Literatur, Psychologie, Politik

Hatte Lenz überhaupt eine Chance? Die Autorin der Lenz-Biographie von 1989 wird in ihrer etwas betulichen, aber unglaublich aufwändig recherchierten und beachtlich genau ausgespürten Art nicht müde zu betonen, dass Lenz vor allem durch den Vater ein Komplex aufgeladen wurde, der ihn in einer Zeit, die für Weicheier nicht eben viele Rückzugsräume bereithielt, von allem Anfang an schon mit einem schwer heilbaren Charakterknieschuss versehen hat. Als er dann auch noch „nichts Richtiges“ lernte, sondern sich voll auf die Künstlerexistenz kaprizierte, war er an sich (ohne öffentliche Förderprogramme, von denen heute immerhin einige mit vergleichbaren Ambitionen profitieren können) nur noch durch adelige Protektion zu retten. Hier tritt die nächste Schwierigkeit auf den Plan: Lenz’ kompromissloses und kritisches Künstlernaturell, dass von der Nachwelt so überaus hoch geschätzt wird, ließ ihn sich dieser Protektion nicht ohne weiteres ausliefern. Das zeitweise geradezu punkige Künstlerdorf Weimar zieht auch ihn an, die Erfolgkanone Goethe schoss ihm dann aber auch das zweite Knie zu Brei, so dass er fürderhin lediglich noch straucheln konnte. Für den Rest des zu kurzen und doch so zermürbend lange sich hingezogen habenden Lebens erhielt er dann keine entscheidende Unterstützung mehr, und er selbst war einfach nicht stark genug, einer stabilen und erfolgreichen Lebensform zuträgliche Entscheidungen zu fällen, sondern dazu verdammt, sich auf schmerzlichst selbstzermürbende Weise für die Gunst der längst ihn Hassenden den Arsch aufzureißen. Seine Reformanträge an die seine Ideen als feindlich bekämpfende Feudalherrscher_innen sind historisch geradezu lächerlich naiv und insgesamt ein fortgesetzter politischer Selbstmord. Wundersam bleibt, wie der zuhöchst Verzweifelte, dann in Russland hauptberuflich nur noch Unglückliche und sich in Grund und Boden Erniedrigende das aufstrebende Literaturschwergewicht Nikolai Karamsin nicht nur als Freund gewinnen, sondern auch, als Lenz selbst schon lange nichts Großes mehr schrieb, literarisch nachhaltig beeinflussen konnte.

In Kommentar veröffentlicht | Getaggt , , , , , , , , , , , | Kommentieren

“Hallo Wuppertal!”

Ulrich Hüni, Eberhard Köhler und Elisabeth Braune senden mit einem Videofilm einen Gruß nach Wuppertal.

http://www.youtube.com/watch?v=YwuJJnnZAWk&feature=share

"In Wuppertal zieht das Theater aus dem Schauspielhaus aus. Und in einen kleinen Schuppen nach Barmen. Wir sind Wuppertaler.Das hier ist unser Kommentar dazu. Ein kleiner Videofrust mit Fortsetzungen."

In Kommentar veröffentlicht | Getaggt , , , , , | Kommentieren

04.05.2013: Damit die Welt versteht (neues-deutschland.de)

Beim Tribunal gegen die Kriegsverbrecher des Nazi-Regimes 1945 / 46 wurde erstmals simultan gedolmetscht. Eine Ausstellung in Nürnberg dokumentiert und erinnert an die Pionierarbeit der Dolmetscher.

04.05.2013: Damit die Welt versteht (neues-deutschland.de).

In Kommentar veröffentlicht | Getaggt , , , , | Kommentieren

Mädchen Müll Männer

Drei vielleicht vierzehnjährige Mädchen unterhalten sich angeregt und vergnügt über Fernsehsendungen.

Ein Vater mit seinem kleinen Sohn an der Hand geht vorüber.

Ein Mädchen: Dick und Doof.

Alle wiehern.

Eine andere: Was wärst du lieber, Dick oder Doof?

Alle: Dick.

Eine: Wenn du dick bist, kannst du abnehmen, wenn du doof bist, daran kannst du nichts machen.

Sie kramen noch mehr Eis-am-Stiel-ähnliches Industrieessen hervor und verschlingen es.

Zwei Chinesen gehen vorbei. Der eine spricht abrupt laut in die sonnige Ruhe des Provinzbahnsteigs hinein.

Die Mädchen wiehern jedesmal und halten sich dann schnell den Mund zu, ihre Augen umso weiter aufgerissen.

Ein Mann mit Fahrrad: Das war gemein.

Er gibt den Chinesen auf Englisch eine Wegauskunft.

Die drei Mädchen lassen auf der Bank Holzstielchen und Plastikverpackungen zurück.

Sie und der Mann mit Fahrrad verschwinden im Regionalexpress.

Ein Mann mit zwei Söhnen im gleichen Alter wie die Mädchen: Jetzt müssen wir erstmal den Dreck von irgendwelchen Schlumpfen wegmachen.

Er zieht einen Latexhandschuh, den er scheinbar für genau diesen Zweck immer dabei hat, über eine Hand, sammelt den Müll auf und wirft ihn in einen Mülleimer.

