinem Wollen und Müssen bezeichnet die Handlung mit seinem Konflikt zwischen der launischen, nicht besonders intelligenten Ruzena aus Böhmen, mit der er eine leidenschaftliche Affäre beginnt, und der Baronentochter Elizabeth aus dem Nachbardorf, die ihm von Seiten des nervenkrank werdenden, manipulativen Vaters praktisch zur Ehe anbefohlen wird. An die Seite gestellt hat der Autor Pasenow einen Bertrand, der aus dem Militärdienst ausgeschieden und weitreisender Kaufmann geworden ist. Dieser spricht schmerzliche Wahrheiten sehr modern aus, ist frei von und steht über den moralischen, sozialen Banden, in denen Pasenow und Elisabeth schmerzlich und blind gefangen sind.

Die suhrkamp’sche Werkausgabe in Mattschwarz mit metallic-türkisfarbener Aufschrift gibt auch originelle typografische Eigenheiten wie die konsequente Kleinschreibung nach einem Fragezeichen wieder. Ansonsten sind die Rechtschreibfehler wohl eher auf einen flüchtigen Satz zurückzuführen, schätze ich.

Ein Blick auf die Buchbeschreibungen im Internet bestätigt, dass die Trilogie die wilhelminische Epoche und den Zeitenwandel zur Moderne an Beispielfiguren abbildet. Wie sie das tut – ich bin gespannt.

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Echter 3D-Kaffee mit Jan

Jan erzählt mir beim Kaffee von seinem riesigen Tropicannibalismus-Projekt. Schon seine Ausstellung FRUCHT und ZUCKER hatte sich damit befasst. Die Karte für die Ausstellung hat er angefertigt, indem er ein Foto mittels 3D-Druck in eine Figur verwandelt ließ und diese auf seinem Holzküchentisch neben einem Teller mit tropisch-bunten Früchten und einigen Tropenbildern an der Wand fotografierte. Naheliegend war die Idee, diese Karte wiederum von der Figur auf dem nämlichen Tisch betrachten zu lassen und den Effekt noch verwirrender zu machen. Interessant: der 3D-Druck erstellt eine dreidimensionale Version eines zweidimensionalen Bildes, die dann aber optisch einige “wirkliche” Eigenschaften seiner Dreidimensionalität vermissen lässt, ohne dass sogleich deutlich wird, welche das sind. Auf der Karte wiederum erscheint die aufwändig hergestellte Figur wie ein hineinmontiertes Bild, weil das Bild von der aus einem Bild erstellten Plastik neben den tatsächlich dreidimensionalen Früchten etc. nicht mehr dreidimensional wirkt, also nicht mehr wie ein zweidimensionales Bild von etwas Dreidimensionalem. Die Rückverwandlung des 3D-Drucks in ein zweidimensionales Abbild entlarvt ihn als Betrug.

gallery

Bilder: Henning Bochert
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ALLE VÖGEL SIND SCHON DA – Kritik NZZ

alle-voegel-sind-schon-da-probe-in-zuerich-am-5-november-2014In der Neuen Züricher Zeitung hat Anne Bagattini eine herrliche Kritik zur Produktion ALLE VÖGEL SIND SCHON DA vom Schlachthaus Bern mit dem St. Petersburger Theater der Generationen (Teatr Pokoleniy) geschrieben.

 

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LÄRMKRIEG auf Dradio

Auch im Deutschlandradio war Kathrin Rögglas LÄRMKRIEG im Oktober zu hören. Hier kann man das Hörspiel nachhören.

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Knausgårds STERBEN und LEBEN

sterbenEs gibt, so scheint es, keine romanhaft gestaltete Geschichte. Das ist natürlich ein falscher Eindruck, denn immerhin hat er ja diesen speziellen Ausschnitt aus seinem Leben mit einem speziellen Schwerpunkt gewählt, mit Anfang und Ende, so als hätte er (in STERBEN) gesagt: jetzt beschreibe ich wie mein Vater gestorben ist und in Rückblicken, wie das Verhältnis zuvor war und wie ich das erlebt habe; und jetzt – in LEBEN – beschreibe ich diesen Teil meines Lebens, wo die Schule zu Ende ging und dieses Jahr als Aushilfslehrer in Nordnorwegen so unglaublich verrückt war. Daher ist die Gestaltung so unauffällig und gewaltig wie eine Landschaft, die man wenig bemerkt, während man sie durchmisst.

Er berichtet sein Leben wie ein Gespräch. Gnadenlos wie Christoph Schlingensief geht er mit den eigenen Fehlern und Schwächen um. Und auch wenn die Beschreibung durchgehend derart mutig intim ist, dass ich als Schreiber sogleich denke, so weit würde ich mich nicht aussetzen, denn wozu? Um was zu erreichen? Tut er das, um etwas über sich selbst zu erfahren? Über sein Leben? Um Dinge zu formulieren, die er so deutlich noch nie formuliert hat? Allzeit ist der Leser doch in der anekdotischen und schlichten und ernsten und aufrichtigen Erzählweise aufgehoben, die der Autor gewählt hat.

