Pandemiekatalysator

In den vergangenen pandemischen Wochen frage ich Freundinnen und Freunde in Ost und West nach ihrem Befinden und ihren Gedanken. Aus meinem sicheren, geradezu gemütlichen Büro heraus strecke ich, privilegiert und kontaktfrei und ansonsten eingebettet in existenzangst- und ablenkungsfreie Übersetzungsarbeiten, die Fühler aus in andere Weltgegenden. Gerade aus den USA, wo ich noch Ende Mai für eine Lesung gewesen wäre, erhalte ich viele Nachrichten.

Aus San Francisco meldet sich eine Freundin. Sie ist künstlerische, literarisch und gesellschaftlich ihr Leben lang sehr aktiv gewesen. Das Herzstück ihres Gesellschaftslebens, eine wunderbare viktorianische Wohnung, musste sie vor einigen Jahren aus finanziellen Gründen aufgeben; danach wurde es zunehmend schwierig für sie. Zwar konnte sie im Viertel bleiben, hatte aber enorme Schwierigkeiten mit der Gentrifizierung der Stadt durch die Internetindustrie im nahen Silicon Valley. Ihre Antwort ist lang und verzweifelt, so dass ich mir ernsthaft Sorgen mache. Sie ist existentiell verängstigt, mag nicht mal in den Spiegel schauen, geschweige denn über Video mit mir sprechen. Sie ist arm und inzwischen auch durchaus alt. Es gibt in der amerikanischen „freien“ Marktwirtschaft keinerlei Unterstützung für sie. „We are watching the end of America“, schreibt sie; es fehlt: „as we know it“, denn der Staatenbund wird nicht untergehen, was soll das auch heißen, untergehen. Sezession? Kalifornien endlich unabhängig? Die Demonstrant*innen, die der Meinung sind, dass ihre Generation die (amerikanische) Welt verändern wird (Aufnahmen der Tagesschau gestern), weil die Dringlichkeit, mit der sie verändert werden muss, schon lange und jetzt erst recht keinen weiteren Aufschub duldet, entsprechen der Meldung auf KCRW: „Black Lives Matter reaches a turning point after Breonna Taylor and George Floyd’s deaths, says Patrisse Cullors“ (die Mitbegründerin von Black Lives Matter). Die Einschätzung der Freundin, dass jetzt Faschisten am Ruder sitzen, würde ich nur insoweit ergänzen, als dass extremistische und auch militante Rechte in den USA nichts Neues ist. Wer sich mit den extremistischen US-amerikanischen Gruppierungen auseinandersetzt, muss dem Land bald eine bedrohliche Persönlichkeitsstörung attestieren. Außerdem könnte ich ihr sagen, dass sich Paul Auster ihren Ansichten anschließt: Um angesichts des Wahlsystems in den USA politische Veränderungen hervorzurufen, meint er, würde es einer deutlichen Zweidrittelmehrheit bedürfen.[1]

Wer kann, flieht die großen Städte, in denen nicht nur Corona, sondern inzwischen gelegentlich auch gewalttätige Proteste eine Gefahr bilden. In den USA sind das die Privilegierten. Wenn sie es sich leisten können und einen zweiten Wohnsitz oder ein Haus abseits der Metropolen haben, verbringen sie nun dort ihre Zeit. Richard Nelsons neues Stück WHAT DO WE NEED TO TALK ABOUT? ist eine Fortsetzung seiner „Apple Family Plays“, in denen die Figuren gegenwärtige Themen erleben und besprechen. Nelson hat seine Fortsetzung der aktuellen Situation der Figuren und des Publikums angepasst: Die Familie spricht über Zoom mit einander, die Aufzeichnung ist das Theaterstück. Theatralisch funktioniert das prima, aber angesichts existentieller Fragen für Individuen als auch Staatsorgane in den USA muss man sich fragen, wie relevant das Stück aktuell ist. Denn auf alle Systeme wirkt COVID-19 wie ein Katalysator: Was schlimm ist, wird katastrophal, was tendenziell funktioniert, bewährt sich. Die unter dem Coronakatalysator furchtbar gewordenen prekären Verhältnisse großer Bevölkerungsteile werden lebensgefährlich (über 50 Prozent aller erwachsenen Schwarzen sind arbeitslos[2]), die unablässige rassistische Gewalt seitens der Polizei kostet fortwährend Leben, die Bundesregierung der USA kündigt massenhaft mühsam erarbeitete internationale Abkommen auf usw. Wen kümmern da die Privilegierten, die in einem Theaterstück über die Ausgehsperre jammern?

Auch mehrere Freundinnen aus St. Petersburg, Schauspielerinnen und jetzt ohne Einkommen, sind mit ihren Familien weit hinaus aufs Land gezogen, um der Ansteckungsgefahr und dem Stress der Metropole zu entfliehen. Auch für sie hat das Leben in der strukturschwachen Russischen Förderation nach Jahren unter internationalen Sanktionen stets prekär ausgesehen. Die Möglichkeit, auf Datschen ihr Gemüse selbstversorgerisch anzupflanzen, begleitet die russische Bevölkerung schon durch zig Dekaden unter Herrschaften, denen das Wohl ihrer Bürgerinnen und Bürger gleichgültig war und ist. „As to work… frustrated, tried to apply my knowledges online in different lines… we’ll see… and problems with money occurred of course… but… life still goes on))))))“ Diese Menschen sind resilienter, sie können auf viele Generationen zurückblicken, die geübt waren im Umgang mit schlimmen und schlimmsten auch dauerhaften Situationen, und anders als in den U.S.A. wappnet man sich gegen das Verhungern hier mit Gemüsebeeten anstatt mit Waffen.