2013-04-29_Wtal Unterfuehrung_kl

In Allgemein veröffentlicht | Getaggt , | Kommentieren

Zwerge, Drachen, Widerstand

Eine junge Frau neben mir klappt ihr Laptop auf und schaut den HOBBIT, als ich gerade lese, wie Houellebecq beschreibt, wie seine Romanfigur, der Künstler Jed Martin, den Schriftsteller Houellebecq in Irland besucht. Der Kontrast könnte kaum größer sein zwischen der Literatur, die gerade in Irland spielt und in der Houellebecq Houellebecq über amerikanische Autoren (und irische gastronomische Unfähigkeit) herziehen lässt, und der amerikanischen Verfilmung irischer Literatur.

Ich bin überrascht, wie lange die Eingangsszene dauert, in der die Zwerge auf Einladung des Zauberers sich in dem Hobbithöhlenhaus versammeln und frage mich, von wo sie eigentlich dorthin kommen. Ich erinnere mich, dass auch im Buch nicht viel dazu gesagt wird. Sie scheinen sich lange nicht gesehen zu haben, seit der Drache sie aus ihrem Königreich verjagt hat und sie fliehen mussten. Hier nun schmieden sie – allesamt erprobte Krieger – Pläne, ihre Heimat zurückzuerobern und ziehen los, nachdem sie (eigentlich wie Iren, was man so hört) noch ein paar Heimatballaden absingen.

Ich habe spontan keine Ahnung über die Rolle der Widerstandsbewegung gegen die britische Herrschaft in Irland 1937, als Tolkien über diesem Werk saß, oder wie er zur „irischen Frage“ stand, aber immerhin erschien THE HOBBIT im selben Jahr, als sich der irische Freistaat eine Verfassung gab und Eire nannte. Vielleicht ist dieses Buch – Tolkien, nicht Houellebecq – ja ein IRA-Fantasy-Roman?

In Kommentar veröffentlicht | Getaggt , , , , , | Kommentieren

Nach dem Abdanken Bismarcks bricht in Deutschland eine nicht enden wollende Anbetung aus

2013-04-28 13.20.09_Schild Doeppersberg_klkl

Zwei Stunden vor der Abfahrt aus Wuppertal bricht plötzlich die Sonne durch, und ich gehe mit H. und T. für einen kleinen Spaziergang auf die Hardt. Am Krankenhaus vorbei, das selbst krank zu sein scheint: auch hier wie überall Verfallserscheinungen: der Eingang baunetzversperrt. Plötzlich vor uns Gebimmel und eine absonderliche Prozession: vielleicht zwanzig Katholiken ziehen, mit einem Geistlichen im Ornat und unter einem von vier Leuten in Zivil getragenen Baldachin (!), über Megafon ein Vaterunser abbetend, den Weg vor uns hinauf. Sie biegen irgendwo ab, aber wir hören das Gebet auf dem Hardtfelsen noch mehrmals herüberwehen.

Wir lesen ein paar historische Hinweistafeln und schlängeln uns zum Steinturm hinauf. Das Bismarckflammenturmdenkmal von 1904 ist plastisches Zeugnis für die dumpfe, grobe, gewalt- und selbstgebasteltes Germanentum glorifizierende und selbstherrliche Grobschlächtigkeit der wilhelminischen Epoche: einfach widerwärtig. Dagegen zum Glück siegreich und entspannt allgegenwärtig das helle Grün des erratischen Frühlings, Magnolien, Kirschbäume. Wir lassen uns bergab Richtung Botanischer Garten treiben, wo im Café Elise eine hübsche D. unsern Gruß entgegennimmt und gut über mich Bescheid zu wissen scheint. Merkwürdig, denke ich, dass hier in diesem Kaff jemand etwas von mir weiß, den ich noch nie gesehen habe.

Dieser unerschütterliche alljährliche unbegründete Optimismus des Frühlingsgrüns, dieses von etwas, das in Pflanzen den Hormonen entsprechen muss, ausweglos ausgelöste Blattwachstum, das die Botanikflächen so drastisch verändert, von dunkel und winterkahl und starrbizarr zu bunt, froh, lichtverbunden, fedrig (gefiedert?), weich: schier überwältigend. In der Sonne auf der kleinen Terrasse mit dem über hundertjährigen Gusseisengeländer unter dem hübschen Elisenturm, dem älteren Gruß nach Berlin (es geht auch soft, Deutschland) – plötzlich ist dieser Flecken dermaßen in Ordnung und wunderbar in dieser abgewrackten Stadt, in der hübsche junge Frauen florierende Cafés betreiben neben ebenfalls hübschen, aber städtisch verwalteten Kakteenglashäusern und historischen Feuertürmen und in der große Freundeskreise mit Showeinlagen ihre alternden Freunde feiern und dabei größeres Publikum und mehr Elan bereitstellen als mit Senatsmittel geförderte Kiezlesungen in der Bundeshauptstadt.

In Kommentar veröffentlicht | Getaggt , , , , | Kommentieren

Görlitzer Ecke Lübbener

2013-04-23_Goerlitzer Ecke Luebbener_kl

 

In Allgemein veröffentlicht | Getaggt , | Kommentieren

Wiener Ecke Lausitzer

2013-04-23_Wiener Ecke Lausitzer_kl

 

In Allgemein veröffentlicht | Getaggt , | Kommentieren

Theater in Russland

Ruth Wyneken hat einen wunderbaren Artikel über die russische Theaterszene für die NZZ geschrieben. Findet sich hier.

In Kommentar veröffentlicht | Getaggt , , , , , , , | Kommentieren

Bölsche

2013-04-20_Boelsche

 

In Kommentar veröffentlicht | Getaggt , | Kommentieren