USA im September III

Eine Woche gepackt voll mit rasch wechselnden Orten, Menschen, Temperaturen, Topographien, Kontexten. Von Berlin aus hatte ich den falschen Flughafen ausgewählt: Nicht JFK, sondern La Guardia wäre der nächste gewesen. So brauchte ich am frühen Morgen fast eine Stunde kostspielige Fahrt, um als nächstes herauszufinden, dass mein Koffer zu schwer war. Um außerweltliche hundert Dollar Zuzahlung zu vermeiden, musste ich eine zusätzliche Tasche von einer Frau im Flughafen kaufen, die offenbar nur davon lebte, dass Leute wie ich zu blöd sind, die Gepäckbestimmungen zu durchschauen – und alles im Halbschlaf. In Chicago geriet ich dann in die falsche Bahn und schleppte bei fast 30 Grad dasselbe zu schwere Gepäck irgendwelche Treppen hoch und wieder runter und machte einen Riesenumweg ins Hostel. Erst von da an wurde alles besser.

Im schönsten Viertel Chicagos gelegen, bot das Hostel zwar nur einen stinkigen Gemeinschaftswaschraum, hinter dem sich jedes Bahnhofsklo verstecken konnte, aber dafür günstige Unterkunft in Gehnähe zum Lincoln Park und – dem Michigansee, praktisch einem Süßwassermeer. Ich nutzte das hervorragende Wetter, mietete ein Fahrrad und fuhr bis zum „Loop“ hinunter, der nach den sie einfriedenden Hochbahngleisen so genannten Innenstadt, schlenderte ein wenig zwischen den Hochhäusern herum, die die nächste Hauswand mit gespiegelten Nachmittagssonnenmustern besprenkelten. Gegenüber dem hektischen und vollgestopften New York strahlt Chicago eine selbstbewusste Ruhe und Entspanntheit aus. Die Innenstadt ist aufgeräumt, sauber, ruhig. Alles wirkt heller und grüner: Die Straßen sind gesäumt mit Bäumen, die ich für Ulmen halte und hinter denen beeindruckende alte Steinvillen stehen, die beim Brand der Innenstadt 1871 wohl nicht gelitten haben.

Die wenigen Tage hier sind stark bestimmt von den geplanten Unterrichten an der Theater School der DePaul-Universität. Dem voraus geht – wie schon zwei Wochen zuvor in NYC – ein inspiriertes Gespräch mit der Leitung des Goethe-Instituts. Nächsten Tags dann schreite ich in formeller Kleidung, das war mir wichtig, zum Universitätsgebäude, einem sehr modernen Bau ganz in Weiß. Ich bin angespannt. Wochenlang habe ich mich auf etwas vorbereitet, von dem ich bis jetzt nicht weiß, wie genau es aussehen wird. Was ich durchaus nicht leiden kann. Allerdings sage ich mir, mach es wie ein Schauspieler: Sei auf alles vorbereitet und improvisiere dann. So kommt es auch: Ich beglücke, vielleicht ein wenig übereifrig, die Student*innen, die allerdings sehr interessiert, engagiert und durchaus vorbereitet wirken, mit vermutlich zu vielen Geistesergießungen eines theaterliebenden Ausländers und werde mit interessanten Rückfragen belohnt.


Von Carlos Murillo habe ich vor Jahren zwei Stücke übersetzen und unseren anschließenden Austausch an verschiedenen Stellen veröffentlichen können. Er unterrichtet szenisches Schreiben an der DePaul, und beim Essen lernen wir uns zum ersten Mal persönlich kennen. Ich fürchte, ich bin zugleich übermüdet nach einer schlechten Nacht im Hostel und serotoningetränkt nach dem zufriedenstellenden Ablauf der Unterrichte. Dennoch gereicht unser erstes Gespräch hervorragend zur Grundlage seiner entspannten Moderation des Unterrichts mit den angehenden Theaterautoren am nächsten Morgen. Inspirierend und auf hohem Niveau gerät diese Diskussion zu einem veritablen Austausch. Als ich das Theatergebäude verlasse, ist es immer noch hochsommerlich heiß. Zufrieden, glücklich, inspiriert finde ich, ich habe mir eine Auszeit verdient und feiere mit einer Stunde Laufen am und Baden im See.

Das berühmte Steppenwolf Theater spielt DOWNSTATE, das neue Stück von Bruce Norris über eine WG von vier Sexualstraftätern, in dem in feinstem Realismus, wie schon in New York selbst in schlechten Stücken von hervorragenden Schauspielern gespielt, die kontroverse Situation dieser von der Gesellschaft über das Maß ihrer Strafe hinaus Geächteten und ihren Angehörigen dargelegt wird. Der erfahrene Autor konstruiert in raffinierter Könnerschaft alle Perspektiven der Ausgestoßenen, ihre Selbstgerechtigkeit und ihre sogar bis zum Freitod führende Qual, die ihnen niemand abkauft, am wenigsten die Opfer, auch sie gefangen in einem Pfuhl aus Selbstgerechtigkeit. Noch beim Kofferpacken nach dem Rückweg durch die warme Nachtluft fühle ich mich von dem Theaterabend unweigerlich emotional manipuliert und muss an Brechts Bedürfnis denken, das Theater von der hirnvernebelnden Illusion des Realismus zu befreien und den Menschen intellektuelle Anregung zu bieten anstatt Tränen und Rührung.