Sein Kampf worum, fragt man sich angesichts des Originaltitels MIN KAMP, der an Tabori erinnert, weil nach Hitler diesen Titel bisher sonst niemand gewagt hat. Oder wagen wollte. Angesichts des Lebens im kleinstädtischen Leben vor allem mit gewalttätigem Alkoholikervater und lieber, vielleicht zu schwacher Mutter und einem Kampf um die eigene Identität, für die er keine Vorbilder hatte, nicht einmal Anwälte, die ihn ermutigt hätten, ist die Stoßrichtung klar: nicht weniger als sein Kampf um Befreiung von Zweifeln, um Erfolg, um Verwirklichung seiner selbst. Ein autobiografischer Entwicklungsroman. Dessen Qualität vorderhand in der gnadenlosen Wahrhaftigkeit der Beschreibung liegt und, wie ich vermute, erst dann in der literarischen. Denn wir sehen in diesem „Gespräch“ keinerlei literarisierende Formspiele, keine erzählerischen Zaubermittel, Perspektivwechsel etc. vor allem sehen wir keinen bewussten Umgang mit Sprache als Sprache, sie bleibt schlichtes Mittel. Die Komposition allerdings, die Strukturierung des Materials dürfte eine enorme Aufgabe gewesen sein, denn es ist nichts weniger als ein echtes Leben, und dann auch noch das eigene, zu dem der Abstand am geringsten und die Verblendung und Neigung zur Subjektivität am größten sein dürfte. Das nicht zu objektivieren, sondern im Gegenteil konsequent die speziellen Gedanken, die so spezifisch sind für Heranwachsende in der noch nicht reflektierbaren Selbstüberhöhung, ungebrochen und konsequent subjektiv zu berichten, zu formulieren, das scheint mir an diesem Punkt der Lektüre die große Leistung dieser Reihe zu sein.

Unweigerlich frage ich mich auch: wie hat er sich so genau erinnern können? Stimmt das alles wirklich? Ich würde, denkt der Leser, nicht ein Zehntel der vergleichbaren Ereignisse und Zeiträume in meinem eigenen Leben derart präzise erinnern können. Wie macht er das nur, wie hat er es geschafft, das Material zu strukturieren, diese schier überwältigende Masse an Stoff zu fassen? Aber ich frage mich auch, ob diese Art der hautnahen Authentizität mir so im Gedächtnis bleiben wird. Ob es letztlich inspirierend ist? Gleichwohl sind es die bestechend authentischen oder authentisch wirkenden Passagen der selbstherrlichen, der überheblichen, der schamhaften, der verlorenen, der exzessiven, der dummen Momente, die den Leser fesseln und den Hunger nach den nächsten dreihundert Seiten schüren.

lebenIrgendwie habe ich was missverstanden oder war falsch informiert worden, als ich annahm, dass LEBEN das zweite Buch von Karl Ove Knausgårds autobiografischer Reihe MIN KAMP I-VI (wunderbare Übersetzung von Ulrich Sonnenberg) wäre; vielmehr ist es das vierte, während STERBEN richtig das erste ist. Dennoch: es spielt, glaube ich, keine Rolle für die Lektüre. Denn in diesem inzwischen sehr oft und vielerorts beschriebenen Opus Magnum geht Knausgård verschiedene Themen seines Lebens und damit jedes neue Buch wieder neu an, so als setze er eine andere Brille auf, um das eigene Leben zu betrachten, als lege er eine neue Folie auf sein Leben, die bestimmte Abschnitte und Eindrücke sichtbar macht und andere verdeckt.

Dicker als das erste, verlässt mich ca. auf Seite 220 der Zauber, den ich noch bei STERBEN gespürt habe. Aber es ist bloß eine kleine Ermüdung, die kurz darauf aufgefangen wird. Nach hunderten von Seiten verändert sich das Verhältnis Leser-Text/Autor/Figur (was hier in eins fällt). Mir scheint, als ob ich inzwischen besser verstünde, wie Knausgård zu lesen ist. Dieser verliert sich nicht im Charisma, ich gewinne im Gegenteil den Eindruck, dass ich erst im zweiten (also vierten) Buch verstehe, ein wie wütender und geladener Autor das sein muss, der sich in dieser Beschreibung eines Lebens verbirgt. Denn oft fliegt er über intensive oder krasse Begebenheiten hinweg, und weil er sie nie objektiv bewertet, sondern immer in der Innenperspektive bleibt, was ja die Stärke der Beschreibung ist, muss man erst lernen, die jeweilige Situation in der objektiven Perspektive zu sehen. Dann aber entfalten sich die Ereignisse in all ihrer Fatalität. Z. B. die wiederholten Trennungen von Mädchen, weil er mit seiner Sexualität nicht klarkommt. Hunderte von Seiten denkt man, dann hol dir doch einfach einen runter, ehe es von ihm selbst als Gespräch mit seinem Lehrerkollegen thematisiert wird. Aber auch damit behebt er die Problematik nicht, sondern gibt lieber die frische Beziehung auf.

Parallel weckt natürlich die intensive Beschäftigung mit K.s Adoleszenz die Erinnerung an das eigene Verhalten und die eigene Denkweise in dem Alter. Auch das hilft enorm beim Verständnis der berichteten Umstände. Die Erinnerung daran, wie ich als Kind Natur erlebt habe und wo, und wie sich das wann und warum verändert hat, als ich ein junger Erwachsener war. Wie ich Alkohol erlebt, zum ersten Mal und später getrunken habe. Wie ich mich an Sexualität herangetastet habe und wie kompliziert das war. Wie sich das Verhältnis zu meinen Eltern verändert hat zwischen vierzehn und zwanzig. Wie das Verhältnis zum Heimatort war und sich geändert hat in der Zeit von zwanzig bis vielleicht sechsundzwanzig.

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