Der Freundin in San Francisco möchte ich impulsiv sagen: „You are beautiful“, und ich denke, dass dieses beautiful im Hippie-Sinn – einer Kultur, der sie entstammt oder von der sie stark geprägt ist – bei ihr als Wertschätzung ihrer „inneren Schönheit“, will sagen ihrer Liebenswürdigkeit und Respektwürdigkeit als Mensch ankommen würde, ein beautiful, das sie besser verstehen würde als ich, der ich nur verstehe, dass sie es verstehen und brauchen kann. Das ist aber lauwarmer Mist und so wenig nützlich wie anderer spiritueller Zuspruch. „Zuckerberg is another monster who has admitted to using Facebook for mind control experiments“ Diese herzensgute Freundin hat ihr Leben diesem speziellen Verständnis von Beauty geopfert und steht nun am Rand. Was sie braucht, ist Geld zum Überleben. Ihre Armut schlägt angesichts ihrer Lage und der ihrer Nation um in Schock, Trauma, Dämonisierung.

In Deutschland leidet die Autoindustrie – da geht mir die Empathie ab. Die Kulturinstitutionen versuchen sich in mehr oder weniger geschickten Internetangeboten, um die Kontaktverbote einzuhalten und trotzdem arbeiten zu können. Einige Theater entdecken analoge Formen und spielen auf dem Platz vor der Tür, aber am selben Ort zum selben Zeitpunkt mit dem Publikum. Drei Monate Absenz und Abstinenz des Theaters und Experimente mit dem Internet haben uns bestätigt, was wir schon wussten: Die Präsenz im gleichen Raum zur gleichen Zeit sind die unverzichtbaren Kerneigenschaften von Theater, das gemeinsame Erleben oder sogar noch mehr das Erleben von Gemeinschaft. Es hat interessante Projekte gegeben wie die täglichen (!) Segal Talks von Frank Hentschker des Martin E. Segal Theatre Centers mit internationalen Theatermacher*innen[3] oder die Öffnung des Schaubühne-Archivs. Im Bereich Lyrik und Literatur war meines Erachtens die digitale Version des 21. Poesiefestivals ein Erfolg.

Die Regierung hat sich überparteilich zusammengerissen und ihrer Bevölkerung geholfen. Die Infektionszahlen sind schrecklich hoch gewesen, viele Menschen sind gestorben. Jedoch müssen wir im Vergleich dankbar sein für frühe Maßnahmen, die Schlimmeres wie bei vielen Nachbarn verhindert haben. Die Soforthilfen konnten sehr viele auch im künstlerischen und Kulturbereich Tätige nutzen. Forderungen für weitere Hilfen stehen auf dem Plan. Existentielle Ereignisse konnten nicht immer verhindert werden, viele Geschäfte werden in die Insolvenz gehen, aber eine umfassende Not konnte abgepuffert und verhindert werden. Im Unterschied zu einigen anderen Ländern wurde die Krise nicht wider die Bevölkerung verwendet. Im Gegenteil wird urbane Fahrradpolitik umgesetzt und über Ökopolitik nachgedacht. Wirtschaftshilfen mit Ökointeresse, wer hätte das gedacht! Oder ist es nur so, dass die Wirtschaft, die sich diesem Wandel seit Dekaden widersetzt, sich die längst überfälligen Maßnahmen nun mit Steuergeldern bezahlen lässt?

In anderen Ländern sieht das anders aus. Gern würde ich Blogs von Freunden aus Portland, aus New York, San Francisco, aus Komsomolsk-na-Amure, aus St. Petersburg etc. lesen. Aus Beijing erhalte ich regelmäßig Rundbriefe über die absurden Zustände in Beijing während des so genannten Lockdowns. Auch aus der Türkei, Peru, aus Irak würde ich gern persönliche Perspektiven erhalten (wenn ich sie denn lesen könnte). In den USA dauern die Proteste nach einem neuerlichen Mord an einem Schwarzen in Minneapolis gegen rassistische Polizeigewalt und die ungleiche Gesellschaft an und scheinen nun auch Veränderungen nach sich zu ziehen: Auflösung der Polizei in Minneapolis, drastische Budgetkürzung der Polizei in Los Angeles[4] usw. Amerikanische Freunde berichten, die Proteste in Berlin und anderen europäischen Städten am siebten Juni hätten ihnen gut getan, und hätte ich Freunde in Brasilien, wo sie tatsächlich unter Lebensgefahr gegen die faschistische Regierung Bolsonaros protestieren, würden sie sicher dasselbe sagen; nach Trumps Beispiel will auch er aus der WHO austreten. In Brasilien steht Vivas Negras e Indígenas Importam auf den Schildern und Bannern.


[1] https://www.zeit.de/2020/22/paul-auster-donald-trump-usa-demokratie

[2] https://www.nytimes.com/2020/06/06/opinion/sunday/george-floyd-structural-racism.html

[3] https://thesegalcenter.org/ und howlround.tv

[4] https://www.nytimes.com/2020/06/08/us/unrest-defund-police.html

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