Früh am nächsten Morgen zerre ich das umfangreiche Gepäck zur Abwechslung durch ein passantenarmes Industriegebiet. Ein Mann, der seine Tochter in den Kindergarten bringt, kann mir den richtigen Weg zur Union Station weisen. Ortsunkundig quäle ich mich unnötig die falschen Treppen hoch und runter, ehe ich den richtigen Zug erwische und, eben noch fluchend, sobald ich sitze, auch schon wieder frohlocke: Einen Einen Kaffee konnte ich mir noch schnappen, die Sitze sind geräumig und bequem, der Fahrpreis ist kaum der Rede wert, per WLAN kann ich arbeiten, während draußen 300 Kilometer lang reife Getreidefelder, Farmgebäude und Flecken wie Plano, Mendota, Kewanee vorüberziehen, die Bahnhöfe unscheinbar wie Bushaltestellen.

Galesburg, Illinois. Zirka 33.000 Einwohner, davon 1.300 Student*innen am Liberal Arts Knox College. Dennoch genügend Bars, um auszugehen, ohne unliebsame Begegnungen zu riskieren. Meine Mischung aus Übermüdung und Euphorie setzt sich im gemütlichen örtlichen Café The Beanhive fort, wo mein Gastgeber Neil mich mit einem riesigen stärkenden Kaffee und Toast versorgt. Das Wetter weiterhin sonnig, aber spürbar kälter als in Chicago. Ich spaziere einmal um den Block, typisch für diese kleinen Städtchen im Mittleren Westen: die Gebäude stehen zu weit auseinander, als dass sich ein Stadtgefühl herstellen könnte. Dafür kann zum Beispiel ein Hubschrauber, auch ein großer, problemlos überall landen, zum Beispiel vor dem „Old Main“ genannten historischen Hauptgebäude der Universität, erbaut 1837 gleich nach Gründung der Stadt durch Herrn Gale, und gleich darauf auch der Universität. Die Galesburger sind stolz auf diese Bauwerk, hat es sie doch auf die geschichtliche Landkarte gesetzt, als hier Abraham Lincoln und sein sklavenhalterischer Gegenkandidat Douglas, von dem fürderhin nichts mehr zu hören war, sich ihre fünfte Wahlkampfdebatte geliefert haben.

Zunächst lausche ich Neils Unterricht mit Theaterstudent*innen über Pirandellos SECHS PERSONEN SUCHEN EINEN AUTOR als Beispiel maßgeblicher Dramatik des frühen 20. Jahrhunderts. Ich weiß kaum etwas über das Stück, aber von ganz hinten in meiner Erinnerung steigen Bilder einer Schultheaterinszenierung vor dreißig Jahren auf, als ich darin die erste Rolle meines Lebens spielte, die sich – komplett textfrei – am Ende selbst erschießt. Damals dachte ich, ich wäre einfach zu blöd, um die Handlung zu kapieren, aber siehe da, ich kapiere sie heute immer noch nicht wirklich – Beruhigung und Entwarnung Dekaden später.

Im Anschluss spreche ich im Gebäude der Theaterabteilung, das sich durch einen interessanten Sechzigerjahre-Stil mit zirkulärem Motiv auszeichnet, vor einigen interessierten Student*innen und Lehrer*innen über Theaterübersetzen und Entwicklungen im deutschen Theater, und am Abend spiele ich Mäuschen bei der Bühnenprobe von Neils Student*innen in Palmetshofers VOR SONNENAUFGANG. In Theaterräumen, wo auch immer auf dieser Welt, fühle ich mich augenblicklich zuhause, diese Räume kenne ich, sie sind mir vertraut, ich weiß mich hier zu bewegen. Und am Ende des Tages verspricht ein großes, weiches, gemütliches Hotelbett, die Hostelerfahrung wiedergutzumachen; der einzige Nachteil: Ich muss es recht früh für die Fahrt zurück nach Chicago wieder verlassen, wo ich sogleich in einen Flieger in wieder eine andere Zeitzone steige und die erste Flugstunde verschlafe.

Den Einstand in Portland mache ich, wie schon in New York, mit einem Ausflug aus der Stadt hinaus in die Natur – und davon gibt es hier jede Menge. Richtig hohe Berge, richtig breite Flüsse, richtig hohe Bäume. Und natürlich einen richtig großen Ozean mit richtig großen Walen. Ob ich allerdings eines der Letzteren in den nächsten paar Tagen noch zu sehen bekomme, wird sich erst zeigen.

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