USA im September II

Die vergangene Woche begann mit einer Abkühlung, ohne dass es merklich weniger schwül wurde. Einige wunderbare und interessante Menschen, auf die ich mich schon sehr gefreut hatte, konnte ich nun tatsächlich sehen. Im Theater gab es wie immer enttäuschende Momente. So war Craig Lucas‘ neues Stück I WAS MOST ALIVE WITH YOU, das ich im Playwrights Horizons sah, eine einzige furchtbare Angelegenheit auf der Grundlage des Buches Hiob (und, der Autor macht leider kein Geheimnis draus, auch seines Lebens), die nicht einmal die ansonsten sicher interessante Tatsache, dass der Autor ASL (American Sign Language, vulgo Gebärdensprache) in das Stück eingeschrieben hat, retten konnte.


Der große Broadway-Hit BERNHARDT/HAMLET der (vor allem in Film und Fernsehen) sehr erfolgreichen Autorin Theresa Rebeck (am Roundabout Theater), die vor allem wegen der bekannten Darstellerin Janet McTeer die Massen anzieht, ist ebenfalls eine komplett misslungene Glamour-Veranstaltung. Das Stück hat offenbar einiges gewollt in Sachen MeToo und Gleichstellung, leistet aber nicht mehr als zu illustrieren, dass Sarah Bernhardt eine fulminante Persönlichkeit und Schauspielerin war, die mit ihrer improvisierten, leidenschaftlichen Darstellungsweise und Übernahme auch männlicher klassischer Rollen gewiss ihrer Zeit voraus war. Nicht gerade einfallsreich fordert Bernhardt in einer großen Szene gegen Ende von ihrem Geliebten, dem Autor Edmond Rostand, verbatim die Erfüllung der Kriterien des Bechdel-Tests in seiner Darstellung von Frauen – wie originell ist das? Das Ganze wird dermaßen rasant durchgehechelt, dass man gerade noch vergisst, wie langweilig es eigentlich ist. Welch ein Genuss dagegen die filigrane Arbeit in der neuen Inszenierung von UNCLE VANYA von Richard Nelson – auch hier mit Jay O. Sanders ein Star in der Hauptrolle. Zugegeben ungleich intimer und mit Tschechows Stück selbst in der stark gekürzten Fassung ein solider Klassiker, aber dennoch ein gelungener, intelligenter Genuss. Das Stück war eine Auftragsarbeit des New Yorker Hunter College, wo es auch aufgeführt wurde; die Theaterabteilung möchte mehr eigene Produktionen herausbringen. Auch die innovative Produktion HATUEY: MEMORY OF FIRE am Montclair College hat mich sehr interessiert.

Sprechen konnte ich mit Student*innen von Prof. Graham-Jones am Graduate Center der CUNY über meine Arbeit als Übersetzer, mit der Leitung von wichtigen Zentren für Theaterautor*innen, dem New Dramatists und dem LARK, beide in Katzenwurfweite von einander zwischen 43rd-44th Street und 8-10th Avenue gelegen (über ihre Arbeit und aktuelle Strömungen in der US-Dramatik) sowie mehrfach mit führenden Theaterkritiker*innen New Yorks. Auch Theatermacherinnen konnte ich treffen – und ihre neuen Stücke lesen, naja, damit bin ich noch nicht durch. Abgerundet wurde meine zweite Woche in New York von Picknick, Badminton und Laufen im Park, der Lektüre von Hallydays ASYMMETRIE und Salzmanns AUSSER SICH auf ausgedehnten U-Bahn- und Busfahrten, Spaziergängen zwischen Wolkenkratzern, wo vorher keine waren, und Gedenkbecken, wo mal welche standen, sowie dem obligatorischen Besuch im MoMA, wo gerade eine beeindruckende Ausstellung zu jugoslawischer Architektur zu sehen ist.